Die deutsche Campingbranche erlebt einen beispiellosen Aufschwung, der alle Erwartungen übertrifft und den Tourismusmarkt nachhaltig verändert. Mit einem zweistelligen Wachstum und fast 43 Millionen Übernachtungen im Jahr 2024 hat der Markt die Vor-Pandemie-Zahlen deutlich hinter sich gelassen. Das Wachstum wird nicht mehr allein von den traditionellen Familien angetrieben, sondern auch von neuen Zielgruppen wie jungen Reisenden, Alleinreisenden und Mehrgenerationen-Gruppen.
Ein zentraler Treiber dieser Entwicklung ist das Phänomen des Glampings, einer Kombination aus glamourösem und luxuriösem Camping, das den Wunsch nach Naturerlebnis mit dem Komfort eines Fünf-Sterne-Resorts vereint. Wie Simone Pokrandt, Geschäftsführerin von Leading Campings of Europe, im Reise vor9 Podcast betonte, ist dieser Trend nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa zu beobachten und verlängert die Saison auf vielen Plätzen bis zur Ganzjahresöffnung.
Camping im Aufwind: Ein Markt übertrifft alle Erwartungen
Die jüngsten statistischen Erhebungen zeigen, daß die Campingbranche in Deutschland ein Rekordjahr nach dem anderen verbucht. Die fast 43 Millionen Übernachtungen in 2024 markieren nicht nur einen neuen Höchstwert, sondern sind auch ein klares Zeichen für die Attraktivität dieser Urlaubsform. Das Wachstum liegt weiterhin im zweistelligen Prozentbereich, ein Wert, von dem viele andere Tourismussparten nur träumen können.
Die hohe Nachfrage hat dazu geführt, daß viele Campingplätze in Europa nahezu durchgehend ausgebucht sind. Diese Entwicklung hat auch eine strukturelle Veränderung in der Branche nach sich gezogen: Die Saisonzeiten verlängern sich, und immer mehr Anlagen bieten ihren Service inzwischen ganzjährig an, um die anhaltend hohe Nachfrage zu bedienen. Dieser Aufschwung ist nicht allein auf das Reisen mit Wohnmobilen und Caravans beschränkt, sondern umfaßt eine Vielzahl von Übernachtungsformen, die den unterschiedlichen Bedürfnissen der Reisenden gerecht werden.
Luxus unter freiem Himmel: Das Phänomen des Glampings
Der Haupttreiber hinter dem explosiven Wachstum ist das, was die Branche als Glamping bezeichnet – eine Wortschöpfung aus „Glamour“ und „Camping“. Dieses Segment spricht Reisende an, die das unmittelbare Naturerlebnis suchen, ohne auf den gewohnten Komfort verzichten zu wollen. Die Zeiten, in denen Camping mit kargen Zelten und Gemeinschaftssanitäranlagen assoziiert wurde, sind in diesen luxuriösen Bereichen vorbei. Glamping-Anlagen bieten heute eine breite Palette an hochwertigen Annehmlichkeiten. Dazu zählen private Sanitäranlagen, Saunen, Whirlpools und sogar Spa-Bereiche.
Auch kulinarisch wird viel geboten, von Spitzengastronomie bis zu regionalen Spezialitäten. Die Unterkünfte selbst sind oft außergewöhnlich und erlebnisorientiert. Gäste können in luxuriösen Mobilheimen, fest installierten Safarizelten, Baumhäusern oder sogar auf dem Wasser in schwimmenden Häusern übernachten. Wie Simone Pokrandt treffend bemerkt, „steht das Erlebnis im Vordergrund, nicht die Unterkunftsform.“ Dieser Fokus auf die Erfahrung hat es der Branche ermöglicht, ein völlig neues Publikum anzuziehen, das in der Vergangenheit vermutlich nie an Camping gedacht hätte.
Neue Zielgruppen auf der Überholspur: Die demografische Revolution
Historisch war Camping eine Urlaubsform, die überwiegend von Familien mit Kindern gewählt wurde. Während diese Gruppe nach wie vor eine zentrale Rolle spielt, hat sich die demografische Zusammensetzung der Reisenden deutlich gewandelt. Insbesondere die jüngere Generation, die oft mit Vans unterwegs ist, entdeckt die Freiheit und Flexibilität des Reisens auf Rädern. Viele von ihnen nutzen auch die Möglichkeit, im „Remote-Work-Modus“ zu arbeiten, was das Reisen außerhalb der klassischen Urlaubszeiten ermöglicht und die Nachfrage über das ganze Jahr hinweg aufrechterhält.
Auch Alleinreisende und Alleinerziehende fühlen sich von der Campingform angezogen, da sie hier eine gewisse Gemeinschaft vorfinden, ohne auf ihre Unabhängigkeit verzichten zu müssen. Ein wachsender Trend ist auch der Urlaub in Mehrgenerationen-Gruppen, für die viele Plätze maßgeschneiderte Angebote schaffen. Beispiele hierfür sind verbundene Lodges oder Stellplätze mit gemeinsamen Terrassen und Bereichen, die es Familienmitgliedern aller Altersgruppen ermöglichen, ihren Urlaub gemeinsam zu verbringen.
Die Wirtschaft hinter dem Abenteuer: Boominge Verkaufszahlen und Vertriebswege
Der Aufschwung im Campingmarkt spiegelt sich auch in den Verkaufszahlen wider. Nach einem Verkaufsboom in den Pandemiejahren blieb die Zahl der Neuzulassungen für Wohnmobile und Caravans auch 2024 mit einem Plus von rund sieben Prozent hoch. Dies unterstreicht die langfristige Investitionsbereitschaft der Konsumenten in diese Urlaubsform.
Die Leading Campings investieren gezielt in hochwertige Ausstattung, von großzügigen „Leading-Stellplätzen“ mit bis zu 600 Quadratmetern bis zu voll ausgestatteten Premiumunterkünften. Im Vertrieb setzt der Sektor auf eine Kombination aus traditionellen und digitalen Wegen. Viele Anlagen, die historisch auf den Direktvertrieb angewiesen waren, öffnen sich nun auch für Online-Plattformen. Die Hälfte der Mitglieder von Leading Campings ist bereits direkt über ihre Website buchbar; der Rest soll in den nächsten Monaten folgen. Trotz dieser Entwicklung setzen viele Anbieter ergänzend auf große Plattformen wie Booking, um neue Zielgruppen zu erreichen.
Branchengrenzen verschwimmen: Potentiale für die Zukunft des Tourismus
Traditionell waren die Campingbranche und die klassische Hotellerie getrennte Welten. Doch wie Pokrandt betont, gebe es ein großes Potential für einen intensiveren Austausch und sogar für Kooperationen zwischen den Sparten. Die Flexibilität und das „Erlebnis“-Konzept des Glampings könnten auch für Hoteliers interessant sein, die damit neue Zielgruppen erschließen und ihre Geschäftsmodelle diversifizieren könnten. Die Integration von Glamping-Angeboten in Hotel-Resorts würde es diesen ermöglichen, ihren Kundenstamm zu erweitern und zusätzliche Einnahmequellen zu erschließen. Dieses Aufeinandertreffen von etablierten und aufstrebenden Segmenten im Tourismus könnte in den kommenden Jahren zu innovativen Reiseangeboten führen, die die Stärken beider Welten vereinen.