Die nationale rumänische Fluggesellschaft Tarom befindet sich weiterhin auf einem umfassenden Restrukturierungskurs, der tiefgreifende Veränderungen im Unternehmen mit sich bringt. Ein zentraler Schritt dieser Strategie ist der jüngst erfolgte Verkauf ihrer 50-prozentigen Beteiligung an Romanian Fuelling Services S.R.L. an Air bp.
Diese Veräußerung von sogenannten „Non-Core-Geschäften“ ist ein Kernpunkt des Sanierungsplans der Fluggesellschaft. Parallel dazu hat das rumänische Verkehrsministerium die Stärkung des Unternehmens durch eine Erhöhung des Aktienkapitals vorangetrieben, um die finanzielle Stabilität von Tarom zu sichern. Diese Maßnahmen sollen die Fluggesellschaft für die Zukunft neu aufstellen, wenngleich strenge Auflagen hinsichtlich Flottenwachstum und Streckennetzerweiterung bis Ende 2026 bestehen bleiben.
Verkauf an Air bp: Fokussierung auf das Kerngeschäft
Der Verkauf der 50-prozentigen Beteiligung von Tarom an Romanian Fuelling Services S.R.L. an Air bp wurde am 27. März 2025 vertraglich fixiert. Diese Transaktion ist ein klares Signal für die Konzentration von Tarom auf ihr Kerngeschäft als Fluggesellschaft. Die Ausgliederung von nicht-strategischen Geschäftsbereichen ist eine gängige Praxis bei Restrukturierungsmaßnahmen, da sie es Unternehmen ermöglicht, Ressourcen effizienter einzusetzen und sich auf ihre Hauptkompetenzen zu konzentrieren. Mit dem Abschluß der Transaktion, die noch der Zustimmung der zuständigen Behörden bedarf, wird Air bp zum alleinigen Eigentümer des Treibstofflieferanten. Der Kaufpreis wurde nicht öffentlich bekanntgegeben, was bei solchen strategischen Verkäufen üblich ist.
Air bp, eine Tochtergesellschaft des internationalen Energiekonzerns BP, ist ein global agierender Anbieter von Flugzeugtreibstoffen und Dienstleistungen. Die Übernahme der vollständigen Kontrolle über Romanian Fuelling Services S.R.L. stärkt die Position von Air bp auf dem rumänischen Markt und sichert die Treibstoffversorgung für Fluggesellschaften am Flughafen Henri Coandă in Bukarest und möglicherweise an anderen Standorten. Für Tarom bedeutet der Verkauf nicht nur die Trennung von einem peripheren Geschäftsbereich, sondern auch eine Liquiditätszufuhr, die für die Sanierung und Modernisierung der Kernaktivitäten genutzt werden kann.
Kapitalerhöhung und staatliche Stützung
Parallel zu den Veräußerungen hat das rumänische Verkehrsministerium Ende 2024 eine Erhöhung des Aktienkapitals von Tarom um 29,28 Millionen rumänische Lei (umgerechnet 6,7 Millionen US-Dollar) vorgenommen. Diese Kapitalerhöhung wurde von den Aktionären der Fluggesellschaft im April 2025 genehmigt und im Juni öffentlich bekanntgegeben. Der rumänische Staat, als Haupteigentümer von Tarom, verstärkt damit sein finanzielles Engagement und unterstreicht die Bedeutung der Fluggesellschaft für die nationale Infrastruktur und Souveränität.
