Nach fast einem Jahr der Untersuchung und juristischen Auseinandersetzung hat die Regierung der Vereinigten Staaten die volle Verantwortung für das schwerste Flugzeugunglück im US-Luftraum seit über zwei Jahrzehnten übernommen.
Bei der Kollision zwischen einem zivilen Passagierjet und einem Militärhubschrauber über dem Potomac River am 29. Januar 2025 kamen alle 67 Insassen beider Luftfahrzeuge ums Leben. In einer aktuellen Stellungnahme zu einer Sammelklage der Angehörigen räumten die Rechtsvertreter des Justizministeriums ein, dass sowohl Fehler der zivilen Flugsicherung FAA als auch Versäumnisse der US-Armee ursächlich für die Tragödie waren. Die Katastrophe hat nicht nur tiefgreifende Konsequenzen für die betroffenen Familien, sondern führt nun auch zu einer radikalen Verschärfung der Sicherheitsgesetze für den militärischen Flugbetrieb in der Nähe von Großflughäfen. Durch den neu verabschiedeten ROTOR Act werden Hubschrauber künftig dazu verpflichtet, hochpräzise Positionsdaten zu senden, um solche Katastrophen technisch unmöglich zu machen.
Rekonstruktion einer vermeidbaren Tragödie
Es war ein kalter Mittwochabend im Januar, als American Airlines Flug 5342, eine Bombardier CRJ700 der Regionaltochter PSA Airlines, den Endanflug auf den Flughafen Ronald Reagan Washington National (DCA) begann. Die Maschine, die aus Wichita, Kansas, kam, befand sich in etwa 300 Fuß Höhe über dem Potomac River, weniger als eine Meile vor der Landebahnschwelle, als sie mit einem UH-60 Black Hawk der US-Armee zusammenstieß. An Bord des Jets befanden sich 60 Passagiere und vier Besatzungsmitglieder; der Hubschrauber war mit drei Soldaten besetzt.
Die Ermittlungen der Nationalen Transportsicherheitsbehörde NTSB offenbarten eine Kette von Fehlentscheidungen. Der Black Hawk befand sich auf einem Trainingsflug und nutzte eine Route, die unmittelbar unter den Anflugpfaden des Verkehrsflughafens verläuft. Während des Vorfalls flog der Hubschrauber jedoch etwa 24 Meter höher als für diese Route vorgeschrieben. Gleichzeitig unterlief der Flugsicherung ein schwerwiegender Fehler: Die Fluglotsen verließen sich auf visuelle Staffelung – ein Verfahren, bei dem Piloten angewiesen werden, andere Flugzeuge selbstständig im Auge zu behalten. In der Dunkelheit über dem Fluss und unter Verwendung von Nachtsichtgeräten im Hubschrauber erwies sich dies als fatale Fehleinschätzung. Warnsysteme im Kontrollturm schlugen zwar 20 Sekunden vor dem Aufprall Alarm, doch eine rechtzeitige Korrekturweisung an die Piloten blieb aus.
Prominente Opfer und die Last der Trauer
Die Passagierliste von Flug 5342 enthielt zahlreiche Namen, die weit über die Grenzen der USA hinaus bekannt waren. Besonders die internationale Eiskunstlaufszene wurde durch das Unglück schwer getroffen. Unter den Toten befanden sich die ehemaligen Weltmeister im Paarlauf, Evgenia Shishkova und Vadim Naumov, die als Trainer in den USA tätig waren. Auch mehrere Nachwuchstalente sowie US-Skater waren an Bord des Flugzeugs, das auf dem Weg zu einem Wettbewerb war.
In der nun eingereichten gerichtlichen Erklärung gestand die US-Regierung ein, dass sie gegenüber den Klägern eine Sorgfaltspflicht verletzt hat. Diese Anerkennung der Haftung bedeutet, dass die Familien der Opfer nicht mehr die Schuld des Staates beweisen müssen, sondern sich die kommenden Verfahren auf die Festsetzung der Entschädigungssummen konzentrieren können. Erste Forderungen belaufen sich bereits auf über 200 Millionen US-Dollar. Die Anwälte der Angehörigen betonten, dass dieser Schritt zwar ein wichtiges Zeichen der Rechenschaftspflicht sei, die tiefen emotionalen Wunden jedoch nicht heilen könne.
