Die kanadische Fluggesellschaft WestJet baut ihr europäisches Streckennetz in einem strategisch bedeutsamen Umfang aus und kündigt die Aufnahme von sechs neuen Transatlantik-Routen an, die alle mit der Boeing 737 Max 8 bedient werden. Ab Mai und Juni 2026 verbindet die Airline Toronto mit Cardiff (Wales), Glasgow (Schottland) und Ponta Delgada (Azoren) sowie Halifax mit Kopenhagen (Dänemark), Lissabon (Portugal) und Madrid (Spanien). Mit Ausnahme von Glasgow handelt es sich bei den neuen Zielen um Erstverbindungen in das Streckennetz von WestJet. Diese aggressive Expansion unterstreicht WestJets Ambitionen, eine gewichtigere Rolle im Transatlantikverkehr zu spielen, indem sie Nischenmärkte mit dem effizienten Schmalrumpfflugzeug erschließt.
Vier der sechs neuen Strecken werden ohne direkten Wettbewerb mit anderen Fluggesellschaften angeboten, was die gezielte Suche WestJets nach unbedienten oder unterversorgten Märkten hervorhebt. Die Ankündigung, die etwa sechs Monate vor dem Betriebsbeginn erfolgt, verschafft dem Unternehmen ausreichend Zeit, um die neuen Verbindungen zu bewerben und den Ticketverkauf anzukurbeln. Die neuen Routen nach Europa nutzen die vergrößerte Reichweite des Boeing 737 Max 8, um Langstreckenflüge kosteneffizient anzubieten und das kanadische Drehkreuz Halifax, insbesondere, als wichtiges Tor zu Europa zu positionieren.
Neue Strecken und Betriebsdetails
Die sechs neuen Europa-Verbindungen von WestJet starten gestaffelt im Mai und Juni 2026. Alle Routen werden viermal wöchentlich bedient, was für eine Erstaufnahme von Langstreckenverbindungen eine robuste Frequenz darstellt.
| Startdatum | Route | Frequenz | Fluggerät | Entfernung (km) | Max. Blockzeit | Direkte Konkurrenz? |
| 1. Mai | Halifax – Lissabon | 4x wöchentlich | 737 Max 8 | 4.482 | 6h 40m | Nein |
| 15. Mai | Halifax – Madrid | 4x wöchentlich | 737 Max 8 | 4.824 | 7h 20m | Nein |
| 15. Mai | Toronto – Glasgow | 4x wöchentlich | 737 Max 8 | 5.300 | 7h 10m | Ja: Air Transat (A321LR) |
| 22. Mai | Toronto – Cardiff | 4x wöchentlich | 737 Max 8 | 5.543 | 7h 55m | Nein |
| 28. Mai | Halifax – Kopenhagen | 4x wöchentlich | 737 Max 8 | 5.276 | 7h 30m | Nein |
| 12. Juni | Toronto – Ponta Delgada | 4x wöchentlich | 737 Max 8 | 4.524 | 6h 35m | Ja: Azores Airlines (A321LR) |
Besonders hervorzuheben ist die Strecke Toronto-Cardiff, die mit einer Distanz von 5.543 Kilometern die neue längste Single-Aisle-Verbindung von WestJet nach Europa darstellt. Diese Route übertrifft die bisherige längste Verbindung, Toronto-Edinburgh, um drei Prozent und weist mit einer geplanten Blockzeit von 7 Stunden und 55 Minuten auch die längste Flugdauer im Netzwerk auf.
Toronto-Glasgow ist die einzige Strecke, die WestJet bereits in der Vergangenheit bedient hat, zuletzt im Jahr 2022. Die Wiederaufnahme dieser Verbindung, die in direkter Konkurrenz zur sechsmal wöchentlichen Bedienung von Air Transat mit dem A321LR steht, spiegelt das Vertrauen in die Nachfrage auf dem schottischen Markt wider.
Strategischer Einsatz der Boeing 737 Max 8
Der Schlüssel zur Erschließung dieser neuen, teilweise sehr langen Transatlantikrouten ist die Boeing 737 Max 8. Die moderne Schmalrumpfmaschine, die über eine verbesserte Reichweite und Treibstoffeffizienz verfügt, erlaubt es Fluggesellschaften wie WestJet, Langstreckenflüge mit einer geringeren Sitzkapazität anzubieten.
Die Nutzung von Single-Aisle-Flugzeugen für Routen von bis zu 5.500 Kilometern bietet erhebliche wirtschaftliche Vorteile:
- Niedrigere Betriebskosten: Die trip cost (Gesamtkosten pro Flug) eines Schmalrumpfflugzeugs ist deutlich geringer als die eines Großraumflugzeugs (Widebody), was das Risiko auf Märkten mit geringerer Frequenz oder saisonaler Nachfrage reduziert.
- Flexibilität: Die geringere Sitzkapazität bedeutet, dass WestJet eine deutlich niedrigere Auslastung (Sitzladefaktor) benötigt, um die Gewinnschwelle zu erreichen (break-even at a passenger percentage).
- Markterschließung: Die Max 8 ermöglicht es, neue, bisher unbediente Märkte zu erschließen, die die Kapazität eines Großraumflugzeugs nicht nachhaltig füllen könnten.
Diese Strategie, bekannt als narrowbody long-haul, hat in den letzten Jahren in der Branche an Bedeutung gewonnen, insbesondere durch das Aufkommen reichweitenstarker Jets wie der 737 Max und des Airbus A321LR/XLR.
Herausforderungen und die Slot-Problematik in Lissabon
Die neue Verbindung Halifax-Lissabon verdeutlicht die Herausforderungen, denen sich Airlines bei der Erschließung neuer europäischer Märkte gegenübersehen. Die portugiesische Hauptstadt ist bekannt für ihre chronische Slot-Knappheit, was TAP Air Portugal, die nationale Fluggesellschaft, dazu veranlasst hat, Porto als sekundäres Drehkreuz auszubauen.
WestJet ist gezwungen, äußerst ungünstige Flugzeiten in Kauf zu nehmen, um überhaupt Slots in Lissabon zu erhalten:
- Ankunft in Lissabon (WS32): 23:55 Uhr Ortszeit. Diese Ankunftszeit ist für Nordamerika-Flüge nach Europa ungewöhnlich spät und die späteste Ankunftszeit eines planmäßigen Passagierdienstes aus Kanada/USA in Europa (sie schlägt sogar Turkish Airlines‘ späte Ankunft aus Los Angeles in Istanbul).
- Abflug aus Lissabon (WS33): 6:00 Uhr Ortszeit. Der extrem frühe Rückflug erfordert eine sehr frühe Anreise der Passagiere zum Flughafen.
Während diese Zeiten für Reisende, die aus Portugal stammen, möglicherweise akzeptabel sind, stellen sie für kanadische Urlauber eine erhebliche Unannehmlichkeit dar. WestJet setzt darauf, mit diesen Slots einen Fuß in den Tür zu bekommen (getting its foot in the door). Die langfristige kommerzielle Tragfähigkeit der Route wird jedoch von der Möglichkeit abhängen, in Zukunft Slots zu erhalten, die besser für Urlaubs- und Geschäftsreisende geeignet sind.
Wiederbelebung des Langstreckenverkehrs nach Cardiff
Die Verbindung Toronto-Cardiff stellt eine Wiederbelebung des regulären Langstreckenverkehrs in die walisische Hauptstadt dar. Cardiff Airport hat seit der Einstellung der Flüge von Qatar Airways (Doha-Cardiff) im Jahr 2020 keine regelmäßigen interkontinentalen Passagierdienste mehr verzeichnet. Qatar Airways flog die Strecke von 2018 bis 2020 mit der Boeing 787-8, wobei der Passagierladefaktor mit nur 57 Prozent relativ niedrig war.
WestJet ist nicht der erste kanadische Betreiber in Cardiff: Air Transat flog die Route bis 2004, gefolgt von der inzwischen aufgelösten Zoom Airlines bis 2008.
WestJet hat jedoch bessere Erfolgschancen als seine Vorgänger:
- Markenbekanntheit: WestJet ist in Nordamerika ein wesentlich bekannterer Name als Zoom oder FlyGlobespan.
- Netzwerkanbindung: Über das Drehkreuz Toronto können Passagiere effizient zu zahlreichen Zielen in Kanada und den Vereinigten Staaten umsteigen.
- Fluggerätestrategie: Der Einsatz der 737 Max 8 mit geringerer Kapazität macht die Route zu einer weniger riskanten Option als die Flüge mit Großraumflugzeugen (767, 787). WestJet muss deutlich weniger Sitze füllen, um rentabel zu sein.
Die aggressive Markterschließung in Europa durch WestJet, insbesondere über das Hub Halifax, das nun neue Direktverbindungen nach Madrid, Lissabon und Kopenhagen erhält, positioniert die Airline als ernstzunehmenden Akteur im transatlantischen Saisongeschäft.