Die deutsche Ferienfluggesellschaft Condor stellt in diesen Tagen alle verbliebenen Flüge in die Türkei ein und vollzieht damit einen vollständigen Rückzug aus einem Markt, in dem sie einst touristischer Marktführer war. Die letzten Verbindungen ab Deutschland nach Antalya, dem zuletzt einzig verbliebenen türkischen Ziel, finden Anfang November statt. Dieser Schritt ist das Ende einer Ära und eine direkte Reaktion auf den massiven Wandel im Luftverkehrsmarkt zwischen Deutschland und der Türkei, der von einem aggressiven Wachstum türkischer und deutsch-türkischer Billig- und Ferienfluggesellschaften dominiert wird.
Condor hatte bereits im August angekündigt, auch im Sommerflugplan 2026 keine Türkei-Flüge mehr anzubieten. Das Unternehmen begründet diesen Rückzug mit dem Gebot der Wirtschaftlichkeit. „Die Flugplanung und Netzwerkgestaltung von Fluggesellschaften richten sich grundsätzlich nach dem Gebot der Wirtschaftlichkeit, so natürlich auch bei Condor. Condor prüft daher kontinuierlich ihre Ziele und verlagert bei Bedarf ihre Kapazitäten auf Strecken, die sich einer höheren Nachfrage erfreuen“, teilte die Airline mit. Die Kapazitäten, die von Frankfurt und München frei werden, sollen nun auf profitablere Strecken verlagert werden. Die Flüge von Düsseldorf und Leipzig nach Antalya waren bereits Ende Oktober mit dem Sommerflugplan eingestellt worden.
Der Rückzug von Condor ist ein deutliches Zeichen für die Verdrängung traditioneller Anbieter aus Märkten, in denen der Preiswettbewerb und die Frequenzdichte durch spezialisierte Carrier übermächtig geworden sind.
Der Wandel einer einstigen Marktführerschaft
Die Entscheidung von Condor markiert das Ende einer historisch bedeutsamen Präsenz. Nach der Übernahme des türkischen Reiseveranstalters Öger Tours durch den damaligen Condor-Mutterkonzern Thomas Cook im Jahr 2010 hatte Condor zwischenzeitlich sogar die Position des touristischen Marktführers auf den Routen zwischen Deutschland und der Türkei inne.
Diese Marktführerschaft ist jedoch längst erodiert. Der Markt wurde in den vergangenen Jahren sukzessive von anderen Akteuren dominiert, allen voran von SunExpress, einem 50:50 Joint Venture der Lufthansa und Turkish Airlines, sowie von türkischen Billigfluggesellschaften wie Pegasus Airlines und Charter-Carriern wie Corendon.
Aktuelle Daten zur Sitzplatzkapazität unterstreichen die Verschiebung der Kräfteverhältnisse (oag/ch-aviation):
| Fluggesellschaft | Marktanteil Deutschland-Türkei (Winterflugplan) |
| SunExpress | 30 Prozent |
| Turkish Airlines | 28 Prozent |
| Pegasus Airlines | 27 Prozent |
| Ajet | 10 Prozent |
| Lufthansa | 2 Prozent |
| Corendon | 2 Prozent |
| Freebird Airlines | 1 Prozent |
SunExpress hat seine Position als klare Nummer eins gefestigt und trägt der stabilen Nachfrage auch in den Wintermonaten Rechnung. Das Joint Venture stellte für die Wintersaison rund fünf Millionen Sitzplätze bereit – sechs Prozent mehr als im Vorjahr. Innerhalb des Lufthansa-Konzerns übernimmt SunExpress damit nahezu den gesamten Türkei-Verkehr, da weder die neue Ferienfluggesellschaft Discover noch die Low-Cost-Tochter Eurowings Routen in die Türkei bedienen.
Kapazitätsengpässe und der Rechtsstreit belasten Condor
Der Rückzug von Condor aus der Türkei ist nicht nur eine Reaktion auf den harten Wettbewerb, sondern auch auf akute Flugzeugmangel und operative Herausforderungen. Die Fluggesellschaft befindet sich in einem komplexen Prozess der Flottenumstellung, bei dem die ältere Boeing 757-Flotte ausgemustert wird. Gleichzeitig verzögert sich die Auslieferung der Ersatzflugzeuge vom Typ Airbus A321. Diese Lücke in der Schmalrumpfflotte zwingt Condor, ihre knappen Kapazitäten auf die lukrativsten Strecken zu konzentrieren.
Erschwerend kommt hinzu, dass Condor durch einen verlorenen Rechtsstreit mit ihrem ehemaligen Gesellschafter Lufthansa operativ belastet wird. Das Oberlandesgericht Düsseldorf hat im Oktober 2025 die Entscheidung des Bundeskartellamts aufgehoben, die Condor einen Anspruch auf bevorzugte Zubringerflüge am Drehkreuz Frankfurt zugesprochen hatte. Die Aufhebung erfolgte aufgrund eines Verfahrensfehlers. Condor ist nun gezwungen, eigene Zubringerflüge nach Frankfurt zu betreiben, was zusätzliche Flugzeuge und Ressourcen bindet und die operative Komplexität erhöht.
Die Kombination aus intensivem Preiswettbewerb, mangelnder Flugzeugverfügbarkeit und den erhöhten Kosten für eigene Zubringerflüge machte die Türkei-Routen für Condor unrentabel.
Der türkische Markt: Ein dauerhafter Favorit der Reiseveranstalter
Trotz des Condor-Rückzugs zeigt der Türkei-Markt insgesamt eine ungebrochene Stärke und Beliebtheit bei deutschen Urlaubern. Der größte deutsche Reiseveranstalter Tui setzt weiterhin massiv auf das Land. Nach Angaben von Tui Deutschland-Chef Benjamin Jacobi ist die Türkei auch in diesem Jahr mit 1600 wöchentlichen Flügen der beliebteste Reisemarkt der Deutschen.
Auch der türkisch-niederländische Ferienflieger Corendon, der Deutschland als seinen wichtigsten Markt betrachtet, bleibt optimistisch. Corendon flog im Sommer 18 deutsche Flughäfen an und rechnet mit seinen drei konzerneigenen Airlines erstmals mit mehr als zehn Millionen Passagieren. Die Türkei lockt zudem zunehmend auch außerhalb der klassischen Hochsaison mit milden Temperaturen und Ganzjahresangeboten, was die Kapazitätserweiterungen der dominierenden Carrier wie SunExpress erklärt. Für Condor steht derweil die finanzielle Konsolidierung im Vordergrund. Die Airline, die 2021 nach zwei „Nahtoderfahrungen“ zu 51 Prozent vom Finanzinvestor Attestor übernommen wurde (wobei der Rest noch von einer staatlichen Auffanggesellschaft gehalten wird), arbeitet intensiv daran, die erhaltenen Corona-Staatshilfen zurückzuzahlen und wieder dauerhaft in die Gewinnzone zu fliegen. Zuletzt hatte die Airline für das Geschäftsjahr 2023/24 einen Jahresfehlbetrag von 62 Millionen Euro ausgewiesen. Der strategische Rückzug aus dem preissensitiven Türkei-Markt ist somit ein wichtiger Schritt, um die knappen Ressourcen auf die profitabelsten Langstrecken- und stabilen Kurzstreckenmärkte zu konzentrieren und die finanzielle Erholung zu beschleunigen.