Am Flughafen Frankfurt am Main hat die Einführung der geänderten Abflugroute Cindy S im Sommer 2025 zu einer spürbaren Neuverteilung des Fluglärms in der südhessischen Region geführt. Während dicht besiedelte Gebiete im Norden von Darmstadt wie Arheilgen und Kranichstein eine Entlastung erfahren, verzeichnen weiter südöstlich gelegene Kommunen wie Erzhausen, Egelsbach, Messel sowie der Norden von Wixhausen eine Zunahme der Lärmimmissionen.
Die Umstellung basiert auf Untersuchungen des Forums Flughafen und Region sowie Beschlüssen der Fluglärmkommission und der Festlegung durch das Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung. Erste Auswertungen nach knapp einem Jahr Messbetrieb bestätigen die im Vorfeld ermittelten Prognosen. Dennoch regt sich in den neu belasteten Gemeinden anhaltender Protest gegen die Streckenführung und das Zustandekommen der Entscheidungen.
Hintergründe der Streckenverlegung und verfahrenstechnische Grundlagen
Die Flugstrecke mit der Kennung Cindy S, die vormals unter der Bezeichnung Amtix kurz geführt wurde, gehört zu den am stärksten frequentierten Abflugkorridoren des Frankfurter Flughafens. Flugzeuge, die auf der Startbahn West in Richtung Süden abheben oder vom Parallelbahnsystem starten, werden über diesen Korridor nach Südosten geleitet. In der früheren Streckenführung überflogen die Maschinen dicht bewohnte Stadtteile im Norden Darmstadts.
Im Rahmen des Maßnahmenprogramms Aktiver Schallschutz untersuchte das Forum Flughafen und Region seit 2018 verschiedene Alternativen, um die Anzahl der vom Fluglärm betroffenen Personen zu verringern. Ziel der Planungen war es, die Flugspuren in Bereiche zu verlegen, die eine geringere Besiedlungsdichte aufweisen. Nach der Prüfung von drei Modellvarianten sprach sich die Fluglärmkommission im Oktober 2024 für eine nördliche Verschiebung aus. Nach der rechtlichen Festlegung durch das Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung trat die neue Routenführung am 10. Juli 2025 verbindlich in Kraft und wird seither in einem einjährigen Probebetrieb genutzt.
Messergebnisse und regionale Verteilung der Lärmpegel
Im Juni 2026 legte das Forum Flughafen und Region im Rahmen einer Sitzung des Konvents erste zusammenhängende Messergebnisse vor, die auf Daten von mehreren ortsfesten Stationen sowie auf der Auswertung von mehr als 20.000 Flugspuren basieren. Die Erhebungen decken sich im Wesentlichen mit den theoretischen Lärmberechnungen, die vor dem Start des Probebetriebs angestellt worden waren.
In den Entlastungsgebieten zeigen die Messwerte eine Verringerung der Schallpegel. In Weiterstadt-Gräfenhausen sank der mittlere Maximalpegel um mehr als zwei Dezibel. Noch deutlicher fällt der Rückgang in Darmstadt-Arheilgen aus: Dort verringerte sich der mittlere Maximalpegel je nach Flugzeugtyp um bis zu sechs Dezibel. Der Dauerschallpegel ging an diesem Messpunkt am Tag um mehr als neun Dezibel und in den Nachtstunden um mehr als sieben Dezibel zurück.
Demgegenüber stehen erhöhte Lärmwerte in den Orten, an die die Flugroute näher herangerückt ist:
- In Erzhausen stieg der durchschnittliche Pegel je nach Flugzeugmodell um bis zu sechs Dezibel an, während der Dauerschallpegel sowohl tagsüber als auch nachts um mehr als fünf Dezibel zunahm.
- In Egelsbach zeigt sich eine erhöhte Belastung vor allem im Ortsteil Bayerseich, wobei hier gestiegene Erfassungsraten der Messstationen die Vergleichbarkeit mit früheren Werten beeinflussen. Die gemessenen Pegel bewegen sich jedoch im prognostizierten Rahmen.
- Im nördlichen Bereich von Darmstadt-Wixhausen stiegen die mittleren Pegel durch die Annäherung der Flugspur um etwa zwei Dezibel.
- In der Gemeinde Messel, für die nachträglich Auswertungen veranlasst wurden, ergaben die Lärmmessungen Werte von 44,7 Dezibel am Tag und 35,8 Dezibel in der Nacht, was den Erwartungen der Experten entspricht.
In der Gesamtrechnung ergibt sich laut Angaben des Hessischen Ministeriums für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Wohnen sowie der Fachgremien eine rechnerische Entlastung für etwa 20.000 Anwohner um mindestens zwei Dezibel, darunter rund 17.000 Personen mit einer Reduktion um mindestens fünf Dezibel. Dagegen verzeichnen rund 9.000 Bürgerinnen und Bürger eine Steigerung der Schallbelastung um mindestens zwei Dezibel.
Kritik aus den Anwohnergemeinden und organisatorischer Widerstand
Die Verlagerung der Flugspuren trifft in den neu betroffenen Kommunen auf Unverständnis und Ablehnung. Anwohner aus Egelsbach und Erzhausen berichten von Beeinträchtigungen der Nachtruhe und Einschränkungen der Lebensqualität. Ein zentraler Kritikpunkt richtet sich gegen das Zustandekommen der Entscheidung. Der Bürgermeister der Gemeinde Egelsbach, Tobias Wilbrand, kritisierte öffentlich, dass betroffene Orte wie Egelsbach und Messel im Vorfeld der Routenfestlegung durch die Fluglärmkommission nicht ausreichend in die Beratungen einbezogen worden seien.
Als Reaktion auf die veränderten Flugrouten haben sich lokale Initiativen aus Erzhausen, Messel, Wixhausen, Egelsbach, Langen und Groß-Zimmern zusammengeschlossen und den Verein Stopp Cindy S gegründet. Auch in weiteren Städten der Region, wie beispielsweise Dieburg, melden Anwohner veränderte Wahrnehmungen des Überflugs.
Aus den betroffenen Gemeinden kam unter anderem der Vorschlag, die alte und die neue Flugroute abwechselnd zu nutzen, um die Lärmbelastung auf mehrere Schultern zu verteilen. Das Forum Flughafen und Region untersuchte diese Option einer alternierenden Nutzung. Die Auswertungen der Experten ergaben jedoch, dass ein Wechselbetrieb zu einer insgesamt ungünstigeren Bilanz führen würde, da dadurch mehr Menschen wechselnden Lärmspitzen ausgesetzt wären und der Fluglärmindex für die Gesamtregion ansteigen würde.
Weiterer Zeitplan und anstehende Entscheidungen
Der Vorstand des Forums Flughafen und Region, vertreten durch Johann-Dietrich Wörner, erklärte, dass die vorliegenden Daten das Eintreffen der prognostizierten Lärmeffekte belegen. Das Monitoring der Flugspuren und Lärmmesswerte wird dennoch fortgesetzt, um Abweichungen vom vorgesehenen Flugverlauf zu erfassen.
Im September 2026 sollen weitere detaillierte Auswertungen der Flugspuren des ersten vollen Betriebsjahres vorgestellt werden. Die finale Bewertung der Flugroute obliegt den zuständigen Gremien. Für den 2. Dezember 2026 ist eine Sitzung der Fluglärmkommission angesetzt, in der über die dauerhafte Festlegung oder eventuelle Modifikationen der Abflugroute Cindy S beraten werden soll.