Die International Airlines Group (IAG), einer der größten Luftfahrtkonzerne Europas, hat eine wegweisende Entscheidung für ihre spanische Tochtergesellschaft Vueling bekanntgegeben. IAG-Chef Luis Gallego bestätigte nach der Vorlage der Quartalsbilanz, daß die 50 bestellten Flugzeuge des Typs Boeing 737 Max an Vueling gehen.
Dieser Schritt markiert einen gewaltigen Umbruch in der bisherigen Flottenstrategie der spanischen Fluggesellschaft, die seit ihrer Gründung im Jahre 2004 ausschließlich Flugzeuge des europäischen Herstellers Airbus betrieben hat. Die Auslieferung der ersten Maschinen soll Ende 2026 beginnen. Dieser Wechsel signalisiert eine Abkehr von der langjährigen, auf eine einzige Marke fokussierten Strategie und leitet eine neue Ära für die spanische Billigfluggesellschaft ein.
Ein Ende der Airbus-Monokultur: Das Boeing-Engagement von IAG
Der Beschluß, Vueling mit der Boeing 737 Max auszustatten, kommt nicht unerwartet, ist aber dennoch ein bemerkenswertes Ereignis in der europäischen Luftfahrt. Die IAG, zu der auch Fluggesellschaften wie British Airways, Iberia und Aer Lingus gehören, hatte den Auftrag für die 50 Boeing-Maschinen bereits vor drei Jahren getätigt. Damals sorgte der Auftrag für Aufsehen, da IAG in ihrer Kurz- und Mittelstreckenflotte vorwiegend auf Airbus-Flugzeuge setzt. Zudem gab es in dem Rahmen des Auftrages eine Option auf den Kauf von bis zu 100 weiteren Boeing-Maschinen. Jetzt ist klar: Die Entscheidung ist zugunsten von Vueling gefallen.
Der Auftrag gliedert sich in zwei Varianten der 737 Max auf: 25 Flugzeuge des auf Billigflugkonzepte optimierten Typs 737 Max 8200 und 25 Maschinen des größeren Typs 737 Max 10. Die 737 Max 8200 ist eine hochverdichtete Version der 737 Max 8 und kann bis zu 200 Passagiere befördern. Sie wurde ursprünglich für den irischen Billigflieger Ryanair entwickelt. Die 737 Max 10 ist die längste Variante in der 737-Max-Familie und soll mit dem Airbus A321neo konkurrieren, den Vueling bereits in geringem Umfang betreibt.
Die Umstellung der Flotte wird Vueling in die Lage versetzen, ihre Effizienz zu steigern. Mit einem Durchschnittsalter von über zehn Jahren bei einem Großteil ihrer A320-Flotte, die aus 92 A320ceo und sechs A319ceo besteht, ist eine Modernisierung dringend notwendig. Die neuen Boeing-Maschinen sollen die älteren, weniger treibstoffeffizienten Airbus-Jets ersetzen. Vueling betreibt derzeit insgesamt 143 Flugzeuge, darunter auch 23 A320neo und vier A321neo.
Logistische Herausforderungen und langfristige Vision
Die Umstellung von einer reinen Airbus-Flotte auf ein gemischtes Flugzeugmodell ist für eine Fluggesellschaft keine leichte Aufgabe und bringt erhebliche logistische Herausforderungen mit sich. Es erfordert umfassende Schulungen für Piloten und Wartungspersonal, die Umschreibung von Betriebshandbüchern, die Anpassung der Abfertigungs- und Wartungsverfahren und die Einhaltung neuer regulatorischer Vorschriften. Bisher haben Piloten und Techniker von Vueling ausschliesslich mit Airbus-Flugzeugen gearbeitet. Die Einführung eines neuen Flugzeugtyps erfordert daher eine umfangreiche Umschulung und möglicherweise auch die Einstellung von neuem Personal, das bereits Erfahrung mit Boeing-Maschinen hat.
Trotz dieser Herausforderungen verfolgt die IAG eine klare langfristige Vision. IAG-Chef Gallego hat angedeutet, daß Vueling mittelfristig komplett auf eine Boeing-Flotte umsteigen soll. Dies würde die spanische Fluggesellschaft zur ersten innerhalb der IAG machen, die diesen Schritt vollzieht. Die IAG-Strategie scheint darauf abzuzielen, die Flotten ihrer verschiedenen Tochtergesellschaften zu diversifizieren und so die Abhängigkeit von einem einzigen Flugzeughersteller zu reduzieren. Zudem ist die Umstellung auf die hochkapazitären Modelle 737 Max 8200 und 737 Max 10 eine logische Konsequenz der Wachstumsstrategie von Vueling, die in den ersten sechs Monaten des Jahres 2025 ihre Kapazität bereits um 3,3 Prozent gesteigert hat. Durch die neuen Jets kann die Fluggesellschaft mehr Passagiere pro Flug befördern und ihre Rentabilität verbessern.
Die Entscheidung für Boeing könnte auch auf die aggressiven Rabatte zurückzuführen sein, die der amerikanische Flugzeughersteller seinen Kunden anbietet, um das Vertrauen nach den Vorfällen der Vergangenheit zurückzugewinnen. Dies könnte die Attraktivität der 737 Max für IAG und Vueling erhöht haben.
Vueling als Wachstumsmaschine der IAG
Innerhalb des IAG-Konzerns nimmt Vueling eine strategisch wichtige Position ein. Die Fluggesellschaft ist der größte Kurzstrecken-Carrier der Gruppe und hat in Spanien eine führende Marktposition. Durch die Flottenmodernisierung und die Kapazitätserweiterung, die die neuen Boeing-Maschinen ermöglichen, will Vueling seine Marktführerschaft in Spanien weiter ausbauen und neue Destinationen erschliessen.
Die Lieferung der ersten drei Boeing 737 Max ist für Ende 2026 geplant und wird an der Vueling-Basis in Barcelona stationiert. Barcelona ist der wichtigste Standort der Fluggesellschaft und eine der größten Basen in Europa. Dort wird die Integration der neuen Flugzeuge in den Flugbetrieb beginnen. Die Entscheidung, auf eine Flotte von zwei verschiedenen Herstellern umzustellen, ist in der Luftfahrtindustrie nicht unüblich. Viele Fluggesellschaften setzen auf einen Mix aus Boeing und Airbus, um ihre Flexibilität zu erhöhen und sich bei Bedarf die besten Angebote von beiden Herstellern sichern zu können. Der Schritt von Vueling, als reiner Airbus-Betreiber, ist jedoch bemerkenswert und verdeutlicht die langfristige strategische Neuausrichtung des IAG-Konzerns.
Eine neue Ära für Vueling
Mit der Entscheidung, 50 Boeing 737 Max in ihre Flotte aufzunehmen, beginnt für Vueling eine neue Ära. Die spanische Fluggesellschaft verabschiedet sich von ihrer langjährigen Airbus-Monokultur und stellt die Weichen für eine umfassende Flottenmodernisierung. Der Schritt ist eine Reaktion auf die wirtschaftlichen Herausforderungen und die Wettbewerbslandschaft, in der die Effizienz der Flugzeuge eine immer größere Rolle spielt. Die Einführung der Boeing 737 Max wird Vueling nicht nur die Möglichkeit geben, ihre Kapazitäten zu erweitern und ihre Betriebskosten zu senken, sondern auch die Abhängigkeit von einem einzigen Hersteller zu verringern. Die nächsten Jahre werden zeigen, wie Vueling die logistischen und operativen Herausforderungen meistert und ob die Strategie der IAG aufgeht.