Der Übernahmeprozess um die portugiesische Nationalfluggesellschaft TAP Air Portugal ist in eine entscheidende Phase getreten. Die europäische Luftfahrtholding Lufthansa Group sowie der Konkurrent Air France-KLM haben am 29. Juli 2026 verbindliche Angebote bei der portugiesischen Staatsholding Parpública eingereicht.
Gegenstand der Offerten ist ein Anteilspaket von 44,5 Prozent bis 44,9 Prozent an der staatlichen Airline, während weitere bis zu fünf Prozent der Belegschaft des Unternehmens vorbehalten bleiben. Im Rahmen der Präsentation der Geschäftszahlen für das zweite Quartal 2026 am 4. August 2026 betonte Lufthansa-Vorstandschef Carsten Spohr die Absicht des Konzerns, durch die Beteiligung die Marktposition im südostatlantischen Raum sowie auf Routen nach Lateinamerika zu stärken. Die staatliche Konsolidierungsagentur Parpública prüft die eingereichten Unterlagen innerhalb von 30 Tagen, um der Regierung in Lissabon eine Empfehlung vorzulegen. Der Verkauf ist Teil des Privatisierungsvorhabens, das von der Regierung unter Premierminister Luís Montenegro im Jahr 2025 neu aufgesetzt worden war.
Marktanteile und Synergien im südosteuropäischen Flugverkehr
Mit einer Beteiligung an TAP Air Portugal strebt die Lufthansa Group eine Konsolidierung ihrer Marktposition in Südeuropa an. Konzernchef Carsten Spohr erklärte gegenüber Finanzanalysten, dass die Kombination aus den Kapazitäten der Lufthansa Group, der italienischen ITA Airways und einer künftigen Beteiligung an TAP Air Portugal aufschließen würde zum bisherigen Marktführer in diesem Segment. Neben der Anbindung des Drehkreuzes Lissabon an das bestehende Streckennetz der Gruppe steht vor allem das Streckennetz von TAP nach Brasilien sowie in weitere südamerikanische und afrikanische Zielgebiete im Fokus.
Spohr verwies auf die schrittweise Einbindung von ITA Airways als Beleg dafür, dass der deutsche Luftfahrtkonzern als langfristig orientierter Eigentümer agiere. Die Übernahme von Minderheitsanteilen gilt in der Branche als Erprobungsmodell, um regulatorische Hürden der europäischen Wettbewerbsbehörden zu begrenzen und gleichzeitig operative Abstimmungen in Flugplänen und Abfertigungsprozessen einzuleiten. Auch das Frachtgeschäft sowie die Wartungssparten der beteiligten Unternehmen könnten durch abgestimmte Kapazitäten effizienter ausgelastet werden.
Integration in bestehende Luftfahrtbündnisse und transatlantische Joint Ventures
Ein zentraler Bestandteil des Angebots der Lufthansa Group ist die Weiterführung und Vertiefung der bestehenden Allianzen. TAP Air Portugal ist seit vielen Jahren Mitglied der Star Alliance. Ein Einstieg der Lufthansa würde den Verbleib der portugiesischen Fluggesellschaft in diesem weltweiten Bündnis absichern. Darüber hinaus ist vorgesehen, TAP in das bestehende Transatlantik-Joint-Venture einzubinden, das die Lufthansa gemeinsam mit den nordamerikanischen Partnern United Airlines und Air Canada betreibt.
Dieses Gemeinschaftsunternehmen profitiert von einer Ausnahmegenehmigung im US-Kartellrecht, die eine koordinierte Netz- und Preisplanung auf Strecken über den Nordatlantik erlaubt. Laut Spohr wurde das bei der portugiesischen Regierung eingereichte Angebot in enger Abstimmung mit United Airlines erarbeitet. Die Einbindung des Drehkreuzes Lissabon in dieses Netzwerk würde zusätzliche Umsteigerströme zwischen Nordamerika, Europa und Südamerika erzeugen. Demgegenüber würde ein Zuschlag für den Mitbieter Air France-KLM zu einem Wechsel der portugiesischen Airline zum Konkurrenzbündnis Skyteam führen, was strukturelle Umstellungen in der Passagierabwicklung nach sich ziehen würde.
Der Zeitplan des Privatisierungsverfahrens und die Rolle der Staatsholding
Das Verkaufsverfahren für die Anteile an TAP Air Portugal wird von der staatlichen Holdinggesellschaft Parpública koordiniert. Nach dem Eingang der verbindlichen Gebote am 29. Juli 2026 läuft eine Frist von 30 Tagen, in der die Finanz- und Rechtsberater des Staates die Angebote von Lufthansa und Air France-KLM bewerten. Diese Prüfungsphase beinhaltet eine Analyse der gebotenen Kaufpreise, der zugesagten Investitionen in die Flotte und den Standort Lissabon sowie der Arbeitsplatzgarantien für das Personal.
Sollten die Behörden Nachforderungen oder zusätzliche Detailinformationen von den Bieterkonsortien anfordern, kann sich der Zeitraum bis zur Vorlage des abschließenden Evaluierungsberichts verlängern. Nach dem Abschluss der technischen Prüfung liegt die finale Entscheidung beim Ministerrat der portugiesischen Regierung unter Premierminister Luís Montenegro. Die Staatsführung hatte die Wiederaufnahme der Privatisierung im Jahr 2025 beschlossen, um die Bilanz des Staatsbetriebs nach den staatlichen Stützungsmaßnahmen der Vergangheit zu entlasten und Kapital für den Ausbau der nationalen Infrastruktur bereitzustellen.
Herausforderungen durch Infrastruktur und kartellrechtliche Prüfungen
Unabhängig vom Ergebnis des Bieterverfahrens steht die künftige Eigentümerstruktur von TAP Air Portugal vor operativen Herausforderungen. Das primäre Drehkreuz der Fluggesellschaft, der Flughafen Humberto Delgado in Lissabon, stößt seit Jahren an seine Kapazitätsgrenzen bei Start- und Landerechten sowie bei den Terminalflächen. Der Bau eines neuen Großflughafens im Großraum Lissabon befindet sich in der Planungsphase, wird jedoch erst im kommenden Jahrzehnt Entlastung bringen. Ein Erwerber der Anteile muss daher Wege finden, das geplante Wachstum bei verknappter Infrastruktur zu organisieren.
Darüber hinaus wird die Europäische Kommission das Ergebnis des Privatisierungsprozesses genau analysieren. Um die Genehmigung für eine Zusammenlegung von Marktanteilen zu erhalten, könnten die Bietenden gezwungen sein, Flugrechte an stark frequentierten Drehkreuzen wie Lissabon, Frankfurt am Main oder Paris abzutreten. Die kommenden Monate werden zeigen, wie die Regulierungsbehörden und die portugiesische Regierung die vorliegenden Angebote bewerten und ob der Verkauf wie geplant abgeschlossen werden kann.