Am 25. November 2024 kam es in den frühen Morgenstunden zu einem tragischen Flugunfall in der Nähe des Flughafens von Vilnius. Eine Boeing 737-400SF der spanischen Fluggesellschaft Swiftair, betrieben im Auftrag der European Air Transport Leipzig, einer Tochtergesellschaft von DHL, stürzte kurz vor der Landebahn ab.
Der Absturz forderte ein Todesopfer, drei weitere Personen an Bord wurden schwer verletzt. Die litauischen Behörden haben nun einen vorläufigen Untersuchungsbericht vorgelegt, der erste Erkenntnisse über die wahrscheinlichen Ursachen liefert und Fragen zur Sicherheit in der zivilen Frachtluftfahrt aufwirft.
Chronologie des Fluges und der Ereignisse
Der betreffende Frachtflug startete um 03:08 Uhr Ortszeit vom Flughafen Leipzig/Halle mit Ziel Vilnius. Etwa eine Stunde später, gegen 04:01 Uhr, begannen die Piloten mit dem Anflugbriefing, wobei sie jedoch laut dem vorläufigen Bericht die erforderlichen Berechnungen für die Landedaten ausließen. Dies stellt eine erste signifikante Abweichung von den standardisierten Verfahren dar.
Während der Annäherung an Vilnius thematisierte die Crew mögliche Wettergefahren wie Vereisung und moderate Turbulenzen. Ein Versuch, den zuständigen Luftraumkontrollbereich zu kontaktieren, scheiterte zunächst, woraufhin die Funkfrequenz gewechselt wurde. Um 04:17 Uhr schaltete ein Besatzungsmitglied das hydraulische System B des Flugzeugs ab – ein Schritt, der später als kritisch eingestuft wurde, da dieses System unter anderem für die Steuerung der Landeklappen verantwortlich ist.
In der Folge versuchte die Besatzung zweimal, den Autopiloten wieder zu aktivieren – beide Versuche scheiterten. Der Co-Pilot übernahm daraufhin die manuelle Kontrolle über das Flugzeug. Zu diesem Zeitpunkt waren sowohl das Autopilot- als auch das Hydrauliksystem B deaktiviert.
Technische Hinweise und Fehler in der Checkliste
Trotz der kritischen Phase des Anflugs wurde das Anti-Vereisungssystem offenkundig nicht aktiviert – zumindest zeigte dies die Stellung der entsprechenden Schalter am Unfallort. Die Landeklappen, die beim Landeanflug ausgefahren werden müssen, blieben in ihrer Ausgangsposition. Zwar hatte der Co-Pilot um die Stellung „Flaps 5“ gebeten, tatsächlich registrierte der Flugdatenschreiber keinerlei Bewegung der Klappen.
Im weiteren Anflug gegen 04:26 Uhr wurde das Fahrwerk ausgefahren und die Einstellung „Flaps 15“ verlangt. Der Kapitän warnte jedoch, dass die Geschwindigkeit noch zu hoch sei. Eine Minute später wurde festgestellt, dass der Funkkontakt mit dem Kontrollturm abgebrochen war. Der Kapitän erkannte in dieser Phase sowohl die falsche Funkfrequenz als auch das Nichtausfahren der Klappen.
Kurz darauf aktivierte sich das sogenannte Stick-Shaker-System – eine Warnung vor einem Strömungsabriss. Zeitgleich meldete das Warnsystem „Sink Rate“ sowie „Pull Up“, was auf einen gefährlich schnellen Höhenverlust hinweist. Zwar wurde ein Durchstartmanöver eingeleitet, doch wenige Sekunden später prallte das Flugzeug um 04:28 Uhr auf den Boden – rund 1.575 Meter vor der Landebahnschwelle.
Ermittlungsstand: Menschliches Versagen im Vordergrund
Die litauischen Ermittlungsbehörden sehen zum aktuellen Stand menschliches Versagen als primäre Unfallursache. Besonders das irrtümliche Abschalten des Hydrauliksystems und das Unterlassen mehrerer Checklisten-Schritte deuten darauf hin, daß menschliche Fehlentscheidungen eine Kette von technischen Problemen nach sich zogen. Technische Mängel oder äußere Einflüsse wie Sabotage oder Wetterereignisse konnten hingegen nicht festgestellt werden.
Die Flugschreiber wurden inzwischen ausgelesen, und ihre Daten stützen die bisherigen Erkenntnisse. Auch aus Sicht internationaler Ermittlergruppen gibt es derzeit keinen Hinweis auf technische Manipulation oder terroristischen Hintergrund.
Der überlebende Co-Pilot konnte bislang aufgrund seiner schweren Verletzungen nicht befragt werden. Die litauische Staatsanwaltschaft hat die spanischen Behörden um Unterstützung gebeten, um ihn später in seinem Heimatland zu vernehmen. Gegen ihn wird derzeit formell als Verdächtiger ermittelt – ein üblicher Vorgang bei schweren Flugunfällen.
Sicherheitsfragen und Konsequenzen
Der Absturz wirft grundsätzliche Fragen zur Arbeitsweise von Frachtfluggesellschaften und den organisatorischen Abläufen im Cockpit auf. Auch wenn das betroffene Flugzeug nach den Richtlinien der Europäischen Agentur für Flugsicherheit (EASA) gewartet wurde, scheint das Sicherheitsmanagement an Bord versagt zu haben.
Die internationale Zusammenarbeit zwischen litauischen, deutschen, spanischen und US-amerikanischen Behörden soll nun nicht nur die genauen Ursachen aufklären, sondern auch zur Verbesserung der Verfahren beitragen. Die vollständige Unfalluntersuchung wird voraussichtlich noch mehrere Monate in Anspruch nehmen.
Folgen für die zivile Luftfahrt
Die bisher bekannten Details des Unfalls könnten Auswirkungen auf die gesamte Branche haben. Insbesondere bei nächtlichen Frachtflügen unter schwierigen Wetterbedingungen ist eine genaue Einhaltung der Checklisten und Verfahren unabdingbar. Fluggesellschaften dürften künftig verstärkt interne Schulungsmaßnahmen und Sicherheitschecks durchführen, um vergleichbare Fehlerquellen zu minimieren.
Zudem wird die Rolle des menschlichen Faktors in der Luftfahrt erneut betont – trotz hochentwickelter Technik bleibt die Entscheidungskompetenz der Piloten ausschlaggebend. Gerade in Ausnahmesituationen muss jede Handlung präzise und abgesprochen erfolgen.
Der Absturz der Swiftair-Maschine in Vilnius stellt ein erschütterndes Ereignis dar, das sowohl menschliche Tragik als auch strukturelle Schwächen im Betrieb von Frachtflügen aufzeigt. Der vorläufige Bericht gibt erste Einblicke in eine komplexe Fehlerkette, die letztlich zum Absturz führte. Die Erkenntnisse werden nicht nur für die unmittelbare Unfallaufklärung, sondern auch für künftige Sicherheitsmaßnahmen in der Luftfahrt von entscheidender Bedeutung sein.