Boeing 737-800 (Foto: Mario Caruana / MAviO News).
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Tui nutzt starken Euro und Kapitalmarkt für strategische Flottenübernahme

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Der weltweit größte Touristikkonzern Tui vollzieht eine strategische Verschiebung in der Finanzierung seiner Flugzeugflotte. Aufgrund günstiger Konditionen am Kapitalmarkt und der aktuellen Stärke des Euro hat das Unternehmen damit begonnen, Flugzeuge aus bestehenden Leasingverträgen herauszukaufen und in das Konzerneigentum zu überführen.

Dieser Schritt, der im August 2025 durch die Aufstockung einer Anleihe von 250 Millionen auf 295,5 Millionen Euro finanziert wurde, dient der vorzeitigen Rückzahlung von Leasingverträgen für Schiffe und Flugzeuge. Konzernchef Sebastian Ebel sieht darin eine gezielte Nutzung makroökonomischer Währungsverschiebungen, die ein „erhebliches Ergebnispotenzial“ eröffnen. Obwohl der Großteil der rund 125 Flugzeuge umfassenden Flotte weiterhin geleast bleibt, markiert die verstärkte Eigenfinanzierung einen opportunistischen Ansatz zur Optimierung der Bilanz und zur aktiven Steuerung von Währungsrisiken.

Finanzielle Optimierung durch den Kapitalmarkt

Die Entscheidung von Tui, Vermögenswerte wie Flugzeuge und Schiffe direkt zu erwerben, anstatt sie langfristig zu leasen, ist primär finanziell motiviert. Die Finanzierung über den Kapitalmarkt, insbesondere durch die Emission von Anleihen, bietet dem Konzern derzeit offenbar günstigere Konditionen als die Verträge mit Leasinggesellschaften. Im August 2025 nutzte Tui diese Möglichkeit und stockte eine Anleihe auf, um die vorzeitige Ablösung der Leasingverpflichtungen zu finanzieren.

Der Kern der Strategie, wie sie Tui-Chef Sebastian Ebel darlegte, liegt in der Nutzung des starken Euro gegenüber dem US-Dollar, da Flugzeug-Leasingverträge typischerweise in US-Dollar abgeschlossen werden. Ebel formulierte dies prägnant: „Man kauft Flugzeuge, wenn der Euro stark ist und verkauft sie, wenn der Euro schwach ist.“ Diese Währungsarbitrage ermöglicht es dem Konzern, die Anschaffungskosten beim Kauf in Euro effektiv zu senken. Bei einer zukünftigen Schwäche des Euro könnten die Vermögenswerte theoretisch mit Gewinn wieder veräußert werden, was ein zusätzliches Ergebnispotenzial schafft.

Durch die vorzeitige Ablösung von Leasingverträgen fallen die regelmäßigen, in der Regel in US-Dollar fälligen Leasingraten weg. Dies reduziert die laufenden operativen Kosten und mindert gleichzeitig das Währungsrisiko, das mit der Dollar-denominierten Verschuldung verbunden ist. Die Überführung von Leasinggütern in das Eigentum der Tui Group dient somit der Stärkung der finanziellen Flexibilität und der proaktiven Bilanzsteuerung.

Bestandteil einer bewährten Flottenstrategie

Tui macht keine genauen Angaben darüber, wie viele Flugzeuge im Jahr 2025 konkret aus Leasingverträgen herausgelöst wurden. Ein Sprecher des Konzerns bestätigte jedoch, dass es sich um ein „eingespieltes Verfahren“ handelt, das Tui bereits seit mehreren Jahren bei Flugzeugen des Typs Boeing 737 praktiziert, sobald sich entsprechende Opportunitäten ergeben. Dies deutet darauf hin, dass die aktuelle Maßnahme keine singuläre Entscheidung, sondern die Fortführung einer bereits bestehenden, opportunistischen Finanzierungsstrategie darstellt.

Die Flotte der Tui Group umfasst insgesamt rund 125 Flugzeuge. Der „übermäßige Großteil“ dieser Flotte werde weiterhin über Leasingverträge gehalten, betonte der Konzernsprecher. Leasing bietet Fluggesellschaften traditionell eine hohe Flexibilität und schont die Liquidität, da hohe Anfangsinvestitionen vermieden werden. Der selective Kauf von Flugzeugen ermöglicht es Tui jedoch, die Vorteile des direkten Eigentums zu nutzen, wie beispielsweise mehr Kontrolle über die Wartung und die Möglichkeit, die Flugzeuge als Sicherheit für andere Finanzierungen zu nutzen. Die Strategie scheint darauf abzuzielen, einen optimierten Mix aus Eigenfinanzierung und Leasing aufrechtzuerhalten, um sowohl von der Flexibilität des Leasings als auch von den Kostenvorteilen und der Währungsarbitrage des direkten Erwerbs zu profitieren.

Die Boeing 737 MAX im Fokus

Die Flotte der Tui ist stark auf Flugzeuge des US-amerikanischen Herstellers Boeing ausgerichtet. Von den rund 125 Flugzeugen sind 104 Maschinen vom Typ Boeing 737. Ein wesentlicher Teil dieser 737-Teilflotte sind moderne Boeing 737 MAX 8. Fast jedes zweite Flugzeug in der 737-Flotte ist demnach bereits eine MAX 8.

Die Entscheidung, Flugzeuge dieses Typs gezielt zu kaufen, könnte auch mit der Verfügbarkeit und den Verhandlungspositionen im Kontext der globalen Luftfahrtindustrie zusammenhängen. Die Boeing 737 MAX ist nach ihrer weltweiten Wiedereinführung in den Flugbetrieb ein zentrales Element der Flottenmodernisierungsstrategien vieler Airlines. Die Übernahme von geleasten 737-Maschinen in das Konzerneigentum ist ein Indiz dafür, dass Tui die langfristige strategische Bedeutung dieses Flugzeugtyps für ihre operationellen Anforderungen hoch einschätzt. Die Vereinheitlichung der Flotte auf die 737-Familie ermöglicht zudem Effizienzgewinne bei der Wartung, der Ausbildung des Personals und der Ersatzteilhaltung.

Makroökonomische Faktoren und die Tourismusbranche

Die Finanzierungsentscheidungen von Tui spiegeln eine enge Beobachtung makroökonomischer Entwicklungen wider. Die Wechselkursentwicklung zwischen dem Euro und dem US-Dollar ist für international tätige Unternehmen wie Tui, die Großaufträge und Leasingverträge oft in US-Dollar abwickeln, ein kritischer Faktor. Die bewusste Ausnutzung des starken Euros für Sachwertkäufe ist ein Beispiel für aktives Währungsmanagement zur Ergebnisverbesserung.

Diese strategischen Finanzierungsentscheidungen sind Teil des umfassenderen Kurses von Tui, die Kostenstrukturen zu optimieren und die Bilanz nach den Herausforderungen der letzten Jahre zu stärken. Die Tourismusbranche erlebt derzeit eine Phase der Erholung und erhöhter Nachfrage, was Tui die notwendige Liquidität und den Spielraum für solche strategischen Investitionen verschafft. Durch die Reduzierung der Leasingverpflichtungen und die Übernahme von Vermögenswerten stärkt der Konzern seine Widerstandsfähigkeit gegenüber zukünftigen wirtschaftlichen Schwankungen und positioniert sich finanziell robuster für das weitere globale Wachstum des Reisemarktes. Die Strategie von Tui zeigt, wie große globale Konzerne Wechselkurse nicht nur als Risiko, sondern als aktive Chance zur Schaffung von Mehrwert und zur Steigerung des Betriebsergebnisses nutzen können.

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