Die Fluggesellschaft Wizz Air sieht sich veranlasst, wesentliche Eckpfeiler ihres Geschäftsmodells als Ultra-Low-Cost-Anbieter neu zu justieren. Anhaltende technische Überprüfungen an den Getriebefan-Triebwerken der Baureihe PW1100 von Pratt & Whitney zwingen das Unternehmen zu langfristigen Flottenanpassungen.
Um den operativen Betrieb abzusichern, baut die Fluggesellschaft einen umfangreichen Bestand an Ersatztriebwerken auf, verlangsamt die geplante Flottenaufstockung und passt Lieferverträge mit dem Flugzeugbauer Airbus an. Hohe Treibstoffpreise und Aufwendungen für die Umstrukturierung führten im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2026/2027 zu einem betrieblichen Verlust, obwohl das Passagieraufkommen im selben Zeitraum spürbar anstieg.
Technische Überprüfungen erzwingen längere Stillstandszeiten
Die Ursache für die operativen Beeinträchtigungen liegt in Herstellungsverfahren des Triebwerksbauers Pratt & Whitney aus den Jahren 2015 bis 2021. Verunreinigungen im verwendeten Pulvermetall der Hochdruckturbinen und Kompressorscheiben machten beschleunigte Inspektionen erforderlich, um eine potenzielle Rissbildung zu verhindern. Die Demontage, Überprüfung und Reparatur der Einheiten nimmt pro Triebwerk zwischen 250 und 300 Tage in Anspruch. Diese Maßnahme betrifft weltweit über tausend Triebwerke der Airbus-A320neo-Familie sowie weiterer Flugzeugtypen.
Für Wizz Air, deren Flotte stark auf die A320neo-Familie ausgerichtet ist, bedeutete dies in den vergangenen Jahren den Ausfall zahlreicher Flugzeuge. Während auf dem Höhepunkt der Überprüfungen bis zu 60 Maschinen gleichzeitig am Boden standen, lag die Zahl der stillgelegten Flugzeuge Ende Juni 2026 bei 27 Einheiten. Das Unternehmen rechnet damit, dass bis zum Ende des laufenden Geschäftsjahres weiterhin zwischen 15 und 20 Maschinen am Boden verbleiben. Eine vollständige Behebung der Engpässe und die Rückkehr zu einem regulären Betrieb ohne triebwerksbedingte Stillstände wird von der Unternehmensführung erst für Ende 2027 prognostiziert.
Veränderung der Flottenzusammensetzung und Anpassung des Auftragsbuchs
Am 30. Juni 2026 umfasste die Gesamflotte von Wizz Air 270 Flugzeuge. Die Zusammensetzung stellt sich laut CH-Aviation.com wie folgt dar:
| Flugzeugtyp | Anzahl im Bestand |
| Airbus A320ceo | 24 |
| Airbus A321ceo | 40 |
| Airbus A320neo | 6 |
| Airbus A321neo | 191 |
| Airbus A321XLR | 9 |
| Gesamtflotte | 270 |
Um die verbleibende Flotte gegen künftige Wartungsverzögerungen abzusichern, weicht Wizz Air von der üblichen Praxis reiner Billigfluggesellschaften ab, Investitionen in Reservematerialien minimal zu halten. Mithilfe von Entschädigungszahlungen des Herstellers Pratt & Whitney investiert die Fluglinie in den Aufbau eines Pools von Ersatztriebwerken. Bis zum Jahr 2028 bestehen Verpflichtungen zum Kauf von 45 zusätzlichen GTF-Triebwerken im Wert von rund 1,0 Milliarden US-Dollar, nachdem bereits 16 Einheiten geliefert wurden. Ziel ist ein Reservebestand von etwa 100 Einheiten, um den Austausch bei Wartungsarbeiten ohne Ausfall der Flugzeuge zu ermöglichen.
Parallel dazu passte Wizz Air die Liefervereinbarungen mit Airbus an. Eine Tranche von 88 Flugzeuglieferungen, die ursprünglich für das Jahr 2030 vorgesehen war, wurde auf den Zeitraum bis 2033 verschoben. Zudem reduzierte das Unternehmen die Festbestellungen für das Langstreckenmodell Airbus A321XLR von 47 auf 11 Exemplare und wandelte 36 Einheiten in das Standardmodell A321neo um.
Die langfristige Flottenplanung bis zum Geschäftsjahr 2033 stellt sich nach der Anpassung laut entsprechenden Börsenmittelungen wie folgt dar:
| Geschäftsjahresende | A320ceo | A321ceo | A320neo | A321neo | A321XLR | Flotte Gesamt |
| 2026 | 26 | 40 | 6 | 183 | 7 | 262 |
| 2027 | 13 | 29 | 6 | 211 | 11 | 270 |
| 2028 | 3 | 14 | 6 | 238 | 11 | 272 |
| 2029 | 3 | 0 | 6 | 280 | 11 | 300 |
| 2030 | 3 | 0 | 6 | 315 | 11 | 335 |
| 2031 | 3 | 0 | 6 | 342 | 11 | 362 |
| 2032 | 3 | 0 | 6 | 365 | 11 | 385 |
| 2033 | 1 | 0 | 3 | 368 | 11 | 383 |
Finanzielle Entwicklung und operative Herausforderungen
Im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2026/2027 stieg die Zahl der beförderten Passagiere im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um mehr als 25 Prozent auf 21,2 Millionen. Der Umsatz erhöhte sich um 6 Prozent auf 1,5 Milliarden Euro. Die Ticketeinnahmen stiegen um 1 Prozent, während die Einnahmen aus Zusatzleistungen um 11 Prozent zulegten.
Trotz des Passagierwachstums verschlechterte sich das Betriebsergebnis deutlich. Einem operativen Gewinn von 27,5 Millionen Euro im Vorjahresquartal stand im ersten Quartal 2026/2027 ein betrieblicher Verlust von 183,3 Millionen Euro gegenüber. Neben Aufwendungen für die Rückgabe älterer Leasingflugzeuge belastete ein Anstieg der Treibstoffkosten um 39 Prozent auf 610,5 Millionen Euro das Ergebnis, was unter anderem auf die Preisentwicklungen im Zusammenhang mit Konflikten im Nahen Osten zurückzuführen war.
Vor diesem Hintergrund zieht sich Wizz Air schrittweise von einigen geplanten Strecken in den Nahen Osten zurück und konzentriert die Flugkapazitäten stärker auf das europäische Kernnetz. Unternehmenschef József Váradi erklärte bezüglich der Anpassungen, dass die Stabilisierung des Flugbetriebs und die Reduzierung von Ausfallrisiken Priorität vor einer ungebremsten Kapazitätsausweitung haben. Auch Mitbewerber in der Branche, wie die irische Ryanair, haben in den vergangenen Monaten ihre Reserven an Ersatztriebwerken aufgestockt, um Engpässen in den globalen Lieferketten und langen Wartungszeiten vorzubeugen.