Der Ferienflieger Condor befindet sich im Spannungsfeld zwischen anvisierten Kapazitätserweiterungen und anhaltenden wirtschaftlichen Marktbelastungen. Bei einem gemeinsamen Spitzentreffen berieten die Geschäftsführung der Fluggesellschaft, sämtliche Tarif- und Betriebsparteien sowie Vertreter der Unabhängigen Flugbegleiter Organisation (Ufo) und der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) über die operative und finanzielle Lage des Unternehmens.
Während Einigkeit darüber besteht, dass das Marktumfeld von erheblichen externen Faktoren erschwert wird, treten parallel tiefgreifende Auffassungsunterschiede zwischen den beiden Arbeitnehmervertretungen zutage. Im Zentrum des Disputs stehen gegenseitige Schuldzuweisungen bezüglich der Verzögerung bei den Verhandlungen über neue Manteltarifverträge für das Kabinenpersonal.
Externe Marktfaktoren und Verhandlungen über Flottenzuwachs
Das Treffen aller Beteiligten stand im Zeichen anspruchsvoller Rahmenbedingungen für die Luftfahrtbranche. Nach Angaben von Verdi spüren die Marktteilnehmer die Auswirkungen des anhaltenden Konflikts zwischen den USA und dem Iran, der zu spürbaren Schwankungen und Anstiegen bei den Beschaffungskosten für Flugkraftstoff führt. Hinzukommen ein intensiver Wettbewerbsdruck im deutschen Luftverkehrssektor sowie anhaltende Lieferverzögerungen seitens des Herstellers Airbus bei der Auslieferung georderter Flugzeuge. Ufo und Verdi hoben hervor, dass das Personal für diese externen Einflussgrößen keine Verantwortung trage.
Trotz der herausfordernden Wirtschaftslage laufen Gespräche über eine Ausweitung des Flugbetriebs. Am Rande der gemeinsamen Sondierungsrunde führte Ufo ein bilaterales Gespräch mit der Unternehmensführung zu einem geplanten Wachstumspaket. Dieses sieht vor, zusätzliches Kabinen- und Cockpitpersonal aufzunehmen sowie weiteres Fluggerät in die Flotte einzingliedern. Die Gespräche sollen ab der ersten Augustwoche im erweiterten Kreis fortgeführt werden, wobei Verdi für den 31. Juli 2026 ein nächstes gemeinsames Treffen in Frankfurt angekündigt hat. Belastbare Vereinbarungen streben beide Gewerkschaften bis Ende August 2026 an.
Debatte um Tarifverzögerungen und Manteltarifverträge
Während beim Thema Unternehmenswachstum grundlegender Konsens besteht, unterscheidet sich die Bewertung der laufenden Tarifverhandlungen beträchtlich. Ufo führte die verhaltene Stimmung unter den Flugbegleiterinnen und Flugbegleitern auf eine Verschleppung der Verhandlungen zum Manteltarifvertrag durch Verdi zurück. Die von Ufo vertretenen Regelungen seien seit dem Herbst 2025 gekündigt und befänden sich seit Januar 2026 in der Nachwirkung. Da die eigenen Entwürfe ausgehandelt seien, fehle lediglich der Abschluss durch Verdi, deren Verhandlungsinhalte im Wesentlichen auf den Texten von Ufo aufbauten.
Verdi widersprach diesem Vorwurf unverzüglich. Der zeitaufwendigste Teil der Gesamtrevision – die Umgestaltung des Bereitschafts- und Reservesystems – sei seit dem Herbst 2024 beraten und zum Jahreswechsel 2025/2026 inhaltlich finalisiert worden. Die Gespräche zu den übrigen Vertragskomponenten seien Ende Januar 2026 auf Initiative von Condor aufgenommen worden. Zudem seien die bestehenden Verdi-Manteltarifverträge noch bis zum 31. Dezember 2026 gültig, weshalb von einem ungeklärten Rechtszustand keine Rede sein könne. Für den 5. August 2026 sowie den 18. August 2026 sind redaktionelle Verhandlungstermine angesetzt. Die Ursachen für den ausstehenden Abschluss sieht Verdi auch in der Verhandlungsführung der Fluggesellschaft selbst. Condor lehnte eine Stellungnahme zu den Gewerkschaftsäußerungen ab.
Flottenentwicklung und Beschäftigungssituation
Hinsichtlich des konkreten Beschäftigungswachstums äußerten sich Gewerkschaftsvertreter zurückhaltend, da personelle Kennzahlen vom Unternehmen abhängen und Schwankungen unterliegen. Von Seiten der Arbeitnehmervertretung Ufo wird betont, dass die aktuelle Flottengröße eine kritische Schwelle darstelle, die für einen dauerhaften Markterfolg ausgebaut werden müsse.
Als Beleg für die Expansionsüberlegungen gelten Vorbereitungen zur kurzfristigen Eingliederung von Flugzeugen des Typs Airbus A320neo, die zuvor von der insolventen US-Fluggesellschaft Spirit Airlines betrieben wurden. Andersgelagerte Berichte über zusätzliche Festbestellungen von Langstreckenflugzeugen des Typs Airbus A330neo wurden hingegen nicht bestätigt.
Die Situation des Kabinenpersonals bleibt derweil vielschichtig. Trotz der im Raum stehenden Kapazitätserweiterungen hatte die Fluggesellschaft dem fliegenden Personal vorübergehend freiwillige Auszeiten in Form von unbezahltem Urlaub angeboten. Die historische Tarifentwicklung zeigt zudem komplexe Konstellationen: Während im Jahr 2023 Vergütungssteigerungen von knapp 17 Prozent bei einer dreijährigen Laufzeit verhandelt wurden, führte die gleichzeitige Vertretung der Belegschaft durch zwei konkurrierende Organisationen in der Vergangenheit zu Abstimmungsbedarfen, die den Verlauf von Tarifrunden bis heute beeinflussen.