Airbus A321neo (Foto: Lufthansa).
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Strategische Neuausrichtung: Lufthansa forciert Langstrecke und plant Kostensenkungsprogramm

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Die Lufthansa Group hat auf ihrem Kapitalmarkttag in München ambitionierte Pläne zur Steigerung ihrer Profitabilität präsentiert. Ziel ist es, bis zum Jahr 2030 eine bereinigte Umsatzrendite (EBIT-Marge) von acht bis zehn Prozent zu erreichen, was eine Verdopplung des Werts von 4,4 Prozent im vergangenen Jahr bedeuten würde. Konzernchef Carsten Spohr räumte offen ein, dass der größte Luftfahrtkonzern Europas mit rund 105.000 Beschäftigten finanziell hinter wichtigen Wettbewerbern wie der British-Airways-Mutter IAG oder Air France-KLM zurückliegt. Um diesen Rückstand aufzuholen und die historischen Konzernergebnisse zu übertreffen, setzt das Management auf eine radikale Umstrukturierung der Kernmarke Lufthansa Classic und einen massiven Stellenabbau in der Verwaltung.

Das Herzstück der Herausforderung ist die Kernmarke selbst. Der sogenannte „Kern des Kerns“, Lufthansa Classic, schrieb im ersten Halbjahr des aktuellen Geschäftsjahres tiefrote Zahlen und verursachte mit 274 Millionen Euro Verlust den Großteil des Fehlbetrags von Lufthansa Airlines. Um diesen Zustand zu beenden und die Wettbewerbsfähigkeit zu sichern, wird Lufthansa Classic bis 2030 deutlich stärker auf das Langstreckengeschäft ausgerichtet. Gleichzeitig sollen die Kurzstreckenaktivitäten schrittweise an neu gegründete Konzerntöchter mit niedrigeren operativen Kosten abgegeben werden.

Verlagerung im Flugbetrieb: Die Kurzstrecke wird neu verteilt

Die zentrale strategische Verlagerung betrifft das Europageschäft. Lufthansa-Netzwerkmanager Stefan Kreuzpainter formulierte die Zielsetzung deutlich: Bis 2030 sollen 50 Prozent der Kurzstreckenflotte von Lufthansa Airlines auf die effizienteren Flugbetriebe Discover Airlines und die neue City Airlines übertragen werden. Ende 2024 lag dieser Anteil der Kurzstreckenflotte noch zu 80 Prozent bei Lufthansa Classic.

Der Hauptgrund für diese Verlagerung liegt in der Kostenstruktur der verschiedenen Betriebseinheiten. Die Crewkosten bei Discover Airlines und City Airlines sind, wie das Unternehmen auf dem Kapitalmarkttag bekannt gab, „bis zu 40 Prozent“ niedriger als bei der Kerngesellschaft Lufthansa Classic. Durch die Auslagerung des Kurzstreckenverkehrs auf diese neuen Plattformen, die zu niedrigeren Tarifbedingungen operieren, sollen die Löcher im Ertragsbereich gestopft werden. City Airlines wird dabei die Zubringerflüge an den Drehkreuzen Frankfurt und München übernehmen, während Discover Airlines sich auf das touristische Geschäft konzentriert.

Die Kernmarke selbst wird sich zukünftig auf das margenstarke Interkontinentalgeschäft fokussieren, wo sie durch das neue Langstreckenprodukt „Allegris“ und eine umfassende Flottenmodernisierung eine stärkere Position einnehmen will. Diese Neuordnung zielt darauf ab, die Kostenstruktur der gesamten Gruppe zu optimieren und die Ertragskraft nachhaltig zu steigern, insbesondere im Hinblick auf den intensiven Wettbewerb im europäischen Kurzstreckenmarkt.

Radikales Effizienzprogramm: Stellenabbau in der Verwaltung

Der Weg zur angestrebten Marge von zehn Prozent führt nicht nur über eine neue Aufteilung des Flugbetriebs, sondern auch über ein umfassendes Effizienzprogramm in der Verwaltung und den unterstützenden Funktionen. Im Rahmen des Sanierungsprogramms „Turnaround“ kündigte der Konzern den Wegfall von rund 4.000 Verwaltungsstellen bis zum Jahr 2030 an, wobei der Großteil der Kürzungen in Deutschland erfolgen soll.

