Über ein Jahr nach dem verheerenden Absturz einer Passagiermaschine der Jeju Air am südkoreanischen Flughafen Muan hat der nationale Rechnungshof einen Abschlussbericht vorgelegt, der die Verantwortlichen schwer belastet.
Die Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass eine massive Betonmauer am Ende der Landebahn, die maßgeblich für die hohe Zahl der Todesopfer verantwortlich war, primär aus fiskalischen Erwägung errichtet wurde. Am 29. Dezember 2024 prallte eine Boeing 737-800 nach einer missglückten Landung gegen dieses Hindernis, wobei 179 Menschen ihr Leben verloren. Nur zwei Besatzungsmitglieder überlebten das Unglück. Der Bericht des Rechnungshofs stellt fest, dass das Verkehrsministerium aus Gründen der Kostenersparnis auf eine notwendige Einebnung des Geländes verzichtete und stattdessen eine erhöhte Betonkonstruktion für Navigationsantennen wählte. Neueste Regierungssimulationen untermauern die Tragweite dieser Entscheidung: Ohne die Mauer hätte das Flugzeug nach dem Hinausschießen über die Piste sicher ausrollen können, und alle Insassen hätten den Zwischenfall vermutlich nahezu unverletzt überlebt.
Die verhängnisvolle Landung am 29. Dezember 2024
Das Unglück ereignete sich in den späten Abendstunden des 29. Dezembers 2024, als der Jeju-Air-Flug aus Thailand kommend den Flughafen Muan im Südwesten Südkoreas ansteuerte. Nach den bisherigen Erkenntnissen der Flugunfalluntersuchung kam es beim Landeanflug zu technischen Komplikationen, in deren Folge das Fahrwerk der Boeing 737-800 nicht ausgefahren wurde. Die Maschine setzte mit hoher Geschwindigkeit auf dem Rumpf auf der Landebahn auf und schlitterte über das Ende der befestigten Piste hinaus.
Anstatt auf der dahinterliegenden Freifläche allmählich zum Stehen zu kommen, prallte der Flugzeugrumpf mit großer Wucht gegen eine quer zur Landerichtung verlaufende Betonmauer. Diese Mauer fungierte als Fundament für Antennen eines Instrumentenlandesystems (ILS). Durch den Aufprall wurde die Struktur des Flugzeugs zerrissen, Treibstofftanks explodierten und die Maschine ging sofort in Flammen auf. Von den 181 Personen an Bord konnten sich lediglich zwei Flugbegleiter aus dem Wrack retten. Die restlichen Passagiere und Besatzungsmitglieder starben unmittelbar durch den Aufprall oder das anschließende Feuer.
Fehlentscheidungen bei der Flughafenplanung
Der nun veröffentlichte Bericht des Rechnungshofs legt die baulichen Hintergründe offen, die zu der Existenz dieses Hindernisses führten. Der Flughafen Muan weist in seinem Endbereich ein natürliches Gefälle auf. Um ein präzises Instrumentenlandesystem zu installieren, müssen die Antennen jedoch auf einer exakt definierten horizontalen Ebene zur Landebahn stehen. Üblicherweise wird in einem solchen Fall das Gelände durch Erdarbeiten angeglichen und geebnet, um eine hindernisfreie Sicherheitszone (Resa – Runway End Safety Area) zu schaffen.
Die Ermittler stellten fest, dass das südkoreanische Verkehrsministerium die Kosten für diese Erdarbeiten als zu hoch einstufte. Als günstigere Alternative wurde entschieden, das Gefälle unberührt zu lassen und stattdessen eine massive, erhöhte Betonmauer zu errichten, auf der die Navigationshilfen montiert wurden. Diese Entscheidung sparte zum Zeitpunkt des Baus zwar erhebliche finanzielle Mittel ein, schuf jedoch ein tödliches Hindernis direkt in der potenziellen Auslaufzone verunglückter Flugzeuge.
Die Simulation des Überlebensszenarios
Ein zentraler Bestandteil der aktuellen Untersuchung war eine computergestützte Simulation, welche die Regierung Anfang Januar 2026 in Auftrag gegeben hatte. Luftfahrtexperten und Ingenieure rekonstruierten den physikalischen Verlauf des Unfalls unter der Annahme, dass die Betonmauer nicht existiert hätte. Die Ergebnisse sind für die Hinterbliebenen und die Öffentlichkeit gleichermaßen erschütternd.
