Boeing 737-800 (Foto: Masakatsu Ukon).
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Untersuchungsbericht zum Jeju Air Absturz deutet auf Fehlbedienung nach Vogelschlag hin

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Ein Zwischenbericht des südkoreanischen Untersuchungsamtes für Flug- und Eisenbahnunfälle (ARAIB) hat neue, erschütternde Details zum Absturz einer Boeing 737-800 von Jeju Air am 29. Dezember 2024 auf dem Muan International Airport (MWX) enthüllt, bei dem 179 Menschen ihr Leben verloren.

Die am 19. Juli 2025 den Angehörigen der Opfer präsentierten Ergebnisse deuten darauf hin, daß die Katastrophe möglicherweise durch eine Fehlbedienung des Piloten ausgelöst wurde, der nach einem Vogelschlag versehentlich das falsche, noch funktionierende Triebwerk abschaltete. Diese Erkenntnisse, die auf Flugdaten- und Cockpit-Sprachaufzeichnungen basieren, stoßen jedoch auf heftigen Widerspruch seitens der Opferfamilien und der Pilotenvereinigung, die eine zu einseitige Fokussierung auf die menschliche Fehlerquelle kritisieren und weitere Untersuchungen fordern.

Der Absturz und die ersten Ermittlungsergebnisse

Am 29. Dezember 2024 stürzte eine Boeing 737-800 der südkoreanischen Fluggesellschaft Jeju Air beim Anflug auf den Muan International Airport (MWX) ab. Das Flugzeug, das 179 Menschen an Bord hatte, erlitt eine Bruchlandung und kollidierte mit einem Betondamm jenseits der Landebahn, wobei alle Insassen ums Leben kamen. Der Vorfall löste weltweit Bestürzung aus und führte zu einer sofortigen und umfassenden Untersuchung durch das Aviation and Railway Accident Investigation Board (ARAIB) Südkoreas.

Ein vorläufiger Bericht, der bereits im Januar 2025 veröffentlicht wurde, hatte Vogelschlag als wahrscheinliche Ursache für den Unfall genannt. Damals wurde DNA von Spießenten, einer in Ostasien verbreiteten Entenart, in beiden Triebwerken gefunden. Die ursprüngliche Interpretation ging davon aus, daß die Beschädigung beider Triebwerke zu umfassenden elektrischen und hydraulischen Ausfällen geführt hatte, die den Absturz verursachten. Vogelschläge sind in der Luftfahrt keine Seltenheit und können, je nach Größe der Vögel und dem betroffenen Bereich des Flugzeugs, erhebliche Schäden verursachen, insbesondere an Triebwerken.

Die nun vorgelegten Zwischenergebnisse des ARAIB, die am 19. Juli 2025 den Angehörigen der Opfer in einem Briefing am Flughafen Muan präsentiert wurden, zeichnen jedoch ein wesentlich komplexeres und tragischeres Bild. Sie weichen von der anfänglichen Annahme eines kompletten, unmittelbaren Triebwerksversagens ab und legen den Fokus auf eine kritische Fehlentscheidung im Cockpit.


Der fatale Irrtum im Cockpit: Ein Triebwerk zuviel abgeschaltet

Die detaillierte Auswertung von Flugdaten- (FDR) und Cockpit-Sprachaufzeichnungen (CVR) offenbarte eine Kette von Ereignissen, die zum Totalausfall der Schubkraft führte. Die Ermittler stellten fest, daß das rechte Triebwerk durch den Vogelschlag während des Anflugs schwer beschädigt worden war und brannte, wodurch es bereits seine Leistungsfähigkeit verloren hatte. In dieser hochkritischen Situation wies der Kapitän seine Besatzung an, das „Triebwerk Nummer Zwei abzuschalten“, womit er sich auf das beschädigte rechte Triebwerk bezog.

