Die Geschichte der Touristik ist reich an gescheiterten Comeback-Versuchen, doch das Gebaren rund um die Neugründung der Fischer Air erreicht eine neue Qualität der Undurchsichtigkeit. Während geprellte Kunden seit Monaten auf die Rückerstattung ihrer Flugtickets warten und Transparenz bei dem Unternehmen ein Fremdwort bleibt, flüchtet sich Inhaber Vaclav Fischer in immer abenteuerlichere Verschwörungstheorien.
Anstatt den operativen Offenbarungseid zu leisten, kündigte der tschechisch-deutsche Unternehmer nun den Oktober 2026 als neuen Starttermin an – ein Datum, das nach zahllosen verschobenen Terminen in der Branche kaum noch ernst genommen wird. Parallel dazu holt Fischer zu einem verbalen Rundumschlag gegen den Branchenriesen Dertour und hochrangige EU-Politiker aus, den Beobachter als verzweifeltes Ablenkungsmanöver von den eigenen Unzulänglichkeiten werten. Zwischen markenrechtlichen Streitigkeiten und dem Schweigen gegenüber geschädigten Urlaubern verkommt das Projekt Fischer Air zusehends zu einer Sackgasse, die das Vertrauen in den regionalen Flugverkehr nachhaltig zu untergraben droht.
Ein Geschäftsmodell auf Basis von Verschiebungen
Die Liste der Enttäuschungen ist lang. Ursprünglich sollten bereits in den vergangenen Saisons Maschinen unter dem Namen Fischer Air von Regionalflughäfen wie Kassel-Calden abheben. Doch anstatt Flugzeuge sah man lediglich Stornierungen. Besonders pikant ist dabei die Informationspolitik: Kunden, die im guten Glauben an die traditionsreiche Marke Buchungen vornahmen, wurden im Regen stehen gelassen. Es gibt Berichte über fehlende Kontaktmöglichkeiten und eine systematische Verweigerung von Ticket-Rückerstattungen. Dass Fischer nun ausgerechnet Kassel als künftigen Dreh- und Angelpunkt für Kanaren-Flüge im Jahr 2026 anpreist, wirkt angesichts der bisherigen Performance fast wie ein Hohn gegenüber den lokalen Partnern und Passagieren.
Verbraucherschützer beobachten das Treiben in Bratislava, dem aktuellen Sitz des Planungsteams, mit wachsender Sorge. Eine Airline, die ihre Kunden bereits vor dem ersten regulären Flug finanziell schädigt, hat in einem hochregulierten Markt wie der europäischen Luftfahrt eigentlich keinen Platz. Dennoch gelingt es Fischer immer wieder, durch Pressemitteilungen mediale Aufmerksamkeit zu generieren, während die operative Substanz hinter den Kulissen offenbar gegen null tendiert.
Absurde Anschuldigungen als Verteidigungsstrategie
Anstatt Fragen zur Liquidität oder zum Status des Air Operator Certificate (AOC) zu beantworten, greift Fischer zu drastischen Mitteln. Er bezichtigt eine „organisierte Gruppe“ unter Führung der Dertour-Geschäftsleitung und eines amtierenden EU-Kommissars, seinen Erfolg systematisch zu verhindern. Die Vorwürfe lesen sich wie das Drehbuch eines zweitklassigen Wirtschaftskrimis: Von „gestohlenen Flugzeugen“ im Wert von 80 Millionen Dollar ist die Rede, von verleumderischen Briefen und einer gezielten Zerstörung seiner Unternehmen.
Diese Rhetorik der „feindlichen Übernahme“ und der „systematischen Behinderung“ dient offensichtlich dazu, die Schuld für das eigene Scheitern bei externen Feindbildern zu suchen. Dass Fischer dabei nicht davor zurückschreckt, ehemalige Geschäftspartner als Kriminelle darzustellen, zeigt die Aggressivität, mit der hier eine Schlammschlacht geführt wird. Faktisch lässt sich jedoch feststellen: Ein funktionierender Flugbetrieb scheitert meist nicht an Briefen von Konkurrenten, sondern an fehlenden Flugzeugen, fehlenden Lizenzen und fehlendem Kapital – drei Punkte, bei denen Fischer Air bisher den Nachweis der Seriosität schuldig blieb.
