Am 27. August 2025 kam es am Flughafen Köln/Bonn zu einem ernstzunehmenden Zwischenfall, der jedoch dank der prompten und korrekten Reaktion der Piloten und der Sicherheitssysteme ohne weitere Folgen blieb. Eine Boeing 737-800 der Ryanair brach ihren Startlauf ab, nachdem es zu einem möglichen Verkehrskonflikt mit einem im Anflug befindlichen Airbus A321 der Turkish Airlines gekommen war.
Der Vorfall, der zuerst von der auf Luftfahrtzwischenfälle spezialisierten Publikation Aviation Herald berichtet wurde, verdeutlicht die ständigen Herausforderungen in der Koordination des Flugverkehrs. Gleichzeitig ist er ein bemerkenswertes Beispiel dafür, wie die in die moderne Luftfahrt integrierten Sicherheitssysteme und die umfassende Ausbildung des Personals einen potenziell gefährlichen Konflikt entschärfen konnten.
Der Hergang des Zwischenfalls: Abflug trifft Anflug
Der Vorfall ereignete sich am späten Nachmittag auf dem Flughafen Köln/Bonn. Die Ryanair-Maschine mit der Flugnummer 2353 nach London/Stansted befand sich bereits auf der Startbahn 31R. Die Piloten hatten die Freigabe erhalten, die Triebwerke hatten ihre volle Schubkraft erreicht, und das Flugzeug beschleunigte über die Piste. In diesem kritischen Moment, als das Flugzeug noch eine relativ geringe Geschwindigkeit hatte, entschieden sich die Piloten, den Startlauf abzubrechen. Die Maschine verlangsamte, stoppte schließlich und kehrte zur Parkposition zurück, wo sie einer eingehenden Überprüfung unterzogen wurde.
Fast zeitgleich befand sich die Turkish Airlines-Maschine mit der Flugnummer 1675, die aus Istanbul kam, im Anflug auf den Flughafen. Berichten zufolge kreuzte der Airbus A321 in der Luft den Abflugkorridor der startenden Ryanair-Maschine. Obwohl die beiden Flugzeuge noch eine sichere Entfernung voneinander hatten, deutete die potentielle Schnittmenge der Flugbahnen auf einen drohenden Konflikt hin. Ein solches Ereignis wird in der Fachsprache als near-miss oder Beinahe-Zusammenstoß bezeichnet. Es ist ein klarer Indikator dafür, daß die vorgesehene Staffelung zwischen den Flugzeugen nicht eingehalten wurde, was eine sofortige Reaktion erforderlich macht. Die Piloten der Ryanair-Maschine führten das korrekte Manöver aus, indem sie den Start in der niedrigen Geschwindigkeit abbrachen, was in der Luftfahrt zu den Standardprozeduren in kritischen Situationen gehört.
Die Schichten der Sicherheit: Wie Fluglotsen und Technik eine Kollision verhindern
Ein Vorfall dieser Art zeigt eindrucksvoll, daß die Sicherheit im modernen Luftverkehr auf mehreren, unabhängigen Ebenen gewährleistet wird. Die erste und wichtigste Ebene ist die der Fluglotsen (Air Traffic Control, ATC). Ihre Aufgabe ist es, den gesamten Flugverkehr im Zuständigkeitsbereich zu koordinieren, um eine sichere Staffelung zwischen den Flugzeugen in der Luft und am Boden zu gewährleisten. Die Fluglotsen überwachen ständig die Positionen und Flugbahnen aller Flugzeuge und erteilen den Piloten präzise Anweisungen für Starts, Landungen und Flugwege. In diesem Fall muss die Untersuchung zeigen, ob es eine fehlerhafte Freigabe oder eine Fehlinformation durch die Fluglotsen gab, die zum potentiellen Konflikt der beiden Korridore führte.
Die zweite Ebene der Sicherheit ist die technische Ausrüstung an Bord der Flugzeuge. Jedes Verkehrsflugzeug ist heute mit einem Traffic Collision Avoidance System (TCAS) ausgestattet.
Dieses System ist in der Lage, die Positionen anderer Flugzeuge in der Umgebung zu erfassen und die Piloten durch visuelle und akustische Warnungen auf eine mögliche Kollisionsgefahr hinzuweisen. Es ist sehr wahrscheinlich, daß das TCAS an Bord des Ryanair-Flugzeugs eine Warnung ausgab, noch bevor die Piloten den Airbus möglicherweise visuell erkannten. Diese technische Unterstützung ermöglicht es den Piloten, schnell und effektiv zu reagieren. Die dritte und letzte Ebene der Sicherheit sind die Piloten selbst. Sie sind als letzte Instanz dafür verantwortlich, die Sicherheit der Passagiere zu gewährleisten. Ihr schnelles und entschiedenes Handeln in Köln/Bonn war der entscheidende Faktor, der einen möglichen Zwischenfall verhinderte.
Das richtige Manöver: Warum der Startabbruch eine erfolgreiche Maßnahme war
Der Startabbruch (rejected takeoff, RTO) ist ein kritisches Manöver, für das Piloten ausgiebig geschult werden. Es gibt strenge Richtlinien, wann ein Startabbruch in welcher Phase des Startlaufs durchgeführt werden muss. Der entscheidende Parameter ist die V1-Geschwindigkeit (Decision Speed). Bei einer Geschwindigkeit unterhalb von V1 kann der Startlauf noch abgebrochen und das Flugzeug sicher zum Stehen gebracht werden, ohne die verbleibende Piste zu überschießen.
Bei einer Geschwindigkeit oberhalb von V1 muss das Flugzeug in die Luft gebracht werden, da der verbleibende Platz nicht mehr ausreicht, um es sicher zu stoppen. Da die Ryanair-Maschine den Start bei niedriger Geschwindigkeit abbrach, ist davon auszugehen, daß die Piloten die Gefahr bereits vor dem Erreichen der kritischen V1-Geschwindigkeit erkannt hatten. Dies ist das ideale Szenario für einen Startabbruch, da es die Risiken minimiert. Das Manöver, obwohl für die Passagiere abrupt und beängstigend, ist somit der Beweis, daß die Sicherheitsprotokolle funktionierten und die Besatzung in der Lage war, die Situation zu beherrschen.
Ein alltägliches Risiko im modernen Luftverkehr?
Zwischenfälle wie dieser sind glücklicherweise selten, aber sie verdeutlichen die ständigen Herausforderungen im globalen Luftverkehr. Während die absolute Zahl der Flugbewegungen in den letzten Jahrzehnten drastisch gestiegen ist, haben die Sicherheitsprotokolle und die technischen Systeme Schritt gehalten. Dennoch kommt es immer wieder zu Beinahe-Zusammenstößen auf dem Rollfeld oder in der Luft. Die Ursachen sind vielfältig und reichen von menschlichem Fehlverhalten (Fluglotsen oder Piloten) bis hin zu technischen Fehlfunktionen.
Die Luftfahrtbranche ist sich dieser Risiken bewusst und investiert kontinuierlich in die Ausbildung und die Verbesserung der Sicherheitstechnologien. Jeder Zwischenfall, auch wenn er glimpflich ausgeht, wird von den Behörden und Organisationen wie der Europäischen Agentur für Flugsicherheit (EASA) und der Internationalen Zivilluftfahrtorganisation (ICAO) untersucht, um daraus zu lernen und die Sicherheit weiter zu erhöhen. Der Vorfall in Köln/Bonn wird in der Branche als Success Story wahrgenommen, weil die Sicherheitskette, vom Fluglotsen bis zum Piloten, nicht gerissen ist und die potenziell gefährliche Situation abgewendet werden konnte.