Die griechische Luftfahrtbehörde steht vor einem personellen und technischen Neuanfang. Am 14. Januar 2026 bestätigte das Ministerium für Infrastruktur und Verkehr den Rücktritt von Giorgos Saunatsos, dem Leiter der Civil Aviation Authority (CAA). Dieser Schritt ist die direkte Konsequenz aus einer Untersuchung zu einem massiven Funkausfall, der am 4. Januar 2026 den gesamten griechischen Luftraum für mehrere Stunden zum Stillstand brachte.
Ein offizieller Untersuchungsbericht offenbart nun tiefgreifende Mängel in der technologischen Infrastruktur des Kontrollzentrums in Athen. Laut dem Gremium führten Desynchronisationen veralteter Systeme zu einem digitalen Rauschen, welches die Kommunikation zwischen Fluglotsen und Piloten unmöglich machte. Betroffen waren nahezu alle Frequenzen der Athens Flight Information Region (FIR), was weltweit Besorgnis über die Sicherheit des griechischen Flugkorridors auslöste. Während eine gezielte Cyberattacke nach jetzigem Stand ausgeschlossen werden kann, rückt die veraltete technische Basis der griechischen Flugsicherung in das Zentrum der Kritik. Der Rücktritt von Saunatsos markiert damit den vorläufigen Höhepunkt einer Debatte über jahrelang verschleppte Modernisierungen in einer der kritischsten Infrastrukturen des Landes.
Der Vorfall am 4. Januar 2026 begann in den frühen Morgenstunden und führte dazu, dass zahlreiche Flugzeuge am Boden bleiben mussten oder in Warteschleifen über dem Mittelmeer kreisten. Über Stunden hinweg herrschte Funkstille in einem Sektor, der als wichtiges Drehkreuz zwischen Europa, dem Nahen Osten und Nordafrika fungiert. Fluglotsen berichteten von einem massiven digitalen Rauschen, das die Funkfrequenzen überlagerte und jegliche Anweisungen an die Besatzungen in der Luft unterband. Die Untersuchungskommission stellte fest, dass die Ursache in einer Desynchronisation beim Eintreffen mehrerer Datenströme im Athens Area Control Centre (KEPATHM) lag. Diese technische Fehlfunktion löste eine unbeabsichtigte Daueraktivierung einer kritischen Anzahl von Sendern aus, was wiederum die Telekommunikationsschnittstellen vollständig blockierte oder massiv degradierte. In der Luftfahrt, wo eine sekundengenaue Kommunikation über Leben und Tod entscheiden kann, stellt ein solches Szenario den absoluten Ernstfall dar.
Veraltete Infrastruktur als Hauptrisikofaktor
Besonders brisant ist der Befund des Berichts hinsichtlich der verwendeten Technologie. Die Untersuchung ergab, dass das Voice Communication System (VCS) und die unterstützende Infrastruktur auf der sogenannten Synchronous Digital Hierarchy (SDH) basieren. Diese Technologie gilt in der modernen Luftfahrt als veraltet und wird vom ursprünglichen Hersteller nicht mehr unterstützt. Damit fehlen wesentliche betriebliche Garantien für die Zuverlässigkeit des Systems. Der Bericht macht deutlich, dass die Hardware am Ende ihres Lebenszyklus angelangt ist und den Anforderungen eines hochverdichteten modernen Luftraums nicht mehr gewachsen scheint.
Bereits im Jahr 2019 gab es laut Medienberichten deutliche Warnungen und Empfehlungen an die CAA, die Systeme grundlegend zu erneuern und neue Schaltkreise zu implementieren. Dass diese Maßnahmen bis zum Jahr 2026 nicht in ausreichendem Maße umgesetzt wurden, lasten Kritiker nun der Behördenleitung an. Der Bericht empfiehlt nun eindringlich den beschleunigten Übergang zur Voice over IP (VoIP)-Technologie, die internationaler Standard ist, sowie die Verlegung der Kontrollzentrale in eine geeignetere Umgebung, die den modernen technischen Anforderungen entspricht.
