Flughafen Genf (Foto: Schutz).
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Systemausfall bei der Schweizer Flugsicherung: Fehlgeschlagenes Software-Update drosselt Luftverkehr über Genf

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Der Flugbetrieb am internationalen Flughafen Genf sowie im gesamten Luftraum der Südwestschweiz wurde am Dienstagvormittag durch eine schwerwiegende technische Störung massiv beeinträchtigt. Die Schweizer Flugsicherungsgesellschaft Skyguide sah sich gezwungen, den kontrollierten Luftraum zeitweise vollständig zu sperren, nachdem ein routinemäßiges Systemupdate in der vorangegangenen Nacht gescheitert war. Da zentrale Komponenten der Software nicht ordnungsgemäß geladen werden konnten, war ein sicheres Verkehrsmanagement unter Volllast nicht mehr gewährleistet.

In der Folge mussten zahlreiche Flüge gestrichen oder umgeleitet werden, was zu erheblichen Verzögerungen im europäischen Flugplan führte. Obwohl die Techniker bereits am späten Vormittag mit der Wiederherstellung der Kapazitäten begannen, bleibt der Betrieb bis zum Mittwoch eingeschränkt. Skyguide betonte jedoch, dass die Sicherheit im Luftraum durch die sofort eingeleiteten Vorsichtsmaßnahmen zu jedem Zeitpunkt gewahrt blieb. Während der Standort Genf mit den Folgen kämpfte, blieb das Kontrollzentrum in Zürich von der Störung unberührt und konnte den Betrieb im Osten des Landes ohne Einschränkungen fortführen.

Ursachenanalyse und das Protokoll des Stillstands

Der Ursprung der technischen Komplikationen lag in einem geplanten Wartungsfenster während der verkehrsarmen Nachtstunden. Solche Updates sind in der hochmodernen Infrastruktur der Flugsicherung essenziell, um die Leistungsfähigkeit der Radarsysteme und Kommunikationswege auf dem neuesten Stand der Technik zu halten. Im konkreten Fall führte jedoch das Aufspielen neuer Softwarekomponenten zu unvorhergesehenen Inkompatibilitäten. Da das System nach dem Update instabil reagierte, entschieden sich die Verantwortlichen für ein sogenanntes Rollback, also die Rückkehr zur vorherigen, stabilen Softwareversion. Dieser Prozess erforderte einen kontrollierten Neustart der gesamten IT-Architektur des Kontrollzentrums in Genf.

Um 09:21 Uhr am Dienstagmorgen löste Skyguide offiziell die Maßnahme Clear the Sky für den Genfer Sektor aus. Dieses Protokoll ist eine der drastischsten Sicherheitsvorkehrungen in der zivilen Luftfahrt. Es besagt, dass keine neuen Maschinen mehr in den betroffenen Luftraum einfliegen dürfen und Starts am Boden untersagt sind. Flugzeuge, die sich zu diesem Zeitpunkt bereits im Anflug befanden oder den Sektor durchquerten, wurden unter erhöhtem personellen Aufwand sicher zu ihren Zielen oder zu Landungen geleitet. Durch diese präventive Räumung des Luftraums wurde verhindert, dass bei einem potenziellen Totalausfall der Anzeigesysteme eine unüberschaubare Anzahl an Maschinen unkontrolliert manövriert.

Schrittweise Normalisierung unter Sicherheitsvorbehalt

Nach dem erfolgreichen Neustart der Systeme konnte die Kapazität des Luftraums schrittweise wieder hochgefahren werden. Gegen 10:30 Uhr meldete Skyguide eine verfügbare Kapazität von rund 50 Prozent, was zumindest die Wiederaufnahme einiger Linienverbindungen ermöglichte. Bis 11:30 Uhr wurde dieser Wert auf 80 Prozent gesteigert. Dennoch bedeutet eine Reduzierung um ein Fünftel der normalen Kapazität für einen hochfrequentierten Flughafen wie Genf, der als wichtiges Drehkreuz für internationale Organisationen und Diplomatie fungiert, eine enorme organisatorische Herausforderung.

Die Entscheidung, die Kapazität für einen Zeitraum von 24 Stunden bei 80 Prozent zu deckeln, basiert auf einer Risikoabwägung der Flugsicherungsexperten. In der Luftfahrt hat die technische Integrität der Leitsysteme absolute Priorität vor ökonomischen Interessen oder Pünktlichkeitsraten. Durch die künstliche Begrenzung der Flugbewegungen wird sichergestellt, dass die Fluglotsen im Falle eines erneuten Softwarefehlers genügend Pufferzeit haben, um manuell einzugreifen oder den Verkehr über alternative Routen zu staffeln. Für die betroffenen Passagiere bedeutete dies am Dienstag oft stundenlange Wartezeiten in den Terminals oder die Umbuchung auf spätere Verbindungen am Mittwoch.