Doch in der Hektik und unter dem enormen Druck der Notsituation wurde ein fataler Fehler begangen: Statt des Kraftstoffabschalters für das rechte Triebwerk (Triebwerk Nummer Zwei) wurde der Abschalter für das linke Triebwerk (Triebwerk Nummer Eins) betätigt. Dies führte dazu, daß das linke Triebwerk, das zu diesem Zeitpunkt noch normal funktionierte, abgeschaltet wurde. Um den Fehler zu fixieren, wurde der Feuerlöscher für das linke Triebwerk aktiviert, wodurch dieses dauerhaft deaktiviert und ein Neustart unmöglich gemacht wurde.

Im März 2025 wurden beide Triebwerke zur detaillierten Untersuchung nach Frankreich geschickt. Diese Untersuchung bestätigte die Erkenntnisse der Flugdatenauswertung: Das linke Triebwerk wies keine mechanischen Probleme auf, und seine elektronischen Systeme funktionierten einwandfrei. Dies belegt, daß der Ausfall des linken Triebwerks ausschließlich auf die Fehlbedienung im Cockpit zurückzuführen war.

Mit dem rechten Triebwerk, das bereits durch den Vogelschlag kraftlos war, und dem versehentlich abgeschalteten linken Triebwerk kam es zu einem vollständigen Verlust der Schubkraft. Das Flugzeug war manövrierunfähig und konnte seine Höhe nicht mehr halten. Die Ermittler bestätigten zudem, daß der Fahrwerkshebel nicht betätigt worden war, was bedeutet, daß die Räder vor der Bauchlandung nicht ausgefahren wurden. Das Flugzeug rutschte über die Landebahn hinaus und prallte gegen einen Betondamm, was zum Absturz führte. Der Zwischenbericht macht deutlich: Während der Vogelschlag das rechte Triebwerk außer Gefecht setzte, führte die falsche Reaktion der Besatzung zum Ausfall des zweiten Triebwerks und somit zur vollständigen Machtlosigkeit der Maschine.

Widerspruch der Familien und der Pilotenvereinigung

Die Ergebnisse des Zwischenberichts stießen auf heftigen Widerstand bei den Familien der Opfer. Sie lehnten die Schlußfolgerungen der Untersuchung entschieden ab und argumentierten, die Untersuchung übersehe entscheidende Fragen. Laut der Nachrichtenagentur Yonhap erklärte die Vereinigung der Familien: „Die Erklärung des Hangcheolhoe-Komitees läßt wichtige Fragen außer Acht, wie den spezifischen Zustand der Triebwerksschäden und wie viele Vögel sich dort versammelten, um zum Triebwerksausfall zu führen.“ Die Familien forderten die Offenlegung der vollständigen FDR- und CVR-Daten zur objektiven Überprüfung, doch diese Forderung wurde bisher nicht erfüllt.

Nach dem Briefing durch ARAIB erschienen Familienvertreter am Ort der geplanten Pressekonferenz und forderten deren Absage. Die Kommission stimmte zu, zog die bereits verteilte Pressemitteilung zurück und sagte die offizielle Ankündigung ab. Dies zeigt den immensen Druck, unter dem die Ermittler stehen, und die tiefe Unzufriedenheit der Angehörigen mit der bisherigen Darstellung.

Auch die Korea Civil Aviation Pilots Association (südkoreanische Vereinigung der Zivilluftfahrtpiloten) kritisierte den Bericht scharf. Sie argumentierte, daß sich der Bericht ausschließlich auf Fehler im Cockpit konzentriere und somit staatliche Stellen sowie die Korea Airports Corporation schütze, die derzeit wegen möglicher Fahrlässigkeit polizeilich untersucht werden. Diese Kritik deutet darauf hin, daß die Pilotenvereinigung eine umfassendere Untersuchung fordert, die auch mögliche systemische Mängel oder Versäumnisse bei der Ausbildung, der Flugsicherung oder der Flughafeninfrastruktur berücksichtigt. Ein Insider sagte gegenüber Reuters, daß das Ermittlungsteam „klare Beweise und Sicherungsdaten“ habe, so daß „seine Feststellung sich nicht ändern wird.“ Dies läßt auf eine Konfrontation zwischen den Ermittlern und den Kritiker schließen.

