Die Tarifverhandlungen zwischen der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi und der Tarifgemeinschaft des Deutschen Reiseverbandes (DRV-T) sind in eine Sackgasse geraten. Auch die vierte Verhandlungsrunde, die in der vergangenen Woche in Frankfurt am Main stattfand, konnte keine Einigung herbeiführen.
Die Gewerkschaft Verdi kritisiert, daß das von der DRV-T vorgelegte, angepaßte Angebot bei weitem nicht ausreiche, um den von ihr bezifferten Reallohnverlust von 17 Prozent aus den vergangenen sechs Jahren auszugleichen, in denen kein neuer Tarifvertrag zustande gekommen war. Der Konflikt in der deutschen Reisebranche, der die Beschäftigten in Reisebüros und bei Reiseveranstaltern betrifft, droht sich somit weiter zu verschärfen, da die nächste Verhandlungsrunde bereits für den 25. Juni in Berlin anberaumt ist.
Verhärtete Fronten: Angebot und Forderung weit auseinander
Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, die traditionell die Interessen der Arbeitnehmer in der Dienstleistungsbranche vertritt, hatte ursprünglich eine Gehaltssteigerung von 19,5 Prozent gefordert, mindestens aber 550 Euro brutto, bezogen auf die tariflichen Gehälter aus dem Jahr 2018. Diese Forderung basiert auf der Annahme eines erheblichen Reallohnverlustes der letzten Jahre, in denen die Gehälter in der Reisebranche nicht mit der Inflation Schritt halten konnten. Verdi-Verhandlungsführerin Sonja Austermühle betonte, daß der Ausgleich dieses Verlustes von 17 Prozent oberste Priorität habe, da seit sechs Jahren kein neuer Tarifvertrag erzielt werden konnte. Dies bedeutet, daß die Beschäftigten in diesem Sektor in den letzten Jahren eine spürbare Minderung ihrer Kaufkraft hinnehmen mußten.
Demgegenüber steht das von der DRV-Tarifgemeinschaft unterbreitete, geänderte Angebot, das von Verdi als unzureichend kritisiert wird. Laut Verdi sieht das neue Angebot eine Erhöhung der aktuell bei der Dertour Group gezahlten Gehälter um die bereits angebotenen 2,5 Prozent vor, mit einer Mindesterhöhung von 100 Euro brutto. Darüber hinaus ist, bei einer entsprechenden Laufzeitverlängerung des Tarifvertrages, ab dem 1. Juli 2026 eine weitere Erhöhung für den Veranstalterbereich um zwei Prozent und für den Reisebüro-Bereich um ein Prozent geplant. Eine zusätzliche Komponente des Angebots ist die Einführung einer persönlichen Erfolgszulage von drei Prozent für im Verkauf tätige Beschäftigte.
Sonja Austermühle von Verdi kritisierte dieses Angebot scharf. Sie wies darauf hin, daß die angebotenen Tabellenerhöhungen im zweiten Schritt, insbesondere die ein- und zweiprozentigen Steigerungen für das Jahr 2026, hinter zahlreichen Inflationsprognosen für dieses Jahr zurückblieben. Ein Tarifvertrag, der einen Reallohnverlust auf dem bisherigen Niveau beibehalte oder gar vergrößere, sei „undenkbar“. Diese Aussage signalisiert die Entschlossenheit der Gewerkschaft, keine Einigung zu akzeptieren, die nicht zu einer spürbaren Verbesserung der Einkommenssituation der Beschäftigten führt.
Die Rolle der Dertour Group und die Zukunft der Reisebüro-Branche
Die Verhandlungen betreffen maßgeblich die Beschäftigten der Dertour Group, einem großen Reiseveranstalter in Deutschland, der Teil der Rewe Group ist. Die Dertour Group ist ein Schwergewicht in der deutschen Reisebranche und ihre Tarifverträge haben oft Signalwirkung für den gesamten Sektor, einschließlich kleinerer und mittlerer Reisebüros. Die aktuelle Forderung nach einem Inflationsausgleich ist besonders relevant, da die Reisebranche in den letzten Jahren, insbesondere während der Pandemie, massive Einbußen hinnehmen mußte. Viele Beschäftigte mußten Kurzarbeit in Kauf nehmen oder sogar um ihre Arbeitsplätze bangen. Nun, da sich der Tourismus wieder erholt, sehen die Gewerkschaften die Notwendigkeit, die Gehälter an die gestiegenen Lebenshaltungskosten anzupassen und die Verluste der vergangenen Jahre auszugleichen.
Die Situation in den Reisebüros ist besonders herausfordernd. Viele kleinere, unabhängige Reisebüros kämpfen seit Jahren mit der Konkurrenz durch Online-Portale und der direkten Buchung bei Fluggesellschaften und Hotels. Ein signifikanter Anstieg der Personalkosten könnte für einige von ihnen existenzbedrohend sein. Gleichzeitig sind motivierte und gut ausgebildete Mitarbeiter im Verkauf entscheidend für den Erfolg, weshalb die Einführung einer persönlichen Erfolgszulage, wie von der DRV-T vorgeschlagen, ein Versuch sein könnte, Leistungsanreize zu schaffen, ohne die Fixkosten übermäßig zu erhöhen.
Ausblick auf die nächste Verhandlungsrunde und mögliche Konsequenzen
Die nächste Verhandlungsrunde ist bereits für den 25. Juni in Berlin geplant. Diese zeitliche Nähe zur letzten, ergebnislosen Runde deutet auf einen hohen Druck hin, schnell eine Lösung zu finden. Das Scheitern einer Einigung könnte weitreichende Konsequenzen haben. Während in der Reisebranche Streiks im klassischen Sinne, wie im öffentlichen Verkehr, weniger üblich sind, könnte ein andauernder Tarifkonflikt zu einer Verschlechterung des Arbeitsklimas, einer erhöhten Fluktuation und Schwierigkeiten bei der Gewinnung neuer Mitarbeiter führen. Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels ist dies ein ernsthaftes Problem für die Unternehmen.
Ein längerer Konflikt könnte auch das Vertrauen der Beschäftigten in die Tarifpartnerschaft beeinträchtigen und zu einer Verhärtung der Fronten führen. Es ist im Interesse beider Seiten, eine tragfähige Lösung zu finden, die sowohl die berechtigten Forderungen der Arbeitnehmer nach einem fairen Lohn berücksichtigt als auch die wirtschaftlichen Realitäten der Unternehmen in der Reisebranche nicht aus den Augen verliert. Die Branche hat in den letzten Jahren bewiesen, wie widerstandsfähig sie ist, aber die aktuelle Tarifauseinandersetzung stellt eine weitere Bewährungsprobe dar. Die Augen der Beschäftigten und der Öffentlichkeit sind nun auf die Verhandlungen in Berlin gerichtet.