Embraer 190 (Foto: Robert Spohr).
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Tarifkonflikt im Lufthansa-Konzern: Pilotengewerkschaft strebt Urabstimmung Cityline an

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Die Fronten zwischen der Lufthansa Group und der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit verhärten sich zusehends. Nach jüngsten Arbeitskampfmaßnahmen bei der Kernmarke Lufthansa sowie bei Lufthansa Cargo, die primär auf Verbesserungen der Betriebsrenten abzielten, rückt nun die Regionaltochter Lufthansa Cityline in das Zentrum der Auseinandersetzung.

Die Gewerkschaft hat die Verhandlungen über den Vergütungstarifvertrag offiziell für gescheitert erklärt und bereitet ihre Mitglieder auf eine Urabstimmung über einen unbefristeten Streik vor. Hintergrund sind festgefahrene Gespräche über Gehaltsanpassungen, die bereits seit dem Sommer 2025 andauern. Während die Arbeitnehmerseite eine schrittweise Anhebung der Tabellenvergütungen fordert, um die Attraktivität der Arbeitsplätze zu sichern, verweist das Management auf notwendige Effizienzsteigerungen und die komplexe Umstrukturierung des Kurzstreckenverkehrs innerhalb des Konzerns. Die Situation wird durch die strategische Neuausrichtung der Lufthansa erschwert, die mit der Gründung von City Airlines eine neue Plattform für die Hub-Zubringerflüge geschaffen hat, was bei der Belegschaft der alteingesessenen Cityline zu erheblicher Verunsicherung über die langfristige Perspektive führt.

Strategische Umstrukturierung und der Aufstieg von City Airlines

Der aktuelle Tarifkonflikt findet vor dem Hintergrund eines massiven Konzernumbaus statt. Die Lufthansa Cityline, die über Jahrzehnte hinweg eine tragende Säule für die Zubringerdienste zu den Drehkreuzen Frankfurt und München war, sieht sich mit einem schrittweisen Rückbau konfrontiert. Das Management der Lufthansa Group hat entschieden, einen wesentlichen Teil der europäischen Kurz- und Mittelstreckenflüge auf die neu gegründete Tochtergesellschaft City Airlines zu übertragen. Diese neue Einheit operiert derzeit noch ohne festes Tarifgefüge, was dem Konzern eine höhere Flexibilität bei den Personalkosten ermöglichen soll.

Die Gewerkschaft Vereinigung Cockpit betrachtet diese Entwicklung mit großer Skepsis. Aus Sicht der Arbeitnehmervertreter dient die Verlagerung von Flugkapazitäten dazu, Druck auf die bestehenden Tarifstrukturen auszuüben. Arne Karstens, Sprecher der Group-Tarifkommission, betonte in diesem Zusammenhang, dass strategische Überlegungen des Konzerns zur Zukunft der Cityline keine Auswirkungen auf die berechtigten Forderungen der dortigen Piloten haben dürften. Die Kolleginnen und Kollegen stünden in einem aktiven Arbeitsverhältnis und erbrächten täglich ihre Leistung, was eine angemessene Vergütung im Rahmen eines aktuellen Tarifvertrags rechtfertige. Die Weigerung der Arbeitgeberseite, konkrete Gehaltserhöhungen ohne gleichzeitige Kompensationen an anderer Stelle zu gewähren, wird von der Gewerkschaft als Provokation empfunden.

Forderungskatalog der Pilotenschaft und Argumente der Arbeitgeber

Die finanziellen Forderungen der Vereinigung Cockpit für das Cockpitpersonal der Cityline sind präzise formuliert. Angestrebt wird eine stufenweise Anpassung der Vergütungstabellen um jeweils 3,3 Prozent zu drei verschiedenen Zeitpunkten. Rückwirkend zum 1. Februar 2024 sowie zum 1. Januar 2025 und schließlich zum 1. Januar 2026 sollen die Gehälter angehoben werden. Kumuliert ergibt sich daraus eine Forderung von rund elf Prozent mehr Gehalt über die gesamte Laufzeit. Die Gewerkschaft begründet dies mit der notwendigen Kompensation der gestiegenen Lebenshaltungskosten und der Notwendigkeit, im Wettbewerb um qualifiziertes Personal innerhalb der Branche konkurrenzfähig zu bleiben.

