Im Zusammenhang mit dem Absturz von Air India Flug 171 am 12. Juni 2025, bei dem 260 Menschen ums Leben kamen, haben die Familien von vier Passagieren eine Sammelklage gegen den Flugzeughersteller Boeing und den Zulieferer Honeywell eingereicht. Die Klageschrift, die am 16. September 2025 beim Delaware Superior Court eingereicht wurde, führt Fahrlässigkeit und einen fehlerhaften Kraftstoffabschaltschalter als Ursache für die Tragödie an.
Die Kläger behaupten, daß der Schalter versehentlich betätigt oder sogar fehl am Platz sein könnte, was zu einer Unterbrechung der Kraftstoffzufuhr und einem daraus resultierenden Verlust des notwendigen Schubs beim Start führte. Der Absturz kurz nach dem Abflug vom internationalen Flughafen Ahmedabad in Indien, der nur einen einzigen Überlebenden hatte, ist Gegenstand umfassender Untersuchungen. Die Klage legt den Fokus auf die Verantwortung der Hersteller und die möglichen Mängel in der Konstruktion und Wartung der Boeing 787-8 Dreamliner.
Die Vorwürfe gegen die Hersteller
Die Klageschrift behauptet, daß Boeing und Honeywell, die den Schalter hestellten und installierten, von den Risiken wußten, daß der Schalter versehentlich in die Abschaltposition bewegt werden konnte. Dennoch hätten sie keine Maßnahmen ergriffen, um die Mängel zu beheben. Die Kläger weisen darauf hin, daß die US-Luftfahrtbehörde FAA bereits 2018 Fluggesellschaften vor dem Risiko warnte, daß sich die Verriegelungsmechanismen an mehreren Boeing-Flugzeugen unbeabsichtigt lösen könnten. Trotz dieser Warnung, die die Fluglinien aufforderte, die Kraftstoffschalter zu inspizieren, wurde von den beklagten Unternehmen weder eine verpflichtende Nachbesserung noch eine Warnung ausgesprochen.
Nach Ansicht der Kläger haben Boeing und Honeywell es versäumt, die Fluggesellschaften zu warnen, daß die Schalter einer Inspektion und Reparatur bedürfen, und lieferten keine Ersatzteile. Die Klageschrift, die von einer texanischen Anwaltskanzlei eingereicht wurde, behauptet, daß die Unternehmen lediglich eine „sanfte Empfehlung“ zur Inspektion aussprachen und darüber hinaus „untätig“ blieben. Die Platzierung des Schalters direkt hinter den Schubhebeln, so die Klage, habe „praktisch garantiert, daß normale Aktivitäten im Cockpit zu einer unbeabsichtigten Kraftstoffabschaltung führen können“.
Die Klage fordert eine unbestimmte Schadensersatzsumme für den Tod von vier Passagieren: Kantaben Dhirubhai Paghadal, Naavya Chirag Paghadal, Kuberbhai Patel und Babiben Patel, die sich unter den 229 Passagieren an Bord der Dreamliner befanden. Bei dem Unglück kamen auch zwölf Besatzungsmitglieder und 19 Menschen am Boden ums Leben. Die Kläger, die im Namen ihrer verstorbenen Angehörigen klagen, sind Staatsbürger Indiens oder des Vereinigten Königreiches. Die Wahl der USA als Gerichtsstand ist angesichts des Sitzes der beklagten Unternehmen in den USA rechtlich üblich.
Der Unfall und die laufenden Ermittlungen
Der Absturz von Air India Flug 171, einem Boeing 787-8 Dreamliner, ereignete sich kurz nach dem Start. Die laufenden Ermittlungen, die von indischen, britischen und amerikanischen Behörden durchgeführt werden, konzentrieren sich auf die Kraftstoffabschaltschalter, nachdem erste Untersuchungen ergaben, daß die Kraftstoffzufuhr zu beiden Triebwerken nur wenige Augenblicke nach dem Abheben unterbrochen wurde. Dies wurde durch die Aufzeichnungen des Stimmenrekorders im Cockpit bestätigt, auf denen ein Pilot erwähnt, daß beide Schalter in die Abschaltposition bewegt wurden. Der Vorbericht des indischen Aircraft Accident Investigation Bureau (AAIB) lieferte erste Hinweise auf die Ursache, aber die abschließende Klärung steht noch aus.
Die Klage der Familien wirft ein Schlaglicht auf ein Problem, das in der Luftfahrtindustrie immer wieder auftaucht: die Diskrepanz zwischen den Warnungen der Regulierungsbehörden und den Reaktionen der Hersteller. Die FAA-Warnung von 2018 wurde nicht mit einer bindenden Anweisung zur Beseitigung des Problems verbunden, was nun zum Kern der juristischen Auseinandersetzung wird. Die Anwälte der Kläger argumentieren, daß Boeing und Honeywell ihre Verantwortung, eine sichere und zuverlässige Ausrüstung für den Flugbetrieb zu liefern, nicht wahrgenommen hätten.
Weder Boeing noch Honeywell gaben bisher einen offiziellen Kommentar zu der Klage ab. Beide Unternehmen verweisen stattdessen auf den vorläufigen Ermittlungsbericht des indischen AAIB. Dies ist ein übliches Vorgehen, um sich nicht zu laufenden Gerichtsverfahren zu äußern, während die offizielle Untersuchung noch nicht abgeschlossen ist.
Juristische Präzedenzfälle und die Zukunft von Flugzeugsicherheit
Der Fall Air India 171 hat das Potenzial, einen wichtigen Präzedenzfall für die Luftfahrtindustrie zu schaffen. Ähnliche Klagen in der Vergangenheit, beispielsweise im Fall des Boeing 737 Max-Absturzes, haben zu großen Vergleichszahlungen geführt. Der Ausgang dieser Klage wird nicht nur für die Familien der Opfer, sondern auch für die zukünftige Gestaltung von Sicherheitsstandards und -protokollen in der Luftfahrt von Bedeutung sein.
Ein endgültiger Untersuchungsbericht über den Absturz, der auch die genauen Ursachen und Empfehlungen enthalten wird, soll laut Quellen, die den Ermittlungen nahestehen, im Jahr 2026 veröffentlicht werden. Bis dahin wird der juristische Kampf zwischen den Familien der Opfer und den Herstellern des Flugzeugs weitergehen. Die Klage in den USA ist ein wichtiger Schritt für die Angehörigen, um Gerechtigkeit zu suchen und die Verantwortlichen für die Tragödie zur Rechenschaft zu ziehen.