Auswirkungen auf das europäische Flugnetz

Der Schweizer Luftraum gilt aufgrund seiner zentralen Lage als eines der komplexesten Nadelöhre im europäischen Luftverkehrsnetz. Störungen in den Sektoren von Skyguide haben daher oft unmittelbare Auswirkungen auf die Verkehrsströme zwischen Nordeuropa und dem Mittelmeerraum. Während der Zürcher Luftraum den regulären Betrieb aufrechterhalten konnte, mussten Überflüge, die normalerweise den Genfer Sektor nutzen, großräumig über Frankreich oder Italien umgeleitet werden. Dies führte zu einer erhöhten Arbeitsbelastung in den benachbarten Kontrollzentren und zu Folgeverspätungen, die bis in den späten Abend in ganz Europa spürbar waren.

Die Zusammenarbeit zwischen Skyguide und dem europäischen Netzwerkmanager Eurocontrol war in dieser Phase entscheidend. Durch eine koordinierte Slot-Vergabe wurde versucht, das reduzierte Kontingent an Starts und Landungen in Genf so effizient wie möglich zu nutzen. Priorität erhielten dabei oft Langstreckenverbindungen sowie Flüge mit zeitkritischen Missionen. Regionalverbindungen und Kurzstreckenflüge waren hingegen überproportional oft von Streichungen betroffen, da hier die Alternativen für die Passagiere, etwa der Schienenverkehr, eher gegeben sind.

Technische Redundanz und operative Sicherheit

Der Vorfall rückt die Bedeutung technischer Redundanz in der Flugsicherung erneut in den Fokus. Skyguide betreibt zwei Hauptkontrollzentren in Genf und Zürich, die technisch so aufgestellt sind, dass sie sich in begrenztem Maße gegenseitig unterstützen können. Dennoch ist die spezialisierte Hard- und Software für die jeweiligen Sektoren so individuell konfiguriert, dass eine vollständige Übernahme des Genfer Sektors durch Zürich kurzfristig nicht möglich ist. Die Tatsache, dass die Sicherheit der Fluggäste zu keinem Zeitpunkt gefährdet war, ist das Ergebnis strenger Protokolle, die greifen, sobald technische Parameter von der Norm abweichen.

In der Branche wird nun diskutiert, wie Software-Updates künftig noch sicherer gestaltet werden können. Üblicherweise werden solche Systeme in identischen Testumgebungen, sogenannten Shadow-Systems, monatelang geprüft, bevor sie im Live-Betrieb zum Einsatz kommen. Dass es trotz dieser Vorkehrungen zu Fehlern beim Laden von Komponenten kommen kann, zeigt die enorme Komplexität der IT-Infrastruktur moderner Flugsicherungen. In den kommenden Wochen wird eine detaillierte Analyse der Logfiles erwartet, um die genaue Fehlerursache zu isolieren und künftige Zwischenfälle dieser Art auszuschließen.

Wirtschaftliche Folgen für Airlines und Flughafen

Für den Flughafen Genf und die dort operierenden Fluggesellschaften bedeutet der technische Zwischenfall einen erheblichen finanziellen Aufwand. Neben den direkten Einnahmeausfällen durch gestrichene Flüge fallen zusätzliche Kosten für die Betreuung von Passagieren sowie für Umleitungen an. Besonders betroffen sind Airlines mit einer großen Basis in Genf, die ihre Flugpläne kurzfristig komplett umstellen mussten. Da es sich bei einem Flugsicherungsausfall um einen außergewöhnlichen Umstand handelt, entfallen in der Regel Entschädigungszahlungen nach der EU-Fluggastrechteverordnung, dennoch bleibt der Imageschaden für die Zuverlässigkeit des Standorts bestehen.

Die Normalisierung des Flugbetriebs wird für den Laufe des Mittwochs erwartet, sofern die Systeme im 80-Prozent-Modus stabil bleiben und die abschließenden Tests nach dem 24-Stunden-Fenster erfolgreich verlaufen. Skyguide hat angekündigt, die Öffentlichkeit über die weiteren Schritte und die vollständige Rückkehr zur Normalkapazität zeitnah zu informieren. Bis dahin müssen Reisende weiterhin mit vereinzelten Flugplananpassungen rechnen, da die Fluggesellschaften Zeit benötigen, um ihre Maschinen und Besatzungen wieder an die vorgesehenen Einsatzorte zu bringen.

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