Die deutsche Luftverkehrswirtschaft sieht sich mit einer drohenden Kehrtwende in der Steuerpolitik konfrontiert. Trotz der im November 2025 getroffenen Zusage des Koalitionsausschusses, die Sätze der Luftverkehrsabgabe zum 1. Juli 2026 spürbar zu senken, mehren sich die Anzeichen für eine erhebliche Finanzierungslücke. Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder steht vor der Herausforderung, rund 350 Millionen Euro innerhalb seines eigenen Etats einzusparen, um die Mindereinnahmen auszugleichen.
Das Bundesfinanzministerium unterstreicht die Notwendigkeit einer internen Gegenfinanzierung, während gleichzeitig Berichte über fehlende Mittel bei wichtigen Infrastrukturprojekten, wie der Schienenanbindung des Frankfurter Flughafens, den finanziellen Druck auf das Ministerium verdeutlichen. Die Fluggesellschaften, allen voran die Lufthansa, hatten auf die Entlastungsversprechen mit der Rücknahme von Streckenstreichungen reagiert, sehen sich nun jedoch mit der Möglichkeit konfrontiert, dass die steuerlichen Erleichterungen aufgrund fehlender Deckung im Bundeshaushalt erneut zur Disposition stehen könnten.
Die politische Vorgeschichte und der Druck der Branche
Die Debatte um die Höhe der Ticketsteuer hatte sich bereits im Jahr 2024 verschärft, als die damalige Bundesregierung die Sätze deutlich anhob, um Haushaltslöcher zu stopfen. Die Luftfahrtbranche kritisierte diesen Schritt umgehend als Wettbewerbsnachteil gegenüber internationalen Drehkreuzen und warnte vor einer schleichenden Abwanderung von Verkehrsströmen ins europäische Ausland. Insbesondere im innerdeutschen Zubringernetz machten Fluggesellschaften deutlich, dass die hohen staatlichen Abgaben die Rentabilität vieler Strecken untergraben würden.
Als Reaktion auf diese Warnungen und nach intensiven Verhandlungen kündigte Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder im Herbst 2025 an, dass die Erhöhung von 2024 rückgängig gemacht werden solle. Zunächst war geplant, diesen Schritt erst im Jahr 2027 zu vollziehen. Doch unter dem Eindruck massiven Drucks aus der Wirtschaft und der Drohung der Lufthansa, wichtige Zubringerflüge dauerhaft zu streichen, verständigte sich der Koalitionsausschuss im November auf einen früheren Termin: den 1. Juli 2026. Diese Zusage wurde von der Branche als Vertrauensbeweis gewertet und führte unmittelbar dazu, dass angedachte Kapazitätskürzungen vorerst ausgesetzt wurden.
Das Dilemma der Gegenfinanzierung im Verkehrsressort
Die Umsetzung dieses Versprechens erweist sich nun als fiskalpolitische Hürde von erheblichem Ausmaß. Da die Einigung im Koalitionsausschuss erst nach der formalen Verabschiedung der Haushaltspläne für das kommende Jahr erfolgte, sind die für die Steuersenkung benötigten 350 Millionen Euro nicht als fester Posten im Etat hinterlegt. Das Bundesfinanzministerium vertritt die klare Position, dass jede steuerliche Entlastung in diesem Bereich durch entsprechende Einsparungen innerhalb des Einzelplans des Verkehrsministeriums gegenfinanziert werden muss.
Für das Bundesverkehrsministerium bedeutet dies eine schwierige Suche nach Sparpotenzialen in einem Ressort, das ohnehin unter erheblichem finanziellem Stress steht. Die Ticketsteuer hat sich für den Bund zu einer verlässlichen Einnahmequelle entwickelt; im Jahr 2025 wurden durch diese Abgabe erstmals mehr als zwei Milliarden Euro generiert. Der Verzicht auf einen Teil dieser Einnahmen ohne adäquaten Ersatz würde die Haushaltsführung des Bundes erschweren, zumal das Finanzministerium generell auf eine strikte Ausgabendisziplin und weitere Einsparungen pocht.
Infrastrukturengpässe und die Konkurrenz der Projekte
Die Suche nach den erforderlichen 350 Millionen Euro wird dadurch verkompliziert, dass das Ministerium bereits an anderer Stelle mit massiven Defiziten kämpft. Jüngst wurde bekannt, dass im Bereich der Schieneninfrastruktur bis 2029 eine Lücke von rund zwei Milliarden Euro klafft. Dies betrifft Projekte, die unmittelbar für die Vernetzung verschiedener Verkehrsträger von Bedeutung sind. Ein prominentes Beispiel ist die geplante ICE-Abkürzung zum Frankfurter Flughafen, ein Vorhaben, das die Anreisezeiten für Passagiere aus Süddeutschland erheblich verkürzen sollte.
Diese Verzögerungen bei baureifen Projekten verdeutlichen, dass das Ministerium priorisieren muss. Die Frage, ob Mittel für eine Steuersenkung im Luftverkehr abgezogen werden können, während gleichzeitig die Modernisierung des Schienennetzes ins Stocken gerät, birgt erheblichen politischen Zündstoff. Kritiker innerhalb des Parlaments warnen davor, die Infrastruktur der Zukunft kurzfristigen steuerpolitischen Zugeständnissen zu opfern. Die Flugbranche hingegen argumentiert, dass ohne die versprochene Entlastung die Wettbewerbsfähigkeit des gesamten Standorts Deutschland gefährdet sei.
Auswirkungen auf die Strategie der Fluggesellschaften
Die Lufthansa und andere Marktteilnehmer befinden sich derzeit in einer Warteposition. Die Entscheidung des Konzerns, die angedrohten Streckenreduktionen nicht weiterzuverfolgen, basierte auf der festen Annahme, dass die Kostensituation durch die Senkung der Abgabe ab Mitte 2026 verbessert wird. Sollte dieses Versprechen nun wackeln, könnten die alten Pläne zur Kapazitätsanpassung schnell wieder auf den Tisch kommen. Innerdeutsche Verbindungen, die primär dazu dienen, Passagiere zu den großen Hubs in Frankfurt und München zu bringen, stehen dabei besonders im Fokus.
Für die Airlines geht es nicht nur um die 350 Millionen Euro an direkter Entlastung, sondern um die Planungssicherheit für die kommenden Flugplanperioden. Die Luftverkehrsabgabe wird nach der Distanz der Reiseziele gestaffelt erhoben.
Eine Rückkehr zu den Sätzen von vor 2024 würde insbesondere Kurz- und Mittelstreckenflüge entlasten, was die Attraktivität des Standorts Deutschland für Umsteigeverbindungen erhöhen könnte. In einem hochgradig preissensitiven Markt entscheiden oft geringe Steuerdifferenzen darüber, ob Passagiere über deutsche Drehkreuze oder über Konkurrenzstandorte wie Istanbul oder London fliegen.