Die Wiener S-Bahn-Stammstrecke steht vor ihrer bisher größten Bewährungsprobe. Ab September 2026 beginnt eine 14-monatige Hauptsperre des zentralen Schienenabschnitts zwischen Wien Praterstern und dem Hauptbahnhof, die bis Oktober 2027 andauern wird. Diese bauliche Maßnahme hat tiefgreifende Konsequenzen für die Anbindung des internationalen Flughafen Wien-Schwechat an das Stadtzentrum.
Während der Fernverkehr über den Railjet weitgehend stabil bleibt, bricht die gewohnte Infrastruktur für Regionalzüge und den spezialisierten City Airport Train (CAT) vorübergehend zusammen. Betroffene Passagiere müssen sich auf signifikante Änderungen im Reisealltag einstellen: Wo bisher Züge im Minutentakt verkehrten, übernehmen künftig Busflotten den Transport. Die Betreiber stehen vor der logistischen Herausforderung, das hohe Passagieraufkommen auf die Straße zu verlagern, während gleichzeitig wichtige Serviceleistungen wie der City Check-in in Wien Mitte vollständig entfallen.
Logistische Herausforderungen durch die Trennung der Schienenwege
Der Kern der Problematik liegt in der geografischen Lage der Bauarbeiten. Durch die Sperre ist die Schienenverbindung vom Bahnhof Landstraße/Wien Mitte über den Rennweg bis hin nach St. Marx unterbrochen. Dies betrifft exakt jenen Korridor, den die Regionalzüge und Schnellbahnen in Richtung Südosten nutzen. Die ÖBB und die CAT-Betreibergesellschaft mussten daher in monatelanger Planung Alternativkonzepte entwickeln, um den Verkehrsfluss zwischen der Bundeshauptstadt und ihrem wichtigsten Verkehrsknotenpunkt aufrechtzuerhalten.
Für die Schnellbahnlinie S7 bedeutet die Sperre eine Verkürzung der Route; sie wird aus Richtung Osten kommend bereits in St. Marx enden und nicht mehr den Praterstern erreichen. Fahrgäste des Regionalexpress REX7 sind ebenfalls von Umleitungen betroffen. Diese Züge werden im Süden Wiens abgefangen und direkt zum Hauptbahnhof geleitet, wodurch der gewohnte Halt in Wien Mitte entfällt. Diese Umstrukturierung erfordert von den Pendlern und Reisenden ein hohes Maß an Flexibilität, da sich gewohnte Umstiegsbeziehungen innerhalb des Wiener Liniennetzes grundlegend verschieben.
Der City Airport Train setzt auf die Straße
Besonders einschneidend sind die Änderungen für den City Airport Train. Der Betreiber, der sich normalerweise durch eine 16-minütige Fahrzeit auf der Schiene definiert, muss sein Geschäftsmodell für die Dauer der Sperre vollständig auf den Busverkehr umstellen. In Kooperation mit dem privaten Busunternehmen Blaguss wird eine Flotte von Premium-Bussen zum Einsatz kommen. Diese Fahrzeuge sollen den gewohnten Komfort so weit wie möglich imitieren. Geplant sind Modelle des Typs Setra, die über 55 Sitzplätze, erhöhte Beinfreiheit und moderne Infotainment-Systeme verfügen.
Um die Kapazität der entfallenden Züge zu kompensieren, wurde ein extrem dichter Taktfahrplan entworfen. Während der Hauptverkehrszeiten zwischen 7 Uhr morgens und 19 Uhr abends sollen die Busse alle zwölf Minuten verkehren, was fünf Abfahrten pro Stunde entspricht. In den Randzeiten wird ein 15-Minuten-Takt beibehalten. Ein herber Verlust für den Komfort der Fluggäste ist jedoch die vorübergehende Einstellung des City Check-ins am Bahnhof Wien Mitte. Aus logistischen Gründen ist es während der Bus-Ära nicht möglich, das Gepäck bereits im Stadtzentrum aufzugeben und direkt zum Flugzeug transportieren zu lassen. Dies könnte zu einer erhöhten Belastung der Check-in-Schalter am Flughafen selbst führen.
Tarifpolitische Maßnahmen und soziale Staffelung
Um die Attraktivität des Ersatzverkehrs trotz der längeren Fahrzeiten auf der Straße zu wahren, setzen die Betreiber auf eine aggressive Preisstrategie für Inhaber von Zeitkarten. Personen mit einer Jahreskarte der Wiener Linien, der ÖBB-Vorteilscard oder dem österreichweiten Klimaticket können den CAT-Bus für sieben Euro pro Strecke nutzen. Eine bemerkenswerte soziale Komponente ist die kostenlose Beförderung von Kindern bis 15 Jahren. Damit versucht das Unternehmen, insbesondere Familien und regelmäßige Pendler trotz der infrastrukturellen Verschlechterung an das eigene Angebot zu binden.
Die Geschäftsführung des CAT, vertreten durch Michael Forstner und Christoph Korherr, zeigt sich zuversichtlich, dass das Busmodell den Anforderungen gewachsen ist. Dennoch bleibt abzuwarten, wie sich die Verkehrssituation auf den Zufahrtsstraßen zum Flughafen, insbesondere auf der oft überlasteten Ostautobahn A4, auf die Pünktlichkeit der Premium-Busse auswirken wird. Im Gegensatz zur Schiene ist der Busverkehr anfällig für Staus und Unfälle, was die Zeitplanung für Reisende erschweren könnte.
Zusätzliche Buslinien vom Praterstern
Auch die ÖBB Postbus GmbH bereitet sich auf die erhöhte Nachfrage vor. Da der Praterstern als einer der wichtigsten Umsteigeknoten Wiens durch die Sperre der Stammstrecke massiv an Bedeutung für die direkte Zuganbindung zum Flughafen verliert, soll eine neue Linie des Vienna Airport Bus etabliert werden. Diese zusätzliche Verbindung befindet sich derzeit noch im Stadium der Konzessionserteilung durch die Behörden. Es wird jedoch allgemein erwartet, dass die Genehmigung rechtzeitig vor Beginn der Sperre im September vorliegt.
Diese neue Buslinie soll eine direkte Brücke zwischen dem zweiten Wiener Gemeindebezirk und dem Flughafen schlagen. Details zu etwaigen Zwischenhalten oder der genauen Taktfrequenz sind aktuell noch Gegenstand der behördlichen Abstimmung. Fest steht jedoch, dass dieses zusätzliche Angebot notwendig ist, um die Passagierströme abzufangen, die normalerweise die S-Bahn vom Praterstern genutzt hätten.
Langfristige Perspektiven der Infrastrukturoffensive
Die 14-monatige Sperre ist Teil eines umfassenden Modernisierungsprogramms der ÖBB, das die Wiener Stammstrecke für die kommenden Jahrzehnte leistungsfähiger machen soll. Die Bauarbeiten umfassen neben der Gleis- und Signaltechnik auch die Sanierung von Tunnelbauwerken und Stationen. Für die Fahrgäste bedeutet dies eine lange Phase der Entbehrung, an deren Ende jedoch ein stabilerer und hochfrequenterer Betrieb stehen soll.
Bis Oktober 2027 wird das Bild rund um die Bahnhöfe Wien Mitte und Praterstern daher von Schienenersatzverkehren geprägt sein. Die kommenden Monate werden zeigen, ob die Verlagerung von der Schiene auf die Straße reibungslos funktioniert. Der Erfolg dieses logistischen Großprojekts hängt maßgeblich davon ab, wie effizient die Ersatzbusse im dichten Wiener Stadtverkehr operieren können und ob die Passagiere bereit sind, die längeren Reisezeiten und den Entfall des Check-in-Komforts zu akzeptieren.