Der brasilianische Flugzeughersteller Embraer, ein globaler Marktführer im Regionaljet-Segment, sieht sich mit ernsten Herausforderungen konfrontiert, die direkt aus der US-Handelspolitik der Trump-Administration resultieren. CEO Francisco Gomes Neto warnte öffentlich vor möglichen Auftragsstornierungen und Lieferverzögerungen, sollte die US-Regierung ihre Strafzölle auf brasilianische Importe beibehalten oder erhöhen.
Angesichts eines aktuell rekordhohen Auftragsbestands von 31,3 Milliarden US-Dollar, wovon ein erheblicher Teil auf US-Kunden entfällt, könnte eine Fortsetzung der Zollpolitik erhebliche finanzielle Belastungen nach sich ziehen. Die zusätzliche finanzielle Last von schätzungsweise zwei Millionen US-Dollar pro Flugzeug trifft Fluggesellschaften, die ohnehin in einem margenschwachen Markt operieren. Die Situation unterstreicht die komplexe Verflechtung von internationaler Handelspolitik und der sensiblen globalen Luftfahrtlieferkette. Embraer hofft, zu einer Null-Zoll-Politik zurückkehren zu können, um die eigene Wettbewerbsfähigkeit und die Versorgung seiner wichtigsten Kunden zu sichern.
Handelskonflikt bedroht milliardenschweren Auftragsbestand
Embraer, dessen Geschäftsfelder von kommerzieller Luftfahrt über Business Jets bis hin zu Verteidigung und Service reichen, verzeichnete Ende des dritten Quartals einen Auftragsbestand, oder „Backlog“, von 31,3 Milliarden US-Dollar. Dieser Wert stellt einen neuen historischen Rekord für das Unternehmen dar, der im Vergleich zum Vorquartal um fünf Prozent und zum Vorjahr um 38 Prozent gestiegen ist. Die kommerzielle Luftfahrt trägt mit 15,2 Milliarden US-Dollar den größten Anteil an diesem Volumen, gefolgt von der Geschäftsluftfahrt mit 7,3 Milliarden US-Dollar, Service und Support mit 4,9 Milliarden US-Dollar und dem Segment Verteidigung und Sicherheit mit 3,9 Milliarden US-Dollar.
Dieser robuste Auftragsbestand fußt auf 490 fest bestellten kommerziellen Flugzeugen, darunter die modernen Modelle der E2-Familie (E195-E2, E190-E2) und 200 der bewährten E175-Jets. Die Unsicherheit durch die US-Zölle wirft jedoch einen Schatten auf diese positive Bilanz. Neto bezifferte die Gesamtauswirkungen der Zölle, die Embraer allein im Jahr 2025 verkraften muss, auf rund 80 Millionen US-Dollar, was in etwa dem Nettogewinn des zweiten Quartals entspricht. Der CEO warnte in einem Interview davor, dass mittelfristig mit Stornierungen von Aufträgen durch Fluggesellschaften gerechnet werden müsse, da diese die zusätzlichen Kosten, die durch die Zölle entstehen, nicht tragen wollen. Eine solche Entwicklung würde nicht nur den Auftragsbestand schmälern, sondern Embraer auch dazu zwingen, weniger Flugzeuge zu produzieren und somit weniger Komponenten aus den Vereinigten Staaten zu beziehen.
Die kritische Rolle des US-Marktes für Embraer
Die Abhängigkeit Embraers vom nordamerikanischen Markt für Regional-Carriern ist ein zentraler Pfeiler des Geschäftsmodells. Über 800 kommerzielle Embraer-Flugzeuge sind bereits im US-Dienst und bilden das Rückgrat des Regionalflugnetzes, welches die Drehkreuze großer Airlines mit kleineren Städten verbindet. Großkunden in den USA wie American Airlines (86 E175-Jets), SkyWest (74 E175-Jets) und Republic Airways (32 E175-Jets) sind bedeutende Abnehmer der E175-Modelle, die aufgrund der sogenannten „scope clauses“ in den Pilotenverträgen der großen US-Fluggesellschaften die Obergrenze für Regionalflugzeuge darstellen.
