Airbus A321 (Foto: Aero Icarus).
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Überraschende Wende im Fall Onur Air: Türkisches Berufungsgericht hebt Insolvenzurteil gegen Traditionsairline auf

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In der langjährigen juristischen Auseinandersetzung um das Schicksal der einst führenden türkischen Privatfluggesellschaft Onur Air ist eine unerwartete Entscheidung gefallen, die das gesamte Verfahren neu aufrollt. Das Oberlandesgericht der Türkei hat ein erstinstanzliches Insolvenzurteil vom November 2025 aufgehoben und den Fall zur erneuten Verhandlung an das zuständige Amtsgericht in Bakırköy zurückverwiesen. Damit wird der bereits eingeleitete Liquidationsprozess, der das endgültige Ende des 1992 gegründeten Unternehmens besiegeln sollte, vorerst gestoppt.

Die Entscheidung der 17. Zivilkammer sorgt in der türkischen Luftfahrtbranche für erhebliches Aufsehen, da sie eine Phase der erneuten Rechtsunsicherheit für Gläubiger, ehemalige Mitarbeiter und das Management einläutet. Während die Aufhebung des Urteils formal eine Atempause für die Gesellschaft bedeutet, bleibt die wirtschaftliche Realität der Airline, die seit Jahren keine operativen Flüge mehr durchführt, weiterhin prekär. Der Fall gilt als beispiellos in der jüngeren türkischen Rechtsgeschichte, da er die komplexen Verflechtungen zwischen privatrechtlichen Lohnforderungen und der staatlichen Aufsicht über den Luftverkehr verdeutlicht.

Juristischer Rückschlag für das Liquidationsverfahren

Der aktuelle Beschluss des Berufungsgerichts markiert einen Wendepunkt in einem Verfahren, das seinen Ursprung bereits im Jahr 2022 nahm. Damals war das Unternehmen erstmals durch die Klage eines ehemaligen Piloten unter Druck geraten, der ausstehende Gehaltszahlungen gerichtlich geltend gemacht hatte. Was als individueller Arbeitsrechtsstreit begann, weitete sich schnell zu einem umfassenden Insolvenzantrag aus. Das 2. Zivil- und Handelsgericht Bakırköy hatte im November 2025 die offizielle Insolvenz festgestellt und die Liquidation der verbliebenen Vermögenswerte angeordnet. Diese Entscheidung wurde nun von der nächsthöheren Instanz kassiert, da formale oder inhaltliche Mängel in der Bewertung der Zahlungsfähigkeit festgestellt wurden.

Die Zurückverweisung an das Amtsgericht bedeutet, dass die Beweisaufnahme komplett neu aufgerollt werden muss. Das Gericht wird nun erneut prüfen müssen, ob die Voraussetzungen für eine Insolvenz zum Zeitpunkt der Antragstellung tatsächlich in vollem Umfang gegeben waren. Für Onur Air ist dies ein Teilsieg, da die unmittelbare Zerschlagung des Unternehmens gestoppt wurde. Gleichzeitig warnt das Gericht jedoch davor, diese Aufhebung als Freispruch oder als Beendigung der finanziellen Misere misszuverstehen. Es handelt sich um eine verfahrensrechtliche Korrektur, die den Ausgang des Falls wieder völlig offenlässt.

Der tiefe Fall eines Branchenpioniers

Um die Tragweite der aktuellen Entscheidung zu verstehen, ist ein Blick auf die Historie von Onur Air unerlässlich. Die Fluggesellschaft wurde 1992 ins Leben gerufen und galt über Jahrzehnte als Vorreiter des privaten Luftverkehrs in der Türkei. Mit einer Flotte, die zeitweise über 30 Flugzeuge umfasste, bediente das Unternehmen sowohl ein dichtes Inlandsnetz als auch zahlreiche internationale Destinationen im Charter- und Linienverkehr. Mehr als 90 Millionen Passagiere wurden in der Geschichte des Unternehmens befördert, das maßgeblich dazu beitrug, Flugreisen für breite Bevölkerungsschichten in der Türkei erschwinglich zu machen.

Der Abstieg begann schleichend und wurde durch die globalen Verwerfungen der Jahre 2020 und 2021 massiv beschleunigt. Während Konkurrenten durch staatliche Beihilfen oder Kapitalerhöhungen gestützt wurden, geriet Onur Air in eine Abwärtsspirale aus Schulden und Flugverboten. Bereits Ende 2021 entzog die türkische Generaldirektion für Zivilluftfahrt (SHGM) dem Unternehmen die Betriebslizenz (AOC), da wesentliche Sicherheits- und Finanzkriterien nicht mehr erfüllt werden konnten. In der Folge beschlagnahmten Leasinggesellschaften die verbliebenen Flugzeuge, was den operativen Betrieb faktisch unmöglich machte. Seit Mitte 2022 hat kein Flugzeug der Airline mehr den Boden verlassen.