Der juristische Sumpf um die Markenrechte
Ein weiterer Stolperstein, den Fischer gerne als Komplott darstellt, ist der Streit um den Namen „Fischer Air“. Der Dertour-Konzern reklamiert die Namensrechte für sich, da diese im Jahr 2020 über die Tochter Exim Holding miterworben worden seien. Es ist ein klassischer wirtschaftlicher Vorgang, den Fischer jedoch als weiteren Akt der Aggression uminterpretiert. Für potenzielle Passagiere ist dieser Konflikt mehr als eine juristische Spitzfindigkeit. Es stellt sich die Frage, wie ein Unternehmen Vertrauen aufbauen will, wenn bereits die rechtliche Grundlage des Markennamens auf tönernen Füßen steht.
Die Weigerung von Dertour, sich auf diese öffentliche Schlammschlacht einzulassen, spricht Bände. Während die eine Seite mit substanzlosen Vorwürfen um sich wirft, bereitet die andere Seite vermutlich schlicht die rechtlichen Schritte vor, um den Spuk zu beenden. Dass Fischer behauptet, Maßnahmen bei europäischen Behörden zum Schutz seiner Person ergriffen zu haben, unterstreicht nur die bizarre Note, die dieser Fall mittlerweile angenommen hat.
Kassel-Calden: Ein Flughafen als Spielball?
Für den Flughafen Kassel-Calden ist die Personalie Fischer ein zweischneidiges Schwert. Einerseits ist man an jedem neuen Charter-Angebot interessiert, andererseits beschädigt das Chaos rund um Fischer Air den Ruf des Standortes. Wenn Flüge angekündigt, verkauft und dann ohne Entschädigung gestrichen werden, fällt dies auch auf die Infrastrukturbetreiber zurück. Die Ankündigung für Oktober 2026 mag weit entfernt klingen, doch die Skepsis vor Ort ist mit den Händen greifbar. Es fehlt an jeglichem Beweis, dass Fischer Air tatsächlich über die logistischen Kapazitäten verfügt, um einen stabilen Flugplan aufrechtzuerhalten.
Zudem stellt sich die Frage nach dem Fluggerät. Die in Pressemitteilungen gezeigten Bilder von Boeing 737-800 in Fischer-Farben sind nach Meinung von Experten oft digitale Montagen oder zeigen Flugzeuge, die längst für andere Betreiber fliegen. Ein reales Flugzeug mit einer slowakischen oder deutschen Kennung, das für die neue Fischer Air bereitsteht, wurde bisher nicht gesichtet.
Der Fall Fischer Air ist eine Warnung an alle Konsumenten, sich nicht von klangvollen Namen aus der Vergangenheit blenden zu lassen. Vaclav Fischer mag in den 90er Jahren ein Pionier gewesen sein, doch im Luftverkehr des Jahres 2026 gelten andere Regeln. Wer heute Flüge bei einem Unternehmen bucht, das mehr Zeit in Gerichtssälen und mit dem Verfassen von Verschwörungsmythen verbringt als in der Luft, geht ein hohes finanzielles Risiko ein.
Es bleibt abzuwarten, ob die Behörden in der Slowakei oder in Deutschland diesem Treiben weiterhin tatenlos zusehen. Solange keine Tickets erstattet werden und keine Lizenzen vorliegen, bleibt Fischer Air das, was es in den letzten Monaten war: ein Luftschloss, das nur durch die Lautstärke seines Gründers am Leben erhalten wird. Der Oktober 2026 wird kommen, doch es steht zu befürchten, dass auch dann wieder neue Gründe gefunden werden, warum die Maschinen am Boden bleiben müssen.