Die Hinzurechnung von zwei Millionen US-Dollar pro Flugzeug durch Zölle verändert die Wirtschaftlichkeit des Kaufs drastisch. Im hart umkämpften Airline-Geschäft, in dem Margen oft sehr gering sind, können solche unvorhergesehenen Kosten zu einem kritischen Faktor bei Investitionsentscheidungen werden. Bereits in der Vergangenheit mussten US-Betreiber aufgrund der erstmaligen Einführung von Zöllen mit Lieferverzögerungen kämpfen; so musste Alaska Airlines in diesem Jahr die Auslieferung von zwei Flugzeugen verschieben, um zusätzliche Zölle zu vermeiden.
Die jüngste Errungenschaft Embraers, der erste E2-Auftrag von einem US-Carrier durch Avelo Airlines über 50 E195-E2 mit Optionen für 50 weitere Jets, ist ein wichtiger Durchbruch. Die Auslieferungen sollen in der ersten Hälfte des Jahres 2027 beginnen. Doch auch dieser strategisch wichtige Auftrag steht unter dem Vorbehalt, dass die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen stabil bleiben.
Eskalation des Zollstreits und politische Implikationen
Der aktuelle Zollstreit zwischen Washington und Brasília hat einen komplexen politischen Hintergrund. Die US-Regierung hatte die Zölle auf brasilianische Waren im Juli auf 40 Prozent erhöht und damit eine bereits bestehende 10-prozentige Zollerhöhung vom Jahresbeginn verschärft. Beobachter sehen die Eskalation als Reaktion auf die strafrechtliche Verfolgung des ehemaligen brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro, der als wichtiger politischer Verbündeter Donald Trumps galt.
Die Fortsetzung der Zollpolitik wird von der brasilianischen Regierung unter dem amtierenden Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva als kontraproduktiv betrachtet. Präsident Lula traf sich am 27. Oktober mit Vertretern der Trump-Administration in Malaysia und äußerte sich zuversichtlich, dass Brasilien bald eine Handelsvereinbarung mit den Vereinigten Staaten erzielen werde.
Embraer appelliert dabei nicht nur an politische Vernunft, sondern auch an die ökonomische Logik. CEO Neto argumentierte, dass die Beibehaltung hoher Zölle letztlich auch für die US-Industrie nachteilig sei: Würde Embraer aufgrund der höheren Kosten weniger Flugzeuge bauen müssen, so würde das Unternehmen auch weniger Ausrüstung und Komponenten aus den USA beziehen. Die Luftfahrtlieferkette ist stark globalisiert, und US-Zulieferer sind von der Produktionsstärke globaler Player wie Embraer abhängig.
Strategische Gegenmaßnahmen: Investitionen in den USA
Um die Abhängigkeit von politischen Schwankungen zu verringern und die strategischen Beziehungen zu US-Kunden zu sichern, investiert Embraer gezielt in die Vereinigten Staaten. Diese Investitionen dienen als Puffer gegen protektionistische Maßnahmen und als klares Bekenntnis zum US-Markt.
Einer der wichtigsten Schritte ist der Bau eines neuen MRO-Zentrums (Maintenance, Repair, Overhaul) für kommerzielle Jets am Perot Field Alliance Airport (afw) in Fort Worth, Texas. Mit einer Investition von 70 Millionen US-Dollar wird diese Anlage, deren Eröffnung für 2027 geplant ist, die MRO-Kapazität zur Betreuung der E-Jet-Betreiber in den USA um 53 Prozent erhöhen und bis zu 250 neue Facharbeitsplätze schaffen. Durch die Stärkung des After-Sales-Supports in den USA bindet Embraer seine Kunden enger und verbessert die Service-Verfügbarkeit.
Darüber hinaus verfolgt Embraer Pläne für den Bau einer Montagefabrik in den USA für sein militärisches Transportflugzeug KC-390 Millennium. Das Unternehmen hat bereits potenzielle Standorte identifiziert, um das Flugzeug in den USA zu montieren und lokale Komponenten zu beziehen. Ziel dieser Initiative ist es, sich für einen hochrangigen Betankungsflugzeug-Vertrag der US Air Force zu positionieren. Bei der Vergabe militärischer Aufträge spielt die lokale Wertschöpfung und Montage eine entscheidende Rolle. Die KC-390-Strategie demonstriert Embraers Bereitschaft, sich politisch und wirtschaftlich in den USA zu verankern, um strategische militärische Märkte zu erschließen und die Auswirkungen von Handelshemmnissen zu minimieren.