Weitere Untersuchungsschritte und der Weg zum Abschlußbericht

Die Untersuchung des Jeju Air Absturzes ist mit dem Zwischenbericht noch nicht abgeschlossen. Das ARAIB hat angekündigt, die Ermittlungen fortzusetzen und sich dabei auf die Überprüfung von Besatzungsschulungen und Notfallmaßnahmen zu konzentrieren. Dies ist ein entscheidender Schritt, da die Ergebnisse des Zwischenberichts die Bedeutung der Ausbildung und des Umgangs mit Streßsituationen im Cockpit unterstreichen. Die Untersuchung wird prüfen, ob die Piloten ausreichend für solche Szenarien geschult waren und ob die Notfallverfahren korrekt angewendet wurden.

Ein weiterer Aspekt könnte die Bewertung der sogenannten Human Factors sein – also die menschlichen Faktoren, die bei Unfällen eine Rolle spielen können, wie Streß, Müdigkeit, Arbeitsbelastung und die Interaktion im Cockpit (Crew Resource Management, CRM). Obwohl der Bericht von einem Pilotenfehler spricht, ist es wichtig zu verstehen, welche Umstände zu diesem Fehler geführt haben und ob präventive Maßnahmen ergriffen werden können, um ähnliche Vorfälle in Zukunft zu vermeiden.

Auch die Forderungen der Opferfamilien nach Offenlegung weiterer Daten werden eine Rolle spielen. Transparenz ist ein Schlüsselaspekt in der Flugunfalluntersuchung, um Vertrauen bei den Angehörigen und der Öffentlichkeit aufzubauen. Es ist üblich, daß bei solchen Untersuchungen die Daten nicht sofort in vollem Umfang veröffentlicht werden, um die Integrität der Ermittlungen zu gewährleisten und Manipulationen vorzubeugen. Jedoch ist die Bereitstellung von Informationen zu gegebener Zeit entscheidend für die Akzeptanz der Ergebnisse.

Das ARAIB hat bisher nicht bekanntgegeben, wann der abschließende Bericht veröffentlicht wird. Die Untersuchung von Flugunfällen ist ein langwieriger und komplexer Prozeß, der sorgfältige Analyse und oft internationale Zusammenarbeit erfordert. Der Abschlußbericht wird voraussichtlich umfassende Empfehlungen zur Verbesserung der Flugsicherheit enthalten, die sich sowohl an Fluggesellschaften und Ausbildungseinrichtungen als auch an Luftfahrtbehörden und Flughäfen richten könnten.

Der Zwischenbericht zum Absturz der Jeju Air Boeing 737-800, der einen fatalen Irrtum im Cockpit nach einem Vogelschlag als entscheidenden Faktor benennt, hat eine neue Phase in der Aufarbeitung dieser Tragödie eingeleitet. Während die Ermittler auf klare Beweise in den Flugdaten und Sprachaufzeichnungen verweisen, fordern die Opferfamilien und die Pilotenvereinigung eine umfassendere Untersuchung, die nicht nur menschliche Fehler, sondern auch mögliche systemische Mängel berücksichtigt.

Die Fortsetzung der Untersuchung, die sich nun auf Schulung und Notfallverfahren konzentrieren wird, ist entscheidend, um alle Aspekte des Unglücks zu beleuchten und Empfehlungen für eine verbesserte Flugsicherheit abzuleiten. Die Ergebnisse des abschließenden Berichts werden mit Spannung erwartet, da sie nicht nur den Familien der Opfer Antworten geben, sondern auch wichtige Lehren für die gesamte Luftfahrtindustrie ziehen können.

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