Soziale Folgen und die Forderungen der Mitarbeiter

Ein zentraler Aspekt des Verfahrens ist die prekäre Situation der ehemaligen Belegschaft. Schätzungen zufolge warten rund 1.800 frühere Angestellte, darunter Piloten, Kabinenpersonal und Bodenmitarbeiter, seit Jahren auf ihre ausstehenden Gehälter und Abfindungen. Viele dieser Forderungen datieren zurück bis ins Jahr 2020. Die betroffenen Mitarbeiter hatten sich in der Vergangenheit mehrfach über staatliche Plattformen wie Cimer beschwert und versucht, ihre Rechte einzuklagen. Das nun aufgehobene Insolvenzverfahren sollte eigentlich den Weg für eine geordnete Verwertung der Restmasse ebnen, um zumindest einen Teil dieser Forderungen zu befriedigen.

Die Aufhebung des Urteils stellt diese Hoffnungen nun vorerst wieder infrage. Solange kein rechtskräftiges Insolvenzurteil vorliegt, kann die Liquidationsverwaltung nicht auf die verbliebenen Konten oder Immobilien des Unternehmens zugreifen, um Auszahlungen vorzunehmen. Die Rechtsvertreter der Angestellten zeigen sich besorgt darüber, dass die erneute Verzögerung dazu führen könnte, dass am Ende des Prozesses kaum noch verwertbares Vermögen vorhanden ist. Auf der anderen Seite könnte eine Neubewertung des Falls theoretisch auch die Suche nach einem neuen Investor ermöglichen – ein Szenario, das das Management der Onur Air bereits seit Jahren ohne greifbares Ergebnis propagiert.

Marktwirtschaftliche Implikationen für die türkische Luftfahrt

Die juristischen Wirren um Onur Air werfen auch ein Schlaglicht auf die Struktur des türkischen Luftverkehrsmarktes. Während staatliche Akteure und große teilprivate Gesellschaften wie Turkish Airlines oder Pegasus Airlines ihre Marktanteile nach der Pandemie massiv ausgebaut haben, zeigt der Fall Onur Air die Risiken für mittelständische Player auf. Die steigenden Betriebskosten, kombiniert mit hoher Inflation und einer Abwertung der Landeswährung, haben die finanzielle Basis für kleinere Anbieter ohne tiefes Kapitalpolster untergraben.

Das erneute Gerichtsverfahren wird auch die Frage klären müssen, inwieweit das Management der Airline für die wirtschaftliche Schieflage verantwortlich zu machen ist. Im Zuge des Insolvenzantrags von 2025 war angeordnet worden, sämtliche Finanztransaktionen der vorangegangenen fünf Jahre lückenlos zu prüfen. Diese Prüfung wird nun im Rahmen des neuen Amtsgerichtsverfahrens fortgesetzt werden. Branchenexperten beobachten genau, ob die Gerichte im neuen Verfahren strengere Maßstäbe an die Offenlegungspflichten der Geschäftsführung anlegen werden.

Ungewisse Zukunft und nächste Schritte

Wie geht es nun weiter? Der Fall wird an das 2. Zivil- und Handelsgericht Bakırköy zurücküberwiesen, wo in den kommenden Monaten eine neue Serie von Anhörungen stattfinden wird. In dieser Phase wird es vor allem darum gehen, aktuelle Gutachten über den Unternehmenswert und die Verschuldungsquote einzuholen. Die Aufhebung durch die 17. Zivilkammer des Oberlandesgerichts bedeutet rechtlich eine Rückkehr zum Status quo ante. Die Airline existiert auf dem Papier weiterhin als Unternehmen, verfügt jedoch über keine gültige Lizenz und kein aktives Fluggerät.

Für die türkische Justiz ist das Verfahren eine Belastungsprobe. Die Balance zwischen dem Schutz der Gläubigerinteressen und der Wahrung formaler Rechtsansprüche des Unternehmens ist ein schmaler Grat. Die Entscheidung des Berufungsgerichts zeigt, dass die Hürden für eine endgültige Liquidation eines traditionsreichen Unternehmens hoch liegen. Dennoch bleibt die Wahrscheinlichkeit einer Rückkehr von Onur Air in den aktiven Flugdienst äußerst gering. Vielmehr wird erwartet, dass das neue Verfahren lediglich dazu dient, die Verteilung der verbliebenen Vermögenswerte rechtlich unangreifbar zu gestalten. Die nächsten Monate werden zeigen, ob Onur Air doch noch ein geordnetes Ende findet oder ob die juristische Hängepartie in eine weitere Runde geht.

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