Infolge dieser Kapitalerhöhung stieg der Anteil des Verkehrsministeriums an der Fluggesellschaft von 97,8 auf 98,0 Prozent. Da die Minderheitsaktionäre nicht an der Kapitalerhöhung teilnahmen, verringerten sich deren Beteiligungen entsprechend. So sank der Anteil des staatlichen Flughafenbetreibers Compania Nationala Aeroporturi Bucuresti von 1,15 auf 1,04 Prozent. Auch der Flugnavigationsdienstleister ROMATSA und die Longshield Investment Group sahen ihre Eigentumsanteile an Tarom von 0,98 und 0,07 Prozent auf 0,89 und 0,06 Prozent reduziert. Diese Entwicklung festigt die nahezu vollständige staatliche Kontrolle über Tarom und könnte zukünftige Restrukturierungsmaßnahmen und strategische Entscheidungen vereinfachen. Die Kapitalerhöhung ist ein klares Signal der rumänischen Regierung, daß sie die Sanierung ihrer nationalen Fluggesellschaft weiterhin als Priorität ansieht. Dies steht im Einklang mit Bestrebungen anderer europäischer Staaten, ihre nationalen Fluggesellschaften in schwierigen Zeiten zu unterstützen.
Interessanterweise hat der staatliche Postbetreiber Poșta Română kürzlich Interesse an einer Übernahme von Tarom bekundet. Ein solcher Schritt würde die vertikale Integration innerhalb staatlicher Unternehmen fördern und könnte neue Synergien schaffen, wenngleich die genauen Modalitäten und Vorteile einer solchen Übernahme noch zu definieren wären.
Sommer-Saison mit Wet-Lease und Flottenbeschränkungen
Im laufenden Sommergeschäft hat Tarom zur Deckung ihres Kapazitätsbedarfs einen Airbus A320-200 von Malta MedAir im sogenannten „Wet-Lease“ angemietet. Das Flugzeug mit der Registrierung 9H-MMO (Seriennummer 3577) wird seit dem 12. Juni eingesetzt. Dieses Flugzeug, das von International Aero Engines V2500 Triebwerken angetrieben wird und bis zu 180 Passagiere in einer reinen Economy-Kabinenkonfiguration aufnehmen kann, wurde im Jahre 2008 neu an TACA International Airlines ausgeliefert und wechselte seitdem mehrfach den Betreiber, bevor es 2022 in die Flotte von Malta MedAir aufgenommen wurde. Eigentümer des Jets ist Alterna Capital Partners.
Daten von Flightradar24 ADS-B zeigen, daß 9H-MMO hauptsächlich auf Verbindungen von Bukarest Henri Coandă nach Amsterdam Schiphol und Frankfurt International eingesetzt wurde. Malta MedAir bestätigte gegenüber ch-aviation, daß das Flugzeug bis zum Ende der Sommersaison 2025 im Netzwerk von Tarom operieren wird. Wet-Lease-Vereinbarungen sind für Fluggesellschaften ein gängiges Mittel, um kurzfristige Kapazitätsengpässe zu überbrücken oder saisonale Nachfragespitzen abzudecken, ohne langfristige Investitionen in eigene Flugzeuge tätigen zu müssen.
Gemäß dem ch-aviation Commercial Aviation Aircraft Data Modul betreibt Tarom derzeit eine Flotte von zwei ATR72-500, vier ATR72-600, vier Boeing 737-700 und vier Boeing 737-800 Flugzeugen. Die Restrukturierungspläne der Fluggesellschaft sehen jedoch vor, daß Tarom ihre Flotte bis Ende 2026 nicht vergrößern und ihr Streckennetz nicht erweitern darf. Diese Beschränkungen sind oft Teil von staatlichen Beihilfen oder Sanierungsauflagen der Europäischen Union, um Wettbewerbsverzerrungen zu vermeiden. Sie zwingen Tarom, ihre operativen Kapazitäten innerhalb der bestehenden Grenzen zu optimieren und sich auf die Profitabilität der aktuellen Routen zu konzentrieren. Die Herausforderung für Tarom besteht darin, die Effizienz zu steigern und gleichzeitig die Einschränkungen der Flotten- und Netzwerkerweiterung zu respektieren, um langfristig wieder zu wachsen und sich im europäischen Luftverkehrsmarkt zu behaupten.