Europa steuert im vierten Quartal 2026 auf erhebliche Versorgungsengpässe bei Flugkraftstoffen zu. Nach aktuellen Prognosen des Londoner Analysehauses Energy Aspects wird für den europäischen Markt ein tägliches Defizit von etwa 510.000 Barrel Kerosin erwartet, was einem Volumen von rund 81 Millionen Litern pro Tag entspricht.
Verschärft wird die Lage durch den historischen Tiefstand der Lagerbestände im zentralen westeuropäischen Raffinerie- und Logistikdrehkreuz Amsterdam-Rotterdam-Antwerpen (ARA), wo die frei verfügbaren Flugtreibstoffreserven im September auf den niedrigsten Stand seit sieben Jahren fielen.
Ursache für die veränderte Marktlage sind anhaltende geopolitische Konflikte und militärische Auseinandersetzungen im Nahen Osten, die zu Ausfällen wesentlicher Lieferketten geführt haben. Seit dem Ausbruch der Kampfhandlungen in der Region ist rund die Hälfte der traditionellen europäischen Kerosinimporte aus nahöstlichen Raffinerien ausgefallen. Während in den USA ein leichter Überschuss von 18.000 Barrel täglich und im asiatisch-pazifischen Raum ein täglicher Überschuss von gut 419.000 Barrel prognostiziert wird, ist der europäische Kontinent gezwungen, das Defizit über zeitintensive Importe aus entfernten Drittstaaten wie Nigeria, den USA, Kanada und Südkorea auszugleichen.
Aufgrund des deutlichen Preisgefälles zwischen Asien und Europa nutzten internationale Treibstoffhändler zuletzt verstärkt Lieferungen aus ostasiatischen Kapazitäten. Die Kerosinimporte aus Südkorea nach Europa erreichten im September den höchsten Wert seit nahezu vier Jahren, begünstigt durch eine zeitgleiche Ausweitung der südkoreanischen Raffinerieproduktion. Die langen Transportwege über die Seeroute verlängern jedoch die Lieferzeiten erheblich, was die Pufferkapazitäten an den großen europäischen Flughäfen spürbar belagert und die Fracht- und Flugkosten belasten könnte.
Marktexperten weisen darauf hin, dass die hohe Importabhängigkeit von Übersee-Lieferungen das Ausfallrisiko bei unvorhergesehenen Logistikstörungen erhöht. Sollte es zu weiteren Unterbrechungen der Seewege oder zusätzlichen Raffinerieausfällen kommen, drohen den europäischen Fluggesellschaften steigende Treibstoffkosten, die sich auf die Ticketpreisgestaltung im Winterflugplan auswirken dürften. Eine rasche Entlastung der europäischen Kerosinlager ist vorerst nicht in Sicht.