Airbus A321 (Foto: Jan Gruber).
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Ungeklärte Brandschutzrisiken: Finnair muss A321-Flotte wegen Reinigungsmethode am Boden lassen

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Ein ungewöhnlicher Vorfall in der Wartungskette zwingt die finnische Fluggesellschaft Finnair zu weitreichenden Flugstreichungen. Aufgrund ungeklärter Fragen zur Brandschutzsicherheit von Sitzbezügen, die mit einer wasserbasierten Reinigungsmethode behandelt wurden, musste die Fluggesellschaft zu Beginn der Woche acht Flugzeuge aus ihrer Airbus A321-Flotte temporär stilllegen.

Diese vorsorgliche Maßnahme betrifft rund 20 Flüge pro Tag und hat bereits am 13. und 14. Oktober 2025 zu erheblichen Beeinträchtigungen im europäischen Flugverkehr geführt. Die Situation verdeutlicht die kompromisslose Priorität der Flugsicherheit, insbesondere im Hinblick auf die Entflammbarkeit von Kabinenmaterialien, und unterstreicht die strenge Abhängigkeit von Herstellerangaben bei der Flugzeugwartung.

Die Kernfrage: Ungeprüfte Reinigung und Brandschutz

Die Stilllegung der Flugzeuge resultiert aus einer Mitteilung des Sitzherstellers an Finnair. Die Airline hatte zur Reinigung der abnehmbaren Sitzbezüge eine wasserbasierte Waschanlage genutzt, doch der Hersteller wies darauf hin, dass die Auswirkungen dieser Methode auf die feuerhemmenden Eigenschaften der Bezüge nicht vollständig verifiziert worden seien. Angesichts der strengen Vorschriften im Luftverkehr, die spezifische Feuerfestigkeitsstandards für Sitzmaterialien vorschreiben, sah sich Finnair gezwungen, die betroffenen Flugzeuge sofort aus dem Verkehr zu ziehen.

Sitze und andere Textilien in Flugzeugkabinen, darunter synthetische Gewebe wie Polyester, Nylon und Wollmischungen, müssen so beschaffen und behandelt sein, dass sie schwer entflammbar sind und im Brandfall nur eine geringe Rauchentwicklung aufweisen. Für Sitzpolster, die oft aus Polyurethan-Schaumstoff bestehen, sind feuerhemmende Schichten (sogenannte fire-blocking layers) oder spezielle Behandlungen vorgeschrieben, um die Ausbreitung eines Feuers zu verzögern. Die Sicherheitsbestimmungen der Luftfahrtbehörden wie der europäischen European Union Aviation Safety Agency (EASA) und der amerikanischen Federal Aviation Administration (FAA) sind in dieser Hinsicht extrem rigoros.

Ein unsachgemäßes Reinigungsverfahren, insbesondere die Verwendung von ungeeigneten Chemikalien oder, wie in diesem Fall, einer nicht autorisierten Wasserwäsche, kann die flammhemmenden Eigenschaften der Stoffe und ihrer chemischen Beschichtungen dauerhaft beeinträchtigen oder gar zerstören. Da die Flugsicherheit oberste Priorität hat und jedes betroffene Flugzeugteil die spezifischen Brandschutzanforderungen erfüllen muss, war die temporäre Stilllegung der halben A321-200-Flotte von Finnair, die 16 Flugzeuge umfasst, eine zwingende betriebliche Notwendigkeit.

Betriebliche Auswirkungen und Passagierbetreuung

Die A321-200-Maschinen sind für Finnair das Rückgrat des Kurz- und Mittelstreckennetzes innerhalb Europas und verbinden das Drehkreuz am Flughafen Helsinki-Vantaa (HEL) mit zahlreichen europäischen Städten. Jede dieser Maschinen kann bis zu 209 Passagiere befördern, was die erhebliche logistische Herausforderung bei einer Annullierung von rund 40 Flügen an zwei Tagen verdeutlicht, von denen Schätzungen zufolge Tausende Passagiere betroffen sind.

Die Fluggesellschaft reagiert auf die unerwartete Störung mit einem umfassenden Notfallplan für die betroffenen Reisenden. Passagieren, deren Flüge annulliert wurden oder die aufgrund der Streichungen ihren Anschlussflug verpassten, werden alternative Reisemöglichkeiten angeboten, darunter die kostenlose Umbuchung auf andere Flüge. Zudem besteht die Möglichkeit, eine vollständige Rückerstattung des Flugpreises zu beantragen. Bei längeren Wartezeiten oder Über-Nacht-Stopps aufgrund der Umbuchungen leistet Finnair Unterstützung und stellt Unterkünfte zur Verfügung. Die unerwartete Situation fällt in eine Zeit, in der in Finnland Herbstferien sind, was die Dringlichkeit der Umbuchungen und die Belastung der verfügbaren Kapazitäten zusätzlich erhöht.

Rigorose Instandhaltungsvorschriften in der Luftfahrt

Der Vorfall bei Finnair lenkt das Augenmerk auf die extrem detaillierten und strengen Vorschriften für die Wartung und Instandhaltung von Flugzeugen. In der Luftfahrt muss jeder Schritt, einschließlich der Reinigung und der verwendeten Produkte, den Herstelleranweisungen und den behördlichen Auflagen entsprechen. Flugzeugreinigung erfolgt üblicherweise in mehreren Stufen: von der täglichen Reinigung über gründlichere Reinigungen nach etwa 30 bis 45 Tagen bis hin zu umfassenden Reinigungsarbeiten im Rahmen großer Wartungschecks, dem sogenannten C-Check, der in der Regel alle 18 Monate fällig wird.

Die Art der Reinigung hängt stark vom verwendeten Material ab. Ledersitze beispielsweise erfordern spezielle, ledersichere Reinigungsmittel und eine anschließende Pflege mit Konditionierungsmitteln, um das Leder geschmeidig zu halten und Risse zu verhindern. Bei Stoffbezügen ist die Kompatibilität des Reinigungsmittels – sei es Wasser oder eine chemische Lösung – mit der flammenhemmenden Behandlung der Faser von existentieller Bedeutung. Jede Abweichung von den freigegebenen Methoden kann die Zertifizierung der Komponente und damit die Flugtüchtigkeit des gesamten Flugzeugs infrage stellen.

Die Tatsache, dass der Sitzhersteller selbst darauf hinwies, die Auswirkung der Wasserwäsche auf die Feuersicherheit nicht verifiziert zu haben, zeigt die vorsorgliche Natur der Sicherheitssysteme in der Luftfahrt. Fluggesellschaften sind rechtlich verpflichtet, jegliches potenzielle Risiko unverzüglich zu beseitigen. Daher besteht die unmittelbare Maßnahme in der Begutachtung der Bezüge und der Durchführung der erforderlichen Tests zur Wiederherstellung des Brandschutznachweises, bevor die A321-Maschinen wieder in den Liniendienst übergehen können.

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