Juristische Aufarbeitung und Sicherheitsbedenken
Parallel zur technischen Untersuchung hat die Staatsanwaltschaft von Athen bereits am Tag nach dem Vorfall eine Voruntersuchung eingeleitet. Aristidis Koreas, Leiter der Staatsanwaltschaft für Vergehen, beauftragte die Spezialeinheit für Computerkriminalität der Polizei mit der Klärung des Sachverhalts. Ziel ist es festzustellen, ob strafrechtlich relevante Versäumnisse bei der Wartung oder Überwachung der Anlagen vorliegen. Obwohl der technische Bericht keine Beweise für einen Hackerangriff lieferte, bleibt die Verwundbarkeit des Systems durch die bloße Überalterung ein juristischer Kernpunkt.
Die griechische Flugsicherung steht seit Jahren unter Beobachtung internationaler Organisationen. Der Luftraum über Griechenland gehört zu den komplexesten in Europa, nicht zuletzt aufgrund der zahlreichen Inseln und der schwierigen Topografie, die eine lückenlose Funkabdeckung erschweren. Wenn dann die zentrale Steuerung in Athen durch technische Defizite ausfällt, hat dies unmittelbare Auswirkungen auf das gesamte europäische Flugsicherungsnetzwerk (Eurocontrol), da Ausweichrouten über Nachbarländer wie Italien, die Türkei oder Bulgarien schnell an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen.
Konsequenzen für den Luftverkehrsstandort Griechenland
Für den griechischen Tourismus und die Wirtschaft ist dieser Vorfall ein herber Rückschlag. Die Zuverlässigkeit der zivilen Luftfahrtbehörde ist ein entscheidender Faktor für internationale Fluggesellschaften bei der Planung ihrer Routen. Der Rücktritt von Giorgos Saunatsos wird im Ministerium für Infrastruktur und Verkehr als notwendiger Befreiungsschlag gesehen, um das verloren gegangene Vertrauen wiederherzustellen. Minister Christos Dimas steht nun vor der Aufgabe, kurzfristig eine neue Führung für die CAA zu finden, die den technologischen Rückstand in Rekordzeit aufholt.
Die Kosten für die empfohlene Modernisierung auf VoIP-Standards und den Umzug der Kontrollzentrale werden auf mehrere Millionen Euro geschätzt. In einer Zeit knapper öffentlicher Haushalte stellt dies eine enorme Herausforderung dar. Dennoch scheint es keinen Spielraum für weitere Verzögerungen zu geben. Experten warnen, dass sich Vorfälle wie der am 4. Januar jederzeit wiederholen könnten, solange die instabile SDH-Infrastruktur im Einsatz bleibt. Die Sicherheit der Millionen Passagiere, die jährlich den griechischen Luftraum passieren, hängt nun maßgeblich von der Geschwindigkeit der politischen und technischen Umsetzung der Reformen ab.
Zukunftsperspektiven und technologische Innovationen
Der erzwungene Technologiewechsel bietet jedoch auch Chancen. Der Übergang zu VoIP-Systemen würde nicht nur die Ausfallsicherheit erhöhen, sondern auch die Flexibilität bei der Sektorisierung des Luftraums verbessern. Moderne digitale Sprachkommunikationssysteme ermöglichen eine nahtlose Integration verschiedener Datenquellen und eine bessere Redundanz durch dezentrale Serverstrukturen. Zudem fordern Luftfahrtverbände schon lange eine bessere Vernetzung der griechischen Flugsicherung mit den Systemen der Nachbarstaaten, um bei lokalen Ausfällen schneller reagieren zu können.
Das Jahr 2026 könnte somit als Wendepunkt in die Geschichte der griechischen Luftfahrt eingehen. Weg von einer maroden Infrastruktur des letzten Jahrhunderts, hin zu einem digitalisierten und resilienten System. Der Druck auf das Ministerium und die neue Behördenleitung ist jedoch gewaltig. Die Öffentlichkeit und die internationalen Partner erwarten Transparenz über den Fortschritt der Erneuerungsmaßnahmen, um sicherzustellen, dass die „digitale Funkstille“ ein einmaliges Ereignis in der Athens FIR bleibt.