Nach einem tödlichen Ausbruch des Hantavirus an Bord des niederländischen Expeditionsschiffs MV Hondius hat auf Teneriffa eine beispiellose internationale Evakuierungsaktion begonnen. Das Schiff, das mit rund 150 Passagieren und Besatzungsmitgliedern aus über 20 Nationen die Kanarischen Inseln erreichte, wurde unter strikte Gesundheitskontrollen gestellt.
Anlass für die drastischen Maßnahmen waren drei Todesfälle sowie mehrere Infektionen mit dem Andes-Stamm des Virus während der Reise. Dieser spezifische Erreger gilt als eine der wenigen Hantavirus-Varianten, bei denen eine begrenzte Übertragung von Mensch zu Mensch möglich ist, weshalb die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und das Europäische Zentrum für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) sämtliche Personen an Bord als Hochrisikokontakte eingestuft haben.
Die logistisch komplexe Repatriierung wird durch ein Netzwerk aus Chartermaschinen, Regierungsfliegern und Militärtransporten realisiert. Deutschland, die Niederlande, Belgien und Griechenland koordinierten am 10. Mai einen gemeinsamen Flug mit einem Airbus A321neo nach Eindhoven, um ihre Staatsbürger auszufliegen. Von dort aus wurden die Betroffenen in ihre jeweiligen Heimatländer weitertransportiert, wobei etwa zwei belgische Reisende direkt per Ambulanz in das Universitätskrankenhaus Antwerpen verlegt wurden. Spanien brachte seine Staatsbürger zur Quarantäne in das Militärkrankenhaus Gómez Ulla bei Madrid, während die USA ihre Rückkehrer in einer nationalen Quarantäneeinheit in Nebraska isolierten. Auch das Vereinigte Königreich, Frankreich und Irland setzten Spezialflüge ein, um ihre Bürger unter medizinischer Beobachtung in spezialisierte Isolierstationen zu überführen.
Die Gesundheitsbehörden in den Empfängerländern haben strenge Überwachungsprotokolle aktiviert. In Frankreich müssen Rückkehrer nach einem ersten Klinikaufenthalt eine 45-tägige häusliche Isolation einhalten. In den USA wurde bei einem Passagier bereits nach der Landung ein positiver Befund gemeldet. Die internationale Tragweite der Operation wird durch zusätzliche Flüge für Staatsangehörige aus Australien, Neuseeland, Kanada und der Türkei unterstrichen. Es handelt sich um eine der größten koordinierte Rückholaktionen im Zusammenhang mit Infektionskrankheiten seit der COVID-19-Pandemie. Trotz der weitreichenden Maßnahmen betont die WHO, dass das Risiko für die allgemeine Öffentlichkeit zum jetzigen Zeitpunkt als gering einzustufen sei.
Die MV Hondius bleibt unterdessen im Hafen von Teneriffa für umfassende Desinfektionsmaßnahmen und Untersuchungen gesperrt. Experten versuchen derzeit zu klären, wie das Virus an Bord des modernen Expeditionsschiffs gelangen konnte, da Hantaviren üblicherweise durch Nagetiere übertragen werden. Der Fokus der Ermittlungen liegt auf der Frage, ob der Ausbruch durch infizierte Vorräte oder während eines Landgangs in Südamerika ausgelöst wurde, wo der Andes-Stamm endemisch ist. Die Koordination zwischen den beteiligten Regierungen und internationalen Gesundheitsorganisationen läuft auf Hochtouren, um eine weitere Ausbreitung des Erregers über die Landesgrenzen hinweg zu unterbinden.