Ein Flug der LOT Polish Airlines von Tokio nach Warschau mußte kürzlich aufgrund eines Triebwerksproblems über China sicherheitslanden. Das Ereignis, das glücklicherweise ohne weitere Zwischenfälle verlief, ist jedoch weit mehr als ein isoliertes technisches Versagen.
Es wirft ein Schlaglicht auf die seit Jahren andauernden und kostspieligen Zuverlässigkeitsprobleme des Rolls-Royce Trent 1000-Triebwerks, das die Boeing 787 Dreamliner antreibt. Der Vorfall in Urumqi unterstreicht, daß die globalen Fluggesellschaften weiterhin mit den operativen und finanziellen Folgen dieser technischen Herausforderungen zu kämpfen haben, die die Flugplanung und die Rentabilität des Betriebs beeinträchtigen.
Sicherheitslandung in der Wüste: Der Vorfall um Flug LO-80
Am Freitag, dem 15. August, mußte der Flug LO-80 der LOT Polish Airlines, der auf dem Weg von Tokio nach Warschau war, seinen planmäßigen Kurs ändern. Die eingesetzte Maschine, eine Boeing 787-9 Dreamliner mit der Kennung SP-LSA, meldete während ihres Fluges über dem westlichen China ein technisches Problem mit einem ihrer Triebwerke. Die Crew des Fluges, der typischerweise um 22:50 Uhr Ortszeit vom Tokyo Narita Airport (NRT) abhebt, leitete umgehend einen Sinkflug ein und traf die Entscheidung, zum nächstgelegenen größeren Flughafen auszuweichen.
Die Wahl fiel auf den Ürümqi Diwopu International Airport (URC) in der autonomen Region Xinjiang. Rund anderthalb Stunden nach der initialen Meldung setzte der Dreamliner sicher auf der Landebahn 26R auf. Wie im modernen Luftverkehr üblich, wurden die Passagiere umgehend von der Fluggesellschaft betreut und auf alternative Verbindungen umgebucht, um ihre Reise fortsetzen zu können. Für die betroffene Maschine endete die Reise jedoch abrupt. Das Flugzeug, dessen exakte Störung nicht im Detail kommuniziert wurde, ist seit dem Vorfall in Urumqi am Boden und wird dort auf seine Rückkehr in den Dienst vorbereitet.
Chronik eines Triebwerksproblems: Der Schatten über dem Trent 1000
Das Triebwerksproblem an Bord des LOT-Fluges ist kein Einzelfall, sondern fügt sich in eine lange Reihe von Schwierigkeiten ein, die das Rolls-Royce Trent 1000-Triebwerk seit seiner Einführung heimsuchen. Der Motor, der neben dem General Electric GEnx eine von zwei Optionen für die Boeing 787 ist, wurde in den 2000er Jahren entwickelt und gilt als technologisch fortschrittlich. Seit 2016 jedoch haben die ständigen Probleme mit der Zuverlässigkeit der Triebwerksteile die Betreiber weltweit vor immense Herausforderungen gestellt.
Das Problem, das in den letzten Jahren immer wieder auftrat, war die vorzeitige Rißbildung an den Schaufeln der Mitteldruckturbine. Diese Materialermüdung führte zu weitreichenden Inspektionen und Zwangspausen für die betroffenen Flugzeuge. Die Luftfahrtbehörden reagierten auf diese Probleme, indem sie die sogenannte ETOPS-Zulassung für einige Trent 1000-Varianten drastisch reduzierten. ETOPS steht für „Extended-range Twin-engine Operational Performance Standards“ und regelt die maximal zulässige Flugzeit eines zweistrahligen Flugzeugs von einem Ausweichflughafen. Die Reduzierung von 330 auf 140 Minuten zwang die Fluggesellschaften, ihre Routenplanung anzupassen, längere Strecken zu meiden und weniger direkte Flugpfade zu wählen. Dies hatte nicht nur Auswirkungen auf die Flugzeiten, sondern auch auf die Wirtschaftlichkeit des Betriebs.