Die Verhandlungsführung der Lufthansa hält dem entgegen, dass die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Cityline im direkten Wettbewerb mit anderen europäischen Regionalfluggesellschaften gewahrt bleiben müsse. In den Verhandlungen wurde seitens der Arbeitgeber darauf beharrt, dass jede Steigerung der Lohnkosten durch Produktivitätsgewinne oder Einsparungen in anderen Bereichen des Tarifvertrags gegenfinanziert werden müsse. Tanja Viehl, Leiterin Tarifpolitik bei der Vereinigung Cockpit, kritisierte diesen Ansatz scharf und sprach von einem Beharren auf Nullsummenspielen, das eine konstruktive Lösung verhindere. Die Gewerkschaft weist zudem jede Vermengung sachfremder Themen mit den reinen Vergütungsverhandlungen zurück.

Die Rolle der Urabstimmung und operative Konsequenzen

Mit der Einleitung einer Urabstimmung greift die Gewerkschaft zu einem ihrer schärfsten Instrumente. Eine Entscheidung über den Start des Abstimmungsprozesses wird bereits für das Ende dieser Woche erwartet. Sollte eine ausreichende Mehrheit der Mitglieder für einen Arbeitskampf stimmen, drohen massive Ausfälle im regionalen Zubringernetz der Lufthansa. Da die Cityline einen erheblichen Teil der Flüge von kleineren europäischen Städten zu den großen Hubs durchführt, hätten Streiks unmittelbare Auswirkungen auf das gesamte Langstreckennetz des Konzerns, da Anschlusspassagiere ihre Flüge nicht erreichen könnten.

Die Lufthansa-Führung steht damit vor der Herausforderung, den Konzernumbau voranzutreiben, ohne den täglichen Flugbetrieb durch langwierige Streiks zu gefährden. Experten beobachten, dass die Konfliktbereitschaft innerhalb der Belegschaften im gesamten Sektor zugenommen hat. Nachdem die Pilotinnen und Piloten während der vergangenen Krisenjahre teils erhebliche Zugeständnisse gemacht haben, fordern sie nun angesichts wieder steigender Passagierzahlen und Gewinne im Konzern ihren Anteil am wirtschaftlichen Erfolg ein. Die Situation bei Cityline gilt dabei als Testfall für die Durchsetzungsfähigkeit der Gewerkschaft gegenüber den neuen Plattformstrategien der Konzernleitung.

Der Tarifkonflikt ist auch Ausdruck des harten Wettbewerbsdrucks im europäischen Luftraum. Billigfluggesellschaften und effizient aufgestellte Regionalanbieter zwingen etablierte Netzcarrier wie die Lufthansa dazu, ihre Kostenstrukturen kontinuierlich zu überprüfen. Die Auslagerung von Diensten an neue Töchter wie City Airlines ist ein branchenübliches Mittel, um neue Tarifverträge auszuhandeln, die unter den Bedingungen des aktuellen Marktes rentabler sind. Für die Beschäftigten der Cityline bedeutet dies jedoch oft den Verlust von langjährig erkämpften Standards oder zumindest das Einfrieren der Lohnentwicklung.

Rechtliche und tarifpolitische Hürden

Ein zentraler Streitpunkt bleibt die Frage der Tarifeinheit und der Geltungsbereich von Verträgen innerhalb des Konzerns. Die Vereinigung Cockpit strebt langfristig eine Harmonisierung der Bedingungen an, um ein sogenanntes Race to the bottom zu verhindern, bei dem verschiedene Tochtergesellschaften desselben Konzerns gegeneinander ausgespielt werden. Die Arbeitgeberseite hingegen pocht auf die rechtliche Eigenständigkeit der verschiedenen Einheiten. Solange bei City Airlines kein Tarifvertrag existiert, bleibt die Messlatte für die Verhandlungen bei Cityline hoch, da das Management den Vergleich mit der kostengünstigeren Neugründung sucht.

Die kommenden Tage werden entscheidend für den weiteren Verlauf des Konflikts sein. Sollte die Urabstimmung eingeleitet werden, vergehen in der Regel mehrere Wochen bis zum Vorliegen des Ergebnisses und dem möglichen Beginn von Streikmaßnahmen. Zeitgleich könnten im Hintergrund noch informelle Gespräche stattfinden, um in letzter Minute einen Kompromiss zu finden.

Klar ist jedoch, dass die Pilotinnen und Piloten der Cityline entschlossen scheinen, ihre Gehaltsforderungen auch gegen den Widerstand der Konzernführung durchzusetzen, ungeachtet der drohenden Verlagerung ihrer Arbeitsgebiete an die neue Konzernschwester. Die Lufthansa muss abwägen, ob die Kosten eines Streiks und der damit verbundene Reputationsverlust schwerer wiegen als die angestrebten Einsparungen im Regionalbereich.

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