In einem Schritt zur Erweiterung ihres regionalen Streckennetzes plant Vietnams führende Billigfluglinie VietJet, als erste vietnamesische Fluggesellschaft chinesische Regionalflugzeuge des Typs COMAC ARJ21-700, auch als C909 bekannt, auf Inlandsverbindungen einzusetzen. Der planmäßige Beginn dieser Flüge ist auf Mitte April 2025 angesetzt. Besonders hervorzuheben ist, daß VietJet damit die Lücke schließt, welche durch den Rückzug von Bamboo Airways aus dem Flugverkehr zur Insel Con Dao entstanden ist – einem wichtigen Ziel für Tourismus wie auch Verwaltung.
Der COMAC C909 wird voraussichtlich auf zwei zentralen Routen eingesetzt: von Hanoi (HAN) nach Con Dao sowie von Ho-Chi-Minh-Stadt (SGN) zur Insel. Laut internen Planungen sollen ab dem 15. April 2025 jeweils vier Hin- und Rückflüge täglich auf beiden Routen durchgeführt werden. Diese Entwicklung ist nicht nur luftverkehrstechnisch bedeutsam, sondern auch geopolitisch bemerkenswert, da es sich um den erstmaligen regulären Einsatz eines chinesisch produzierten Verkehrsflugzeugs im vietnamesischen Luftraum handelt.
Die Flugverbindungen zur Insel Con Dao sind strategisch bedeutsam. Die Region, die bis dato fast ausschließlich durch die Dienste von Bamboo Airways bedient wurde, wäre im Falle anhaltender Flugausfälle auf den Seeweg angewiesen gewesen. Die rund 230 Kilometer lange Überfahrt mit der Fähre dauert jedoch oft mehr als sechs Stunden – ein gravierender Nachteil insbesondere für Geschäftsreisende und Notfalltransporte.
Technisches Profil der eingesetzten Flugzeuge
VietJet least die eingesetzten Maschinen zunächst über ein sogenanntes Wet-Lease-Verfahren von der chinesischen Chengdu Airlines. Zwei Maschinen des Typs COMAC ARJ21-700 sind vorgesehen: eine mit der Registrierung B-652G, welche 2,8 Jahre alt ist, sowie eine jüngere Einheit mit der Kennung B-656E. Beide Flugzeuge sind in einer rein ökonomischen Konfiguration für 90 Passagiere ausgestattet. Der COMAC C909 ist ein zweistrahliger Regionaljet, der insbesondere für Kurz- und Mittelstrecken innerhalb Asiens konzipiert wurde. In puncto Reichweite und Wirtschaftlichkeit zielt er darauf ab, mit Modellen wie dem Embraer E-Jet oder der Bombardier CRJ-Serie zu konkurrieren.
Mit derzeit 113 Flugzeugen zählt VietJet zu den wichtigsten Luftverkehrsanbietern Südostasiens. Die Flotte setzt sich bislang hauptsächlich aus Airbus-Flugzeugen zusammen: darunter 29 Airbus A320-200, 42 Airbus A321-200, 35 Airbus A321neo sowie 7 Langstreckenflugzeuge des Typs Airbus A330-300. Die Aufnahme der COMAC C909 stellt somit eine markante Erweiterung des bisherigen Flottenkonzepts dar. Nicht zuletzt erlaubt diese Entscheidung, sich von westlichen Herstellern zumindest teilweise unabhängig zu machen.
Politische und wirtschaftliche Implikationen
Der Schritt VietJets erfolgt in einer Phase zunehmender regionaler Annäherung zwischen Vietnam und China im Bereich Verkehr und Infrastruktur. Gleichzeitig aber bleibt das Verhältnis beider Länder in territorialen Fragen angespannt, was die Auswahl chinesischer Flugtechnik umso bemerkenswerter macht. Auch wirtschaftspolitisch signalisiert der Einsatz des C909 eine Öffnung gegenüber alternativen Herstellern – und damit eine potenzielle Herausforderung für die Vormachtstellung von Airbus und Boeing im asiatischen Markt.
Luftfahrtexperten sehen in dieser Entscheidung eine doppelte Motivation: Einerseits die praktische Notwendigkeit, nach dem Rückzug von Bamboo Airways neue Kapazitäten für die Strecke Con Dao aufzubauen. Andererseits dürfte auch die Kosteneffizienz der COMAC-Flugzeuge in die Entscheidung eingeflossen sein. Chinesische Hersteller wie COMAC bieten ihre Modelle oft zu deutlich günstigeren Konditionen an – sowohl beim Kaufpreis als auch im Betrieb.
Regulatorische Hürden und Sicherheitsfragen
Bevor die Flüge jedoch tatsächlich aufgenommen werden können, muß die vietnamesische Luftfahrtbehörde (CAAV) grünes Licht geben. Die Zertifizierung chinesischer Flugzeuge für den vietnamesischen Markt ist bislang nicht umfassend geregelt. Eine Anerkennung der durch die chinesische Luftfahrtbehörde ausgestellten Zertifikate ist notwendig, um den Betrieb ohne weitere Zulassungsverfahren zu ermöglichen. Vertreter der CAAV signalisierten bereits Bereitschaft zur Zusammenarbeit, doch ein offizieller Beschluß steht noch aus.
Ein weiteres Augenmerk liegt auf der technischen Zuverlässigkeit und Wartung der COMAC-Maschinen. Auch wenn es sich beim ARJ21-700 um ein seit Jahren operierendes Flugzeug handelt, wurde es bislang hauptsächlich auf dem chinesischen Inlandsmarkt eingesetzt. Eine Ausweitung des Einsatzes ins Ausland – wie nun durch VietJet – stellt somit eine Bewährungsprobe für den chinesischen Flugzeugbauer dar.
Ob der Einsatz des C909 in Vietnam Schule machen wird, bleibt abzuwarten. Für VietJet stellt er jedoch bereits jetzt einen bedeutenden Schritt dar: weg von einer ausschließlichen Bindung an westliche Hersteller, hin zu einer breiteren Aufstellung, sowohl wirtschaftlich als auch geopolitisch. Sollte sich der Einsatz als erfolgreich und zuverlässig erweisen, könnten auch andere südostasiatische Fluggesellschaften dem Beispiel folgen.