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Strategische Reaktivierung historischer Luftstützpunkte: Die neue US-Pazifikstrategie im Schatten globaler Spannungen

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Inmitten wachsender geopolitischer Spannungen im asiatisch-pazifischen Raum vollzieht das US-Militär eine tiefgreifende operative Kehrtwende. Kern dieser Strategie ist die Instandsetzung zahlreicher Flugplätze, die ursprünglich während des Zweiten Weltkriegs aus dem Dschungel und den Korallenriffen des Pazifiks gestampft wurden. Militärplaner begründen diesen Schritt mit der zunehmenden Verwundbarkeit großer, permanenter Stützpunkte durch moderne weitreichende Präzisionswaffen.

Das neue Konzept sieht vor, Luftstreitkräfte nicht mehr an wenigen zentralen Hubs wie Guam oder Okinawa zu konzentrieren, sondern sie auf eine Vielzahl kleinerer, weit verstreuter Standorte zu verteilen. Diese Dezentralisierung soll die Zielerfassung für potenzielle Gegner massiv erschweren und die operative Handlungsfähigkeit der US-Luftwaffe auch im Falle massiver Raketenangriffe sicherstellen. Durch die Nutzung historischer Infrastruktur können Startbahnen und Rollwege deutlich schneller und kostengünstiger reaktiviert werden, als es bei einem kompletten Neubau der Fall wäre.

Wandel der Einsatzdoktrin: Agile Combat Employment

Der treibende Faktor hinter diesen umfangreichen Baumaßnahmen ist die Doktrin des sogenannten Agile Combat Employment, kurz ACE. Dieses Konzept bricht mit der traditionellen Abhängigkeit von etablierten, festen Stützpunkten in Regionen wie Hawaii oder Japan. ACE geht davon aus, dass US-Flugzeuge in einem künftigen Konflikt gezwungen sein werden, von zahlreichen unterschiedlichen Flugfeldern aus zu operieren und ihre Standorte häufig zu wechseln. Jäger, Tankflugzeuge und Unterstützungsmaschinen sollen sich in ständiger Bewegung befinden, um die gegnerische Zielplanung ins Leere laufen zu lassen.

Die historische Infrastruktur des Zweiten Weltkriegs bietet hierfür eine ideale Grundlage. Viele der nun restaurierten Flugplätze unterstützten einst die Island Hopping Kampagnen quer durch den Pazifik. Heute bieten sie einen unschätzbaren strategischen Wert: vorhandene Fundamente und Korallenpisten, die modernisiert werden können, um alles von schweren Transportmaschinen bis hin zu Kampfflugzeugen der fünften Generation zu tragen. Geschwindigkeit und Überlebensfähigkeit stehen bei diesen Planungen über der Dauerhaftigkeit der Stationierung.

Der Wiederaufstieg von Tinian

Nirgendwo wird dieser Wandel deutlicher als auf der Insel Tinian, die zu den nördlichen Marianen gehört. Während des Zweiten Weltkriegs beherbergte das dortige North Field das größte Flugfeld der Welt und war die Basis für hunderte B-29 Bomber. Aktuell arbeiten Ingenieure rund um die Uhr daran, dieses Areal wieder in einen einsatzbereiten Zustand zu versetzen. Dabei wird Vegetation entfernt, Oberflächen werden modernisiert und die Startbahnen für heutige militärische Anforderungen ertüchtigt.

Nach seiner Fertigstellung wird North Field die bestehenden Stützpunkte auf Guam ergänzen, liegt jedoch weit genug entfernt, um die Zielplanung chinesischer Raketenstreitkräfte zu verkomplizieren. Auch auf Guam selbst wurde das Northwest Field mit langen Startbahnen und gehärteter Infrastruktur ausgebaut, um Einheiten der Marine und der Luftwaffe zu unterstützen. Der nahegelegene internationale Flughafen von Tinian wird ebenfalls erweitert, um im Krisenfall als Ausweich- und Auftankstation zu dienen, falls größere Basen beschädigt werden. Ähnliche Modernisierungen sind in Mikronesien, Palau, den Philippinen und weiteren Teilen der sogenannten zweiten Inselkette geplant oder bereits im Gange.

Strategie der Ausweichstandorte statt permanenter Basen

Das Ziel dieser Bemühungen ist ausdrücklich nicht die Schaffung neuer permanenter Stützpunkte. US-Offizielle beschreiben diese Orte konsequent als Eventualstandorte, die für den rotierenden und expeditionellen Einsatz konzipiert sind. Die Flugzeuge würden diese Plätze im Krisenfall durchlaufen, nur für kurze Zeiträume von dort aus operieren und sich dann wieder bewegen. Diese Logik folgt der Erkenntnis, dass große, zentralisierte Basen einfache Ziele für Raketenangriffe auf Treibstofflager, Hangar und Kommandozentralen darstellen.

Durch die Verteilung auf viele Standorte erhöht das US-Militär die Komplexität eines potenziellen Erstschlags erheblich. Selbst wenn einige Basen getroffen werden, bleiben andere nutzbar. Spezialisierte Pioniereinheiten sind darauf trainiert, beschädigte Startbahnen innerhalb kürzester Zeit zu reparieren, während der Flugbetrieb auf alternative Standorte ausweicht. Das Resultat ist eine erhöhte Widerstandsfähigkeit, die es ermöglichen soll, Luftoperationen auch unter Beschuss aufrechtzuerhalten.

Erweiterung des Korridors bis nach Alaska und Australien

Die Reaktivierung betrifft nicht nur den zentralen Pazifik. In Alaska werden derzeit mehrere ehemalige Flugplätze aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs und des Kalten Krieges als Teil eines nördlichen Luftkorridors vorbereitet. Diese Basen dienen als Tiefe im Raum und bieten alternative Routen für Kampfflugzeuge und Transporter in Richtung Japan und den westlichen Pazifik, falls die südlichen Versorgungswege unter Druck geraten sollten.

Weiter südlich übernimmt Australien eine kritische Rolle als rückwärtiger Hub. Das Land bietet den notwendigen Raum, eine stabile Infrastruktur und politische Verlässlichkeit. Zusammengenommen spiegeln diese Anstrengungen einen breiteren Wandel im Denken über Luftmacht in einem Konflikt mit einem ebenbürtigen Gegner wider. Der Fokus liegt nicht mehr auf makellosen Basen und ungestörtem Betrieb, sondern auf Flexibilität, Reparierbarkeit und der Fähigkeit, auch unter Angriffen weiterzufliegen und zu kämpfen.

Reaktionen und Abschreckungswirkung

Die Volksrepublik China kritisierte die Restaurierung der Flugplätze als provokativ und in der Denkweise des Kalten Krieges verwurzelt. US-Vertreter halten dem entgegen, dass die Vorbereitung der Infrastruktur vor dem Ausbruch einer Krise die Wahrscheinlichkeit eines Konflikts verringere. Eine effektive Abschreckung hänge davon ab, ob militärische Fähigkeiten sichtbar und glaubwürdig seien. Das Vorhandensein zahlreicher einsatzbereiter Flugfelder signalisiert, dass ein Lähmungsschlag gegen die US-Luftstreitkräfte im Pazifik technisch und logistisch kaum durchführbar wäre.

Die Instandsetzung dieser historischen Orte markiert somit das Ende einer Ära der Stationarität. Der Pazifik wird wieder zu einem Raum der Bewegung, in dem die Lehren aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts genutzt werden, um den sicherheitspolitischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu begegnen. Die Investitionen in Dschungelpisten und Koralleninseln sind damit zu einem zentralen Pfeiler der modernen Verteidigungsstrategie geworden.

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