Die teuren Folgen: Auswirkungen auf Fluggesellschaften und Hersteller
Die anhaltenden Probleme mit dem Triebwerk haben für Fluggesellschaften weltweit zu erheblichen Kosten und Störungen geführt. Mehrere renommierte Carrier wie Virgin Atlantic, British Airways, Air New Zealand, All Nippon Airways und Norwegian Air mußten ihre Flugpläne anpassen und Maschinen am Boden halten. Virgin Atlantic, die eine Flotte von 17 Boeing 787-9 Dreamliner betreibt, sah sich gezwungen, die geplante Einführung einer Verbindung zwischen London Heathrow und Sao Paulo zu verschieben. Auch der neue Flugdienst nach Accra wurde verzögert.
Für die Fluggesellschaften bedeuten die technischen Mängel hohe finanzielle Einbußen durch die Stilllegung von Flugzeugen, die Notwendigkeit von Ersatzbeschaffungen und die Kosten für die Unterbringung und Entschädigung von Passagieren. Der damalige Geschäftsführer von Norwegian Air nannte die Probleme mit dem Trent 1000 sogar als einen der Gründe für den vollständigen Ausstieg des Unternehmens aus dem Langstreckengeschäft. Auch für Rolls-Royce selbst sind die Folgen verheerend. Der britische Triebwerkshersteller mußte milliardenschwere Rückstellungen für Reparaturen und Entschädigungen bilden und leidet unter einem deutlichen Imageschaden. Die Krise um das Trent 1000 gilt als eine der größten in der jüngeren Unternehmensgeschichte.
Eine Lösung in weiter Ferne: Die Herausforderung der Ersatzteilversorgung
Trotz der Einführung eines Durability Enhancement package (Verbesserungspaket zur Haltbarkeit) durch Rolls-Royce, das überarbeitete Turbinenschaufeln enthält, sind die Probleme nach wie vor nicht vollständig gelöst. Branchenbeobachter und Führungskräfte von Fluggesellschaften gehen davon aus, daß die Störungen weiterhin anhalten werden. Das Hauptproblem liegt derzeit nicht nur in der technischen Lösung, sondern auch in der langsamen Umsetzung. Eine allgemeine Knappheit an Ersatzteilen und die aufwendige Logistik der Wartungsprozesse führen dazu, daß die Flugzeuge nur langsam wieder in den Betrieb genommen werden können.
Analysten erwarten, daß die Auswirkungen auf den Flugbetrieb sich noch bis weit ins Jahr 2026 ziehen werden. Shai Weiss, der Geschäftsführer von Virgin Atlantic, äußerte sich dazu in einem Interview und stellte klar, daß man bereits seit langer Zeit mit den Problemen zu kämpfen habe. Er nannte das Trent 1000-Triebwerk offen ein „nicht gutes Triebwerk“ und ging davon aus, daß die Schwierigkeiten das gesamte laufende Jahr über andauern würden. Die LOT-Notlandung in China ist ein unmißverständliches Signal, daß die Krise um das Triebwerk nicht nur eine Sache von Unternehmensbilanzen ist, sondern reale Auswirkungen auf den Flugbetrieb und die Reisen der Passagiere hat.
Der jüngste Vorfall mit dem LOT Polish Airlines-Flug ist ein klares und deutliches Zeichen, daß die Saga um das Trent 1000-Triebwerk noch lange nicht beendet ist. Er ist ein Sinnbild für die komplexen Abhängigkeiten in der modernen Luftfahrt. Während das Triebwerksprogramm weiterhin eine Herausforderung für Rolls-Royce und seine Kunden darstellt, zeigt der Vorfall auch die Professionalität der Flugzeugbesatzungen, die in der Lage sind, auf unerwartete technische Probleme sicher zu reagieren. Die Branche muß gewiß weiterhin die Balance zwischen Innovation und Zuverlässigkeit suchen, um die operative Stabilität zu gewährleisten, die für das Vertrauen der Passagiere und die Wirtschaftlichkeit der Unternehmen unerläßlich ist.