Technisches Versagen und der Ruf nach Konsequenzen
Ein zentraler Aspekt der NTSB-Untersuchung betrifft das ADS-B-System (Automatic Dependent Surveillance-Broadcast). Dieses System sendet kontinuierlich die exakte Position und Höhe eines Luftfahrzeugs an die Bodenstationen und andere Flugzeuge. Der am Unfall beteiligte Black Hawk verfügte zwar über die notwendige Ausrüstung, diese war jedoch zum Zeitpunkt der Kollision nicht aktiviert. Bisher erlaubte eine Gesetzeslücke dem Militär, das System bei bestimmten Missionen und Übungsflügen abzuschalten.
Zusätzlich untersuchen die Techniker Hinweise auf eine fehlerhafte Höhenmessung im Hubschrauber. Sollten die Bordsysteme dem Piloten eine geringere Höhe angezeigt haben, als er tatsächlich flog, könnte dies die Abweichung vom vorgeschriebenen Flugpfad erklären. Dennoch bleibt die Tatsache bestehen, dass die mangelnde Sichtbarkeit des Hubschraubers auf den Radarschirmen der Flugsicherung den entscheidenden Faktor für das Ausbleiben einer wirksamen Warnung darstellte.
Der ROTOR Act: Ein neues Sicherheitsregime
Als unmittelbare Reaktion auf den Absturz hat der US-Kongress den Rotorcraft Operations Transparency and Oversight Reform Act, kurz ROTOR Act, verabschiedet. Das Gesetz markiert das Ende einer Ära, in der militärische Luftfahrzeuge in zivil genutzten Lufträumen weitgehend unter dem Radar operieren konnten. Bis zum Jahr 2031 müssen nun alle zivilen und militärischen Hubschrauber mit modernen ADS-B-Boxen ausgestattet sein, die sowohl Daten senden als auch empfangen können (ADS-B In/Out).
Besonders streng sind die Auflagen für den stark frequentierten Luftraum über Washington D.C. Hier ist die Aktivierung der Sender künftig zwingend vorgeschrieben, unabhängig von der Art des Einsatzes. Ausnahmen für geheime Missionen wurden auf ein Minimum reduziert und unterliegen nun strengen Meldepflichten gegenüber der FAA. Luftfahrtexperten wiesen darauf hin, dass diese Technologie bereits seit fast zwei Jahrzehnten von der NTSB empfohlen wurde, die Umsetzung jedoch immer wieder an budgetären Hürden und Kompetenzstreitigkeiten zwischen dem Verteidigungsministerium und der Luftfahrtbehörde gescheitert war.
Zukünftige Kontrollen und operative Einschränkungen
Über die technische Aufrüstung hinaus hat das US-Verkehrsministerium bereits weitreichende operative Änderungen vorgenommen. Die Nutzung von visueller Staffelung in kritischen Phasen des Anflugs auf den Reagan National Airport wurde untersagt. Zudem wurden dauerhafte Flugbeschränkungen für nicht-essenzielle Hubschrauberflüge im unmittelbaren Umkreis des Flughafens erlassen. Künftig dürfen nur noch Rettungs- und Regierungsflüge diese sensiblen Korridore nutzen.
Die US-Armee muss sich zudem einer umfassenden Prüfung durch den Generalinspekteur unterziehen. Dabei geht es um die Koordinierung mit der zivilen Flugsicherung, die Ausbildung der Piloten im Umgang mit zivilen Flugwegen und die Wartungsprotokolle der Hubschrauberflotte. Das Ziel ist eine lückenlose Transparenz, um das Vertrauen der reisenden Öffentlichkeit in die Sicherheit des US-Luftraums zurückzugewinnen. Das endgültige Gutachten des NTSB wird für das Frühjahr 2026 erwartet und könnte weitere Empfehlungen zur physischen Trennung von Hubschrauber- und Flugzeugrouten an städtischen Flughäfen enthalten.