Dieser massive Stellenabbau soll durch Digitalisierung, Automatisierung und die Bündelung von Prozessen in zentralen Einheiten realisiert werden. Ziel ist es, jährliche Kosteneinsparungen von 300 Millionen Euro zu erzielen. Allerdings sind für die einmalige Restrukturierung Kosten von etwa 400 Millionen Euro veranschlagt. Der Fokus liegt dabei nicht auf den operativen Rollen im direkten Flugbetrieb, sondern auf administrativen Aufgaben, insbesondere an Standorten wie Frankfurt, wo mit einem überproportionalen Abbau zu rechnen ist, da Funktionen wie Vertrieb und Netzwerkplanung künftig zentral gesteuert werden sollen.

Die Gewerkschaft Verdi hat den geplanten Stellenabbau bereits scharf kritisiert und kündigte Widerstand an. Sie argumentiert, dass die Beschäftigten des Konzerns nach der Corona-Krise bereits zum Turnaround beigetragen hätten und nun nicht die Leidtragenden des Sparkurses werden dürften. Die Gewerkschaft plant, die anstehenden Tarifrunden zu nutzen, um Arbeitsplatzsicherungen durchzusetzen und betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden, beispielsweise durch Modelle wie Altersteilzeit. Die Verhandlungen mit den Sozialpartnern werden somit ein entscheidender Faktor für die Umsetzung des Sparprogramms.

Investitionen in die Zukunft: Flottenmodernisierung und Produktverbesserung

Ein zentraler Pfeiler der Strategie bis 2030 ist die umfassende Modernisierung der Konzernflotte. Bis zum Ende des Jahrzehnts sollen mehr als 230 neue Flugzeuge zur Flotte stoßen, darunter 100 neue Langstreckenflugzeuge. Im Zuge dieser Erneuerung strebt die Lufthansa Group eine Vereinheitlichung der Langstreckenflotte an: Die Anzahl der unterschiedlichen Langstreckenflugzeugtypen soll von aktuell 13 auf neun reduziert werden.

Diese Konsolidierung bedeutet gleichzeitig den Abschied von älteren Flugzeugmodellen, wie dem Airbus A340-600 oder der Boeing 767-300, die durch effizientere und moderne Muster wie die Boeing 777-9, den Airbus A350 und die Boeing 787-9 ersetzt werden. Die neuen Flugzeuge sollen nicht nur die Betriebskosten senken, sondern auch das Kundenerlebnis durch Innovationen verbessern.

Ein Beispiel dafür ist die Einführung des neuen „Allegris“-Langstreckenprodukts, das ein neues Kabinenkonzept für alle Reiseklassen bietet und unter anderem ein innovatives Lichtkonzept zur Anpassung an den Biorhythmus der Passagiere vorsieht.

Im operativen Bereich plant das Management, das Wachstum der Kernmarke 2026 mit gleicher Personaldecke zu realisieren. Lufthansa Airlines Finanzvorstand Jörg Beißel kündigte an, dass 2026 keine Neueinstellungen im Cockpitbereich geplant seien und nur wenige Flugbegleiter eingestellt würden. Stattdessen soll ein neues Crewplanungssystem das Flugpersonal effizienter einteilen, um die Produktivität zu steigern.

Die Jahre 2025 und 2026 werden vom Lufthansa-Chef Carsten Spohr als „Übergangsjahre“ für die tiefgreifende Transformation bezeichnet. Der Konzern ist zuversichtlich, dass die Kombination aus strategischer Fokussierung auf die Langstrecke, der Verlagerung der Kurzstrecke auf kostengünstigere Töchter und dem Sparprogramm in der Verwaltung die notwendige Basis schafft, um das ambitionierte Margenziel zu erreichen und die Position im globalen Luftverkehr zu festigen. Die erfolgreiche Umsetzung dieser Maßnahmen ist jedoch von der Akzeptanz durch die Belegschaft und dem Erfolg bei der Vermeidung kostspieliger Arbeitskämpfe abhängig.

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1 Comment

  • Behrendt , 8. Oktober 2025 @ 13:48

    Es wird immer deutlicher, dass das Personal in Cockpit und Kabine bei Lh Classic mit ihren Gehaltsforderungen am Ast sägen, auf dem sie sitzen.

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