Die spanische Fluggesellschaft Vueling hat am 14. Januar 2026 ihre langfristige Strategie unter dem Titel Rumbo 2035 vorgestellt und damit eine Zäsur in ihrer Unternehmensgeschichte eingeleitet. Kern der neuen Roadmap ist eine fundamentale Abkehr von der bisherigen reinen Airbus-Flotte hin zu Modellen des US-Herstellers Boeing.
Bis zum Jahr 2030 plant die Tochtergesellschaft der International Airlines Group Investitionen in Höhe von fünf Milliarden Euro, um die jährliche Passagierzahl von derzeit 40 Millionen auf 60 Millionen bis zum Jahr 2035 zu steigern. Neben der technischen Modernisierung bekräftigte die Fluglinie ihr Bekenntnis zum Heimatdrehkreuz Barcelona-El Prat, wo sie bereits heute einen Marktanteil von 40 Prozent hält. Die Umsetzung der Wachstumspläne soll erhebliche wirtschaftliche Impulse für die Region Katalonien generieren und die Position von Vueling im hart umkämpften europäischen Billigflugsegment festigen.
Der radikale Flottenwechsel von Airbus zu Boeing
Die wohl überraschendste Ankündigung der Vorstandsvorsitzenden Carolina Martinoli betrifft die zukünftige Zusammensetzung der Flugzeugflotte. Vueling, die seit ihrer Gründung als reiner Airbus-Betreiber bekannt war, wird in den kommenden Jahren vollständig auf die Boeing 737 Max umstellen. Dieser strategische Schwenk ist Teil einer größeren Flottenoptimierung innerhalb der International Airlines Group, die bereits eine erste Tranche von 50 Flugzeugen des Typs Boeing 737 Max 8 aus ihren bestehenden Auftragsbüchern für Vueling reserviert hat.
Der Übergangsprozess ist auf einen Zeitraum von sieben bis acht Jahren angelegt. In dieser Übergangsphase werden sowohl die bewährten Airbus-Modelle der A320-Familie als auch die neuen Boeing-Maschinen parallel betrieben. Die erste Auslieferung der neuen Boeing-Flotte wird für Oktober 2026 erwartet, zwei weitere Maschinen sollen noch vor Ende desselben Jahres folgen. Branchenexperten werten diesen Schritt als Versuch, die Abhängigkeit von einem einzigen Hersteller zu verringern und von den spezifischen Effizienzvorteilen der Max-Serie zu profitieren. Martinoli betonte, dass die Modernisierung der Flotte Treibstoffeinsparungen in der Größenordnung von 20 Prozent ermöglichen wird, was angesichts schwankender Energiepreise einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil darstellt.
Wachstumsziele und Marktexpansion bis 2035
Mit dem Investitionsprogramm über fünf Milliarden Euro verfolgt Vueling das Ziel, ihre Kapazitäten innerhalb des nächsten Jahrzehnts um 50 Prozent auszuweiten. Das Erreichen der Marke von 60 Millionen Passagieren jährlich erfordert nicht nur neue Flugzeuge, sondern auch eine Erweiterung des Streckennetzes und eine höhere Taktfrequenz auf bestehenden Verbindungen. Während die Airline in Südeuropa bereits eine dominierende Stellung einnimmt, deutet die Strategie Rumbo 2035 auf eine stärkere Durchdringung nord- und osteuropäischer Märkte hin.
Ein wesentlicher Pfeiler dieses Wachstums bleibt der Flughafen Barcelona-El Prat. Vueling plant, ihre Vormachtstellung an ihrem Hauptstandort weiter auszubauen, was eng mit den Ausbauplänen des Flughafens selbst verknüpft ist. Die Airline geht davon aus, dass die erfolgreiche Umsetzung ihrer Roadmap den jährlichen Beitrag zur katalanischen Wirtschaft auf rund 10,5 Milliarden Euro steigern wird. Dies unterstreicht die Bedeutung der Fluggesellschaft nicht nur als Transportunternehmen, sondern als zentraler Wirtschaftsfaktor für den Nordosten Spaniens.
Herausforderungen der dualen Flottenführung
Die Entscheidung, über fast ein Jahrzehnt hinweg zwei völlig unterschiedliche Flugzeugtypen parallel zu betreiben, stellt die operativen Abteilungen vor erhebliche logistische Aufgaben. Piloten müssen für die Boeing-Systeme umgeschult werden, und die Wartungsteams benötigen zusätzliche Zertifizierungen sowie eine verdoppelte Ersatzteillogistik. Solche Übergangsphasen gelten in der Luftfahrt als kostenintensiv und komplex, bieten jedoch langfristig die Chance auf eine modernere und kosteneffizientere Basis.
Vueling setzt darauf, dass die Skaleneffekte innerhalb der IAG-Gruppe die anfänglichen Mehrkosten des Flottenwechsels abfedern. Durch die Nutzung der Gruppenbestellungen bei Boeing kann die Airline von Konditionen profitieren, die für eine Einzelgesellschaft in dieser Form schwer verhandelbar wären. Zudem ermöglicht die Boeing 737 Max 8 durch ihre Reichweite und Sitzplatzkapazität eine flexiblere Gestaltung des Flugplans, insbesondere auf längeren europäischen Routen oder Verbindungen nach Nordafrika und in den Nahen Osten.
Wirtschaftliche Impulse für Katalonien und Spanien
Die angekündigten Investitionen von fünf Milliarden Euro bis 2030 werden weit über den Kauf von Flugzeugen hinausgehen. Sie umfassen den Ausbau der digitalen Infrastruktur, die Ausbildung von Fachpersonal und die Erweiterung der Bodenabfertigungskapazitäten. Vueling positioniert sich damit als Motor für die Schaffung qualifizierter Arbeitsplätze in der Region. Die prognostizierte Wertschöpfung von 10,5 Milliarden Euro jährlich für die katalanische Wirtschaft umfasst dabei sowohl direkte Effekte durch den Flugbetrieb als auch indirekte Impulse für den Tourismus- und Dienstleistungssektor.
Die Strategie Rumbo 2035 ist somit auch ein politisches Signal. In einer Zeit, in der europäische Airlines unter hohem Konsolidierungsdruck stehen, demonstriert Vueling Eigenständigkeit und Expansionswillen innerhalb des IAG-Konstrukts. Mit der Fokussierung auf Effizienz und Volumenwachstum bereitet sich die Fluggesellschaft darauf vor, ihren Marktanteil im Low-Cost-Segment gegen Konkurrenten wie Ryanair und EasyJet zu verteidigen und auszubauen.
Zukunftsaussichten im europäischen Luftraum
Der Erfolg der neuen Roadmap wird maßgeblich davon abhängen, wie reibungslos die Integration der Boeing-Flotte ab dem Herbst 2026 verläuft. Die Luftfahrtbranche wird genau beobachten, ob Vueling die versprochenen Effizienzgewinne realisieren kann, ohne die operative Stabilität während der langjährigen Übergangsphase zu gefährden. Carolina Martinoli gab sich bei der Präsentation zuversichtlich: Die Roadmap sei ein realistischer Pfad, um Vueling als eine der führenden und profitabelsten Fluggesellschaften Europas im nächsten Jahrzehnt zu etablieren.
Die kommenden Jahre bis 2030 markieren demnach eine Phase der Transformation, in der das Fundament für die angestrebten 60 Millionen Passagiere gelegt wird. Mit einem klaren Bekenntnis zu Barcelona und einer technologischen Neuausrichtung schlägt Vueling ein neues Kapitel auf, das die Dynamik im europäischen Flugverkehr nachhaltig beeinflussen könnte.