Mehr als ein Jahr nach dem Flugunglück von Air-India-Flug 171 am 12. Juni 2025 in Ahmedabad dauern die Untersuchungen zur Ermittlung der Absturzursache an. Die indische Flugunfalluntersuchungsbehörde Aircraft Accident Investigation Bureau (AAIB) sowie internationale Ermittlerteams prüfen weiterhin das komplexe Zusammenspiel technischer Komponenten und menschlicher Faktoren.
Wie der indische Staatsminister für Zivilluftfahrt, Murlidhar Mohol, Ende Juli 2026 im Parlament mitteilte, erbrachten eingehende technische Überprüfungen der Treibstoffschalter beim Hersteller Boeing in Seattle keine Hinweise auf mechanische Defekte oder Fehler im Verriegelungsmechanismus. Damit rückt die Annahme eines reinen Materialfehlers an diesen Schaltern weiter in den Hintergrund, während die Untersuchung des gesamten Schubkontrollmoduls fortgesetzt wird.
Ablauf des Fluges und unmittelbare Absturzfolgen
Flug AI-171 befand sich am 12. Juni 2025 auf dem Weg vom internationalen Flughafen Sardar Vallabhbhai Patel in Ahmedabad zum Flughafen London-Gatwick. Die Maschine vom Typ Boeing 787-8 Dreamliner hob bei Außentemperaturen von über 40 Grad Celsius ab. Nur rund 32 Sekunden nach dem Abheben erlitt das Flugzeug in geringer Höhe einen vollständigen Verlust des Triebwerksschubs.
Die Maschine verfehlte die Start- und Landebahn und schlug etwa 1,7 Kilometer hinter dem Flughafengelände im Gebäudekomplex des B. J. Medical College ein. Bei der Katastrophe kamen 241 der 242 Insassen an Bord sowie 19 Personen am Boden ums Leben. Lediglich ein Passagier auf dem Sitzplatz 11A überlebte das Unglück. Der Aufschlag und die darauffolgenden Brände zerstörten das Flugzeug sowie Teile des Wohnheimkomplexes weitgehend. Es handelte sich um den ersten tödlichen Totalverlust einer Boeing 787 seit der Indienststellung dieses Flugzeugtyps im Jahr 2011.
Technische Befunde und Fokus auf die Treibstoffschalter
Der im Juli 2025 veröffentlichte erste Zwischenbericht der indischen Flugunfallbehörde AAIB belegte anhand der Daten des Flugschreibers, dass die beiden Treibstoffschalter („Engine Fuel Control Switches“) im Cockpit unmittelbar nach dem Abheben nacheinander aus der Position „RUN“ in die Stellung „CUTOFF“ und anschließend wieder zurück bewegt wurden. Das Umlegen in die Position „CUTOFF“ führt zur sofortigen Unterbrechung der Kerosinzufuhr zu den Triebwerken.
Diese Schalter befinden sich unterhalb der Schubhebel und dienen regulär dem Anlassen und Abstellen der Triebwerke am Boden. Um ein versehentliches Betätigen während des Fluges zu verhindern, sind sie durch einen zweistufigen Entriegelungsmechanismus geschützt, der ein Anheben des Schalters vor dem Umlegen erfordert, sowie durch seitliche Schutzbügel eingegrenzt.
Aufgrund dieser Konstruktionsmerkmale konzentrierten sich die Untersuchungen rasch auf die Frage, wie die Schalter während der kritischen Steigflugphase bewegt werden konnten. Der im Juli 2026 von Staatsminister Murlidhar Mohol vorgelegte Bericht bestätigt, dass die im Boeing-Werk in Seattle durchgeführten Belastungs- und Gefügeprüfungen der Rastelemente und Verriegelungen keine strukturellen Abweichungen ergaben. Die technische Analyse wird nun auf das gesamte Schubkontrollmodul („Thrust Control Module“) ausgeweitet, um potenzielle elektronische oder mechatronische Fehlfunktionen in den Signalwegen auszuschließen.
Auswertung der Sprachaufzeichnungen und Pilotenverbände
Parallel zu den materiellen Überprüfungen bildet die Auswertung des Stimmenrekorders im Cockpit ein zentrales Element der Ursachenforschung. Im indischen Eröffnungsbericht wird erwähnt, dass in den Sekunden des Schubverlustes eine kurze verbalisierte Rückfrage eines Piloten an den anderen erfolgte, weshalb die Triebwerke abgeschaltet worden seien. Die Antwort sowie die genaue Zuordnung der Äußerungen blieben im Zwischenbericht jedoch ohne detaillierte Transkription.
Vertreter US-amerikanischer Untersuchungsstellen wie der Flugunfallbehörde NTSB und der Luftfahrtbehörde FAA zogen bereits in frühen Phasen der Ermittlungen eine manuelle Betätigung in Betracht, da ein unbeabsichtigtes mechanisches Verrutschen aufgrund der Sperren als extrem unwahrscheinlich galt.
Demgegenüber brachten indische Pilotengewerkschaften und Vertretungen Bedenken hinsichtlich möglicher vorgelagerter elektrischer Störungen ein. Eingaben vor dem Höchsten Gericht Indiens im Sommer 2026 verwiesen unter anderem auf die Aktivierung des Notstromgenerators („Ram Air Turbine“), was nach Ansicht von Pilotenseite auf einen primären elektrischen Gesamtausfall hindeuten könnte, der in der Folge falsche Signale im Steuerungssystem auslöste.
Behördliche Prüfungen und Kritik an den Verfahrenszeiten
Infolge des Unfalls ordnete die indische Zivilluftfahrtbehörde DGCA vorsorgliche Überprüfungen der Verriegelungsmechanismen der Treibstoffschalter bei allen im Land betriebenen Boeing-787-Maschinen sowie ausgewählten Modellen der Baureihe Boeing 737 an. Air India schloss diese Inspektionen an ihrer Flotte ohne Befund ab. Auch weltweit erließen die Luftfahrtaufsichtsbehörden nach Auswertung der ersten Daten keine generellen Flugverbote oder zwingenden Umrüstungsanweisungen für den B787-Typus.
Hinterbliebene und Branchenbeobachter kritisierten wiederholt die Zeitdauer bis zur Vorlage eines abschließenden Ermittlungsberichts. Staatsminister Mohol wies Vorwürfe einer Verzögerung der Arbeiten im Parlament zurück. Die Untersuchung einer komplexen Flugkatastrophe erfordere die Einbindung internationaler Stellen, der Hersteller sowie umfangreiche Laborprüfungen. Einen verbindlichen Termin für die Publikation des Abschlussberichtes nannte das Zivilluftfahrtministerium nicht, stellte jedoch in Aussicht, dass das finale Dokument nach Fertigstellung uneingeschränkt veröffentlicht wird.