Laut der Simulation wäre die Boeing 737-800 nach dem Verlassen der Landebahn ohne den abrupten Aufprall etwa 770 Meter weit über das unbefestigte Gelände gerutscht. Die Verzögerungskräfte wären dabei so moderat geblieben, dass die Integrität der Kabine gewahrt geblieben wäre. Das Flugzeug wäre allmählich zum Stillstand gekommen, ohne zu zerbrechen oder Feuer zu fangen. Die Experten kommen zu dem Schluss, dass alle 181 Insassen die Landung unter diesen Umständen ohne ernsthafte Verletzungen überstanden hätten. Die Betonbarriere verwandelte einen kontrollierbaren Zwischenfall somit in eine nationale Katastrophe.
Sicherheitsstandards und rechtliche Konsequenzen
Der Bericht wirft grundlegende Fragen zur Einhaltung internationaler Sicherheitsstandards an südkoreanischen Flughäfen auf. Die International Civil Aviation Organization (ICAO) gibt klare Empfehlungen für die Gestaltung von Sicherheitszonen am Ende von Landebahnen vor, um genau solche Szenarien wie in Muan abzumildern. Hindernisse innerhalb dieser Zonen müssen nach Möglichkeit zerbrechlich oder nachgiebig konstruiert sein (Frangibilität), damit sie bei einer Kollision keine katastrophalen Schäden am Flugzeug verursachen.
Die Mauer in Muan entsprach diesen Anforderungen in keiner Weise. Da es sich um eine massive Betonkonstruktion handelte, wirkte sie wie ein unbewegliches Bollwerk. Der Rechnungshof kritisiert, dass Sicherheitsbedenken der Planungsingenieure zugunsten des Budgets ignoriert wurden. In Südkorea wird nun über rechtliche Konsequenzen gegen ehemalige Beamte des Verkehrsministeriums und die verantwortlichen Planer diskutiert. Angehörige der Opfer haben bereits angekündigt, den Staat auf Schadensersatz in Millionenhöhe zu verklagen, gestützt auf die neuen Erkenntnisse des Rechnungshofs.
Reaktionen der Luftfahrtbranche und Jeju Air
Jeju Air, die betroffene Fluggesellschaft, äußerte sich verhalten zum neuen Bericht. Man kooperiere weiterhin vollumfänglich mit den Behörden, betont jedoch, dass die Infrastruktur der Flughäfen in der Verantwortung des Staates liege. Die Fluggesellschaft hatte nach dem Unglück mit massiven Imageverlusten zu kämpfen, obwohl die technischen Probleme mit dem Fahrwerk nur eine Komponente der Unfallkette darstellten. Die Tatsache, dass das Überleben der Passagiere ausschließlich an der Flughafenarchitektur scheiterte, entlastet die Crew in Bezug auf die tödliche Folge des Aufpralls teilweise.
Innerhalb der Branche führt der Fall Muan zu einer Überprüfung ähnlicher Konstruktionen an anderen Regionalflughäfen. Es wird befürchtet, dass auch an anderen Standorten aus Budgetgründen Kompromisse bei der Geländegestaltung eingegangen wurden. Der nationale Rechnungshof hat bereits angekündigt, eine Sonderprüfung aller sicherheitsrelevanten Bauwerke an südkoreanischen Flughäfen einzuleiten, um sicherzustellen, dass keine weiteren „Betonfallen“ existieren.
Zukunft des Flughafens Muan
Für den Flughafen Muan hat der Bericht unmittelbare Folgen. Die verhängnisvolle Mauer wurde mittlerweile abgerissen. Die Antennen des Navigationssystems werden nun nach den ursprünglich verworfenen Plänen auf einem künstlich eingeebneten Areal neu installiert. Die Kosten für diese nachträglichen Erdarbeiten übersteigen die ursprünglichen Ersparnisse nun um ein Vielfaches, ganz abgesehen von den menschlichen Kosten des Unglücks.
Die Luftverkehrsaufsicht hat zudem die Sicherheitsmargen für Landungen in Muan vorübergehend erhöht, bis alle baulichen Maßnahmen abgeschlossen sind. Der Fall wird in die Geschichte der Luftfahrt als mahnendes Beispiel dafür eingehen, wie kurzsichtige Sparmaßnahmen im Bereich der Infrastruktur die Sicherheitsbemühungen von Flugzeugherstellern und Fluggesellschaften zunichtemachen können. Die Aufarbeitung der Katastrophe von Ende 2024 ist mit diesem Bericht einen entscheidenden Schritt vorangekommen, doch die politische und juristische Aufarbeitung der Verantwortlichkeiten im Ministerium steht erst am Anfang.