Bombardier CRJ-900 (Foto: Anna Zvereva).
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Wettlauf gegen die Zeit: Der dritte Rettungsversuch der irischen Cityjet steht auf der Kippe

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Die irische Fluggesellschaft Cityjet befindet sich erneut in einer existenzbedrohenden Lage. Nachdem die Firma in den letzten Jahren bereits zwei Sanierungsverfahren durchlief, steht sie nun zum dritten Mal am Scheideweg. Die von gerichtlich bestellten Gutachtern vorgeschlagenen Rettungspläne, die das Überleben der Airline sichern sollen, stoßen jedoch auf scharfen Widerstand.

Die Strategic Alliance of Regional Airlines (SARA), ein bisheriger Investor, hat angekündigt, den Plan juristisch anzufechten. Sie fürchtet, daß ihre Investitionen von 7,5 Millionen Euro vollständig wertlos werden und bezeichnet die dem Gericht vorgelegten Zahlen als „zu optimistisch“. Der juristische Streit, der das Schicksal von 122 Angestellten besiegeln könnte, wird noch in diesem Monat vor dem irischen High Court entschieden. Die Krise von Cityjet ist ein Lehrstück über die extremen Risiken des sogenannten Wet-Lease-Geschäftsmodells in der hochvolatilen Luftfahrtbranche.

Ein riskantes Geschäft: Der Wet-Lease-Spezialist und seine Herausforderungen

Die Cityjet hat sich im Laufe ihrer Firmengeschichte auf das sogenannte Wet-Lease-Geschäft spezialisiert. Dieser Begriff, der in der Branche als ACMI (Aircraft, Crew, Maintenance, Insurance) bekannt ist, beschreibt ein Geschäftsmodell, bei dem eine Fluggesellschaft, wie Cityjet, ihre Flugzeuge mitsamt Besatzung, Wartung und Versicherung an eine andere, zumeist größere, Fluglinie vermietet.

Für große Konzerne bietet dieses Modell immense Flexibilität. Sie können Kapazitätsengpässe überbrücken, neue Strecken testen oder auf saisonale Nachfrageschwankungen reagieren, ohne in eigene Flugzeuge oder Personal investieren zu müssen. Für eine kleine Wet-Lease-Spezialistin wie Cityjet birgt dieses Modell jedoch ein enormes Risiko. Das Unternehmen ist von wenigen, zumeist langfristigen Verträgen abhängig. Fällt ein großer Kunde weg, droht der finanzielle Kollaps. Die Geschichte von Cityjet zeigt, daß genau dies immer wieder geschehen ist.

Die gescheiterten Rettungsanker: Verlust wichtiger Partnerschaften und die Suche nach Stabilität

Der aktuelle Niedergang von Cityjet ist direkt auf den Verlust zweier wichtiger Partnerschaften zurückzuführen. Nachdem der skandinavische Konzern SAS in ein eigenes Insolvenzverfahren rutschte, wirkte sich dies massiv auf die Finanzen von Cityjet aus. Die Zusammenarbeit mit SAS war über Jahre eine der wichtigsten Einnahmequellen der irischen Fluggesellschaft gewesen. Als eine zweite Hoffnung aufkam, ein langfristiger Vertrag mit dem deutschen Luftfahrtriesen Lufthansa, schien sich die Lage kurzfristig zu stabilisieren.

Doch Anfang 2025 traf der deutsche Konzern die strategische Entscheidung, seinen Vertrag mit Cityjet nicht zu verlängern. Die Lufthansa hat in den letzten Jahren ihre eigenen regionalen Flugkapazitäten ausgebaut und setzt vermehrt auf die Entwicklung eigener Marken wie Lufthansa City Airlines, um die Kontrolle über ihre Zubringerflüge zu behalten. Der Verlust dieses Vertrages, der Ende Oktober ausläuft, war ein schwerer Schlag für Cityjet. Diese Ereignisse haben das Unternehmen in eine Lage gebracht, in der die Gutachter eine Liquidation mit einem Defizit von fast 177 Millionen Euro vorhersagen, wenn kein erfolgreicher Sanierungsplan umgesetzt wird.

Juristisches Tauziehen: Die Kontroverse um den Sanierungsplan

Der nun von gerichtlich bestellten Experten erstellte Sanierungsplan sieht eine radikale Neuausrichtung vor. Die bisherigen Aktionäre, einschließlich der Strategic Alliance of Regional Airlines (SARA), sollen komplett leer ausgehen. Im Gegenzug sollen neue Investoren die Mehrheit übernehmen. Dazu gehören die dänische Cityjet Holding um den Eigentümer von Jettime, Lars Thuesen, die 92 Prozent der Anteile erhalten soll, und die irische EIC Aircraft Leasing, die die restlichen acht Prozent übernimmt.

Für die bisherigen Investoren ist dieses Szenario inakzeptabel. Die SARA hat in den letzten drei Jahren 7,5 Millionen Euro in die irische Tochtergesellschaft investiert und befürchtet nun, diese Mittel zu verlieren. Ein Anwalt der Allianz äußerte die Befürchtung, daß die im Plan enthaltenen Zahlen zu optimistisch seien. Der juristische Einspruch der SARA stellt die Gültigkeit des gesamten Plans in Frage und verlagert die endgültige Entscheidung über das Schicksal von Cityjet in das irische Höchstgericht. Die zentrale Frage, die das Gericht nun zu beantworten hat, ist, ob der vorgeschlagene Plan die einzig realistische Option zur Rettung der Fluggesellschaft ist.

Ein gewagtes Konzept: Die Zukunft mit nur einem Großkunden

Die vorgeschlagene Rettung von Cityjet ist auf einem äußerst gewagten Konzept aufgebaut: die erneute Fokussierung auf nur einen Hauptkunden, nämlich SAS. Während die Gutachter und neuen Investoren dies als die einzige Chance auf Stabilität sehen, könnte dieses Modell als ein „Rückfall in alte Muster“ angesehen werden.

Eine solche Strategie macht die Fluggesellschaft wieder extrem abhängig von der finanziellen Gesundheit und den operativen Entscheidungen eines einzigen Partners. Angesichts der Tatsache, daß die Abhängigkeit von SAS bereits in der Vergangenheit zu massiven Problemen geführt hat, ist es gewiß, daß diese Strategie ein hohes Risiko birgt. Die Entscheidung des Gerichts wird auch Aufschluß darüber geben, ob ein solcher Plan in der Luftfahrtbranche als tragfähig angesehen wird.

Das Schicksal von Cityjet ist ein Lehrstück für die extremen Risiken im Wet-Lease-Geschäft. Das Hin und Her in der gerichtlichen Auseinandersetzung verdeutlicht, wie komplex und fragil die finanziellen Strukturen kleinerer Fluggesellschaften sein können. Die bevorstehende Entscheidung des Gerichts wird nicht nur über die Zukunft der irischen Airline und ihrer 122 Mitarbeiter, sondern auch über das Vertrauen in Sanierungsverfahren im europäischen Luftverkehr entscheiden.

Der Fall zeigt, daß selbst mit neuen Investoren und optimistischen Plänen der Weg aus der Krise alles andere als gesichert ist und daß die Interessen der verschiedenen Beteiligten oft in scharfem Konflikt miteinander stehen.

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