Die estnische Regierung bereitet derzeit die Liquidation der staatseigenen Leasinggesellschaft Transpordi Varahaldus vor. Nachdem das letzte verbliebene Flugzeug des Typs Bombardier CRJ900ER erfolgreich verkauft wurde, hat das Unternehmen seinen ursprünglichen Geschäftszweck weitgehend erfüllt.
Dieser Schritt erfolgt vor dem Hintergrund einer tiefgreifenden Umstrukturierung der nationalen Luftfahrtbranche, die durch die Insolvenz der staatlichen Fluggesellschaft Nordica und deren Tochtergesellschaft Xfly geprägt ist. Da Transpordi Varahaldus ausschließlich für die Bereitstellung von Fluggerät an diese beiden Akteure gegründet wurde und keine weiteren Kunden vorweisen kann, sieht die Regierung in Tallinn keine Notwendigkeit für den Fortbestand der Gesellschaft. Die kommenden Monate werden durch die rechtliche Abwicklung der bestehenden Forderungen im Rahmen des Insolvenzverfahrens von Nordica bestimmt sein, wobei die Regierung über das weitere Vorgehen in Bezug auf die ausstehenden Ansprüche entscheiden muss.
Die Gründung und der spezifische Fokus von Transpordi Varahaldus
Transpordi Varahaldus wurde im Jahr 2015 als staatliche Aktiengesellschaft mit dem Ziel ins Leben gerufen, Flugzeuge zu erwerben und diese an die nationale Fluggesellschaft Nordica sowie deren operativen Arm Xfly zu vermieten. Diese Struktur wurde gewählt, um die Finanzierung der Flotte vom operativen Flugbetrieb zu trennen und so die staatlichen Investitionen abzusichern.
Über Jahre hinweg bildete das Unternehmen das Rückgrat der estnischen Luftverkehrsinfrastruktur, indem es moderne Regionaljets bereitstellte. Die Beschränkung auf einen einzigen Kundenstamm erwies sich jedoch als strategisches Risiko, das mit dem wirtschaftlichen Niedergang der Nordica-Gruppe schlaglagartig schlagend wurde. Ohne die operative Tätigkeit von Nordica und Xfly entfiel die Geschäftsgrundlage für das Leasingunternehmen vollständig.
Der millionenschwere Flottenverkauf an Regional One
Ein entscheidender Schritt zur Auflösung der Gesellschaft war der Verkauf der Flugzeugflotte an den US-amerikanischen Investor Regional One. Im Juli 2025 wurde ein Vertrag über insgesamt sieben Maschinen des Typs CRJ900ER unterzeichnet. Das Gesamtvolumen dieser Transaktion belief sich auf etwa 37,5 Millionen US-Dollar.
Mit der Auslieferung des letzten Jets aus diesem Paket an den neuen Eigentümer sind die physischen Vermögenswerte der Transpordi Varahaldus nun vollständig veräußert. Dieser Verkauf war notwendig, um Liquidität zu generieren und die Verbindlichkeiten gegenüber staatlichen Gläubigern und Banken zu bedienen. Regional One, ein auf Regionalflugzeuge spezialisierter Händler und Leasinggeber, übernimmt die Maschinen in einem Marktumfeld, in dem effiziente Regionaljets weiterhin gefragt sind, während Estland sich endgültig aus dem Bereich des staatlichen Flugzeugleasings zurückzieht.
Die Insolvenz von Nordica und ihre Folgen
Die Liquidation von Transpordi Varahaldus ist untrennbar mit dem Scheitern der nationalen Fluggesellschaft Nordica verbunden. Nordica, die einst als Nachfolgerin der insolventen Estonian Air gegründet wurde, kämpfte über Jahre mit strukturellen Problemen, hohem Wettbewerbsdruck und den Folgen der Pandemie. Trotz verschiedener Versuche, das Geschäftsmodell durch Kooperationen mit anderen europäischen Airlines zu stabilisieren, musste das Unternehmen schließlich Insolvenz anmelden. Dies zog auch die Tochtergesellschaft Xfly in Mitleidenschaft.
Für den estnischen Staat bedeutet dies den Verlust einer direkten Kontrolle über nationale Flugverbindungen, da der Markt nun vollständig von privaten Anbietern und internationalen Fluggesellschaften bedient wird. Die Insolvenzverwalter sind derzeit damit beschäftigt, die verbliebenen Werte zu sichern und die Ansprüche der Gläubiger zu prüfen.
Komplexität der rechtlichen Forderungen
Ein verbleibendes Hindernis für die endgültige Auflösung der Transpordi Varahaldus sind die rechtlichen Ansprüche gegenüber der insolventen Nordica-Gruppe. Die Leasinggesellschaft hält erhebliche Forderungen aus ausstehenden Leasingraten und vertraglichen Verpflichtungen. Die estnische Regierung muss nun abwägen, wie mit diesen Forderungen im Rahmen des Insolvenzverfahrens umgegangen werden soll.
Es geht dabei um die Frage, ob diese Ansprüche weiterverfolgt, verkauft oder abgeschrieben werden. Eine Fortführung der Gesellschaft allein zur Verwaltung dieser Rechtsstreitigkeiten gilt als unwahrscheinlich, weshalb die Übertragung der Forderungen auf eine andere staatliche Stelle oder ein spezialisiertes Abwicklungsunternehmen geprüft wird. Dies ist ein formaler Prozess, der die endgültige Schließung der Akte Transpordi Varahaldus noch um einige Monate verzögern könnte.
Wirtschaftliche Bilanz der staatlichen Beteiligung
Die Bilanz der staatlichen Investitionen in die Luftfahrt fällt in Estland gemischt aus. Während die Gründung von Transpordi Varahaldus zeitweise die Konnektivität des baltischen Staates sicherstellte, stehen am Ende hohe Verluste und das Ausbleiben einer langfristig tragfähigen Lösung. Kritiker der staatlichen Luftfahrtpolitik weisen darauf hin, dass das Modell der strikten Bindung an einen einzigen Kunden die Gesellschaft unflexibel gegenüber Marktveränderungen machte.
Dennoch konnte durch den gezielten Verkauf der Flotte an Regional One ein Teil des Kapitals zurückgewonnen werden, was die finanziellen Auswirkungen auf den Staatshaushalt zumindest teilweise abmildert. Die Liquidation markiert das Ende einer Ära, in der Estland versuchte, durch staatliche Firmen aktiv in den internationalen Luftverkehrsmarkt einzugreifen.
Zukünftige Ausrichtung der estnischen Verkehrspolitik
Nach der Abwicklung der Luftfahrtbeteiligungen konzentriert sich die estnische Regierung verstärkt auf die Schaffung günstiger Rahmenbedingungen für private Anbieter, um die Anbindung des Landes sicherzustellen. Der Fokus liegt nun auf der Modernisierung der Flughafeninfrastruktur in Tallinn und der Förderung des Wettbewerbs.
Die Erfahrungen aus dem Scheitern von Nordica und der daraus resultierenden Notwendigkeit, Transpordi Varahaldus aufzulösen, dienen als Fallstudie für künftige staatliche Investitionsprojekte. Es zeigt sich eine klare Tendenz weg von direkten unternehmerischen Beteiligungen im operativen Bereich hin zu einer regulativen Rolle des Staates. Die verbleibenden Ressourcen aus dem Verkauf der Flotte sollen zur Stärkung anderer Infrastrukturprojekte genutzt werden, die eine höhere Rentabilität und Stabilität versprechen.
Vergleichbare Entwicklungen im baltischen Raum
Estland steht mit seinen Herausforderungen im Luftverkehrssektor nicht allein. Auch die Nachbarländer Lettland und Litauen haben unterschiedliche Strategien verfolgt, um ihre nationalen Interessen im Luftraum zu wahren. Während Lettland weiterhin an seiner nationalen Fluggesellschaft Air Baltic festhält und diese durch Kapitalerhöhungen stützt, hat Litauen bereits früher auf ein Modell ohne staatliche Airline gesetzt.
Die Entscheidung Estlands, Transpordi Varahaldus zu liquidieren, passt in ein regionales Muster, in dem die Rentabilität und Marktlogik zunehmend über politische Prestigeprojekte gestellt werden. Die Konsolidierung des Marktes führt dazu, dass regionale Verbindungen effizienter durch spezialisierte Anbieter bedient werden, was die Notwendigkeit für staatliche Leasingkonstrukte weiter verringert.