KLM am Flughafen Amsterdam-Schiphol (Foto: Unsplash/Aron Marinelli).
Redakteur
Letztes Update
Give a coffee
Informationen sollten frei für alle sein, doch guter Journalismus kostet viel Geld.
Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, können Sie Aviation.Direct freiwillig auf eine Tasse Kaffee einladen.
Damit unterstützen Sie die journalistische Arbeit unseres unabhängigen Fachportals für Luftfahrt, Reisen und Touristik mit Schwerpunkt D-A-CH-Region und zwar freiwillig ohne Paywall-Zwang.
Wenn Ihnen der Artikel nicht gefallen hat, so freuen wir uns auf Ihre konstruktive Kritik und/oder Ihre Hinweise wahlweise direkt an den Redakteur oder an das Team unter unter diesem Link oder alternativ über die Kommentare.
Ihr
Aviation.Direct-Team

Winterliches Chaos am Drehkreuz Amsterdam: Schiphol kämpft mit massiven Flugausfällen und logistischen Hürden

Werbung

Der internationale Luftverkehr am Flughafen Amsterdam Schiphol ist in der ersten Januarwoche 2026 durch einen extremen Wintereinbruch weitgehend zum Erliegen gekommen. Eine über mehrere Tage anhaltende Periode mit schweren Schneefällen, gefrierendem Regen und Sturmböen hat an einem der wichtigsten europäischen