Die norwegische Fluggesellschaft Norse Atlantic Airways vollzieht im laufenden Jahr 2026 eine tiefgreifende Korrektur ihrer bisherigen Geschäftsstrategie. Nachdem die Fluglinie in den vergangenen Jahren versucht hatte, das Modell der Billigflüge auf der Langstrecke zwischen Europa und Nordamerika zu etablieren, zwingen wirtschaftlicher Druck und eine volatile Marktdynamik das Unternehmen nun zu einem Rückzug in großem Stil.
Aktuelle Daten des Luftfahrtanalysedienstes Cirium belegen, dass die Gesamtkapazität des Carriers auf den Strecken in die Vereinigten Staaten um rund 44 Prozent eingebrochen ist. Allein für die diesjährige Sommersaison wurden fast 39 Prozent der geplanten US-Flüge im Vergleich zum Vorjahr gestrichen. Dieser Einschnitt markiert das vorläufige Ende der aggressiven Expansionsphase und verdeutlicht die massiven Herausforderungen, denen sich Budget-Anbieter in einem von etablierten Netzwerk-Carrieren dominierten Transatlantikmarkt gegenübersehen. Während Norse Atlantic Airways ihr eigenes Streckennetz ausdünnt, verlagert sie ihren geschäftlichen Schwerpunkt zunehmend auf das Leasinggeschäft für Drittanbieter, um die Auslastung ihrer Flotte und die Stabilität ihrer Einnahmen zu sichern.
Herausforderungen des Low-Cost-Modells auf der Langstrecke
Der Versuch, das erfolgreiche Konzept der Billigflieger von der Kurzstrecke auf interkontinentale Routen zu übertragen, gilt in der Luftfahrtbranche seit langem als risikoreich. Norse Atlantic Airways folgt hierbei dem Pfad ihres inoffiziellen Vorgängers Norwegian Long Haul, der trotz hoher Auslastung an den extrem schmalen Margen und dem intensiven Wettbewerb scheiterte.
Die transatlantischen Routen sind mit über 186.000 geplanten Flügen allein in diesem Jahr einer der am härtesten umkämpften Märkte weltweit. Insbesondere während der Hauptreisezeit zwischen Juli und September, in der mehr als 57.000 Flüge abgewickelt werden, liefern sich die großen Allianzen einen erbitterten Preiskampf. Norse Atlantic Airways kämpfte in der Vergangenheit damit, die hohen Fixkosten für den Betrieb moderner Großraumflugzeuge durch Ticketverkäufe zu decken, da die Renditen insbesondere außerhalb der Spitzenmonate massiv einbrachen. Trotz zeitweise solider Auslastungszahlen reichte der generierte Umsatz oft nicht aus, um die Kosten für Kerosin, Personal und Flughafengebühren nachhaltig zu decken.
Radikale Streichung unprofitabler Routen
Die Konsequenz aus dieser wirtschaftlichen Realität ist eine radikale Ausdünnung des Flugplans. Zahlreiche prestigeträchtige Verbindungen wurden in den vergangenen Monaten eingestellt. So strich die Airline die Routen von Paris und Berlin zum New Yorker Flughafen JFK sowie die Verbindung von London-Gatwick nach Miami. Auch die erst im Juni 2025 mit großen Erwartungen gestartete längste Route des Unternehmens, von Athen nach Los Angeles, wurde bereits wieder aufgegeben.
Für die Sommersaison 2026 verbleiben lediglich sieben aktive US-Routen im Portfolio. Täglich bedient werden nur noch die Strecken von Rom-Fiumicino und London-Gatwick nach New York sowie von London nach Orlando. Andere Verbindungen, wie etwa die Flüge von Paris oder Rom nach Los Angeles, wurden in ihrer Frequenz deutlich reduziert und finden teilweise nur noch zwei- bis viermal wöchentlich statt. Diese Konsolidierung soll es dem Unternehmen ermöglichen, seine Ressourcen auf die Strecken mit der stabilsten Nachfrage zu konzentrieren.
Expansion im Bereich ACMI und Wet-Lease
Um das finanzielle Risiko des eigenen Ticketverkaufs zu minimieren, hat Norse Atlantic Airways ihre Strategie grundlegend geändert. Ein Großteil der Flotte, die aus rund zwölf Boeing 787-9 Dreamlinern besteht, wird künftig im Rahmen von ACMI-Verträgen (Aircraft, Crew, Maintenance, Insurance) für andere Fluggesellschaften eingesetzt. Ein prominentes Beispiel für diese Neuausrichtung ist die Kooperation mit der indischen Fluggesellschaft IndiGo, die bereits sechs Flugzeuge von Norse Atlantic geleast hat, um ihr eigenes Wachstum in Richtung Europa voranzutreiben.
Das Leasinggeschäft bietet Norse Atlantic den Vorteil stabiler monatlicher Zahlungen, die unabhängig von der tatsächlichen Passagierauslastung auf den einzelnen Flügen fließen. Dieses Geschäftsmodell des Damp- oder Wet-Lease hat sich für die Airline zu einer überlebenswichtigen Säule entwickelt, da es die Volatilität des klassischen Passagiergeschäfts abfedert und die Fixkosten der modernen Flotte deckt.
Verlagerung des touristischen Fokus nach Südostasien
Parallel zum Rückzug aus den USA sucht die Fluggesellschaft nach neuen Wachstumsmärkten im Freizeitsegment, in denen der Wettbewerb weniger durch etablierte Hub-Strukturen geprägt ist. Hierbei ist Thailand in den Fokus gerückt. Norse Atlantic Airways hat im vergangenen Jahr fünf neue Nonstop-Verbindungen von Skandinavien und Großbritannien nach Bangkok und Phuket gestartet.
Die Nachfrage nach Direktflügen in die thailändischen Urlaubsregionen gilt als stabil und bietet im Vergleich zum US-Markt oft bessere Renditemöglichkeiten für Punkt-zu-Punkt-Verbindungen. Diese regionale Diversifizierung ist Teil des Versuchs, saisonale Schwankungen im transatlantischen Markt durch eine stärkere Präsenz auf der Südostasien-Route auszugleichen. Die Boeing 787 ist für diese langen Distanzen technisch ideal geeignet und ermöglicht es der Airline, ihre Reichweite ohne Zwischenstopps voll auszuspielen.
Flottenmanagement und finanzielle Konsolidierung
Ein weiterer Baustein der Konsolidierungsstrategie war die Rückgabe von drei kleineren Boeing 787-8 Maschinen an die Leasinggeber, die zuvor untervermietet waren. Dieser Schritt reduzierte die Komplexität der Flotte und senkte die monatlichen Leasingverpflichtungen. Die Unternehmensführung betont, dass die Verschiebung hin zum ACMI-Geschäft die finanzielle Basis gestärkt habe.
Das Ziel für das Geschäftsjahr 2026 besteht darin, eine ausgewogene Mischung aus eigenem Flugbetrieb auf profitablen Kernrouten und stabilen Einnahmen aus dem Leasinggeschäft zu erreichen. Dennoch bleibt die Zukunft des Low-Cost-Modells auf der Langstrecke ungewiss. Die Geschichte der Luftfahrt hat gezeigt, dass die Kombination aus niedrigen Ticketpreisen und den hohen operativen Anforderungen interkontinentaler Flüge nur unter optimalen Marktbedingungen funktioniert.
Ausblick auf die Wettbewerbssituation 2026
Die Entwicklung bei Norse Atlantic Airways ist symptomatisch für einen breiteren Trend in der Luftfahrtindustrie. Während die großen Netzwerkgesellschaften durch ihre Hub-and-Spoke-Systeme und umfangreiche Business-Class-Angebote hohe Erträge auf der Langstrecke erzielen, müssen sich kleinere Anbieter spezialisieren oder Kooperationen suchen.
Für die Reisenden bedeutet die Reduzierung der Kapazitäten bei Norse Atlantic zwar eine geringere Auswahl an Billigflügen in die USA, gleichzeitig könnte die stärkere Fokussierung der Airline auf verbleibende Routen zu einer höheren Verlässlichkeit des Flugplans führen. Ob die Strategie der Kapazitätsverlagerung nach Asien und in das Leasinggeschäft ausreicht, um Norse Atlantic Airways langfristig in die Gewinnzone zu führen, wird maßgeblich von der Entwicklung der Kerosinpreise und der allgemeinen globalen Reiselust in den kommenden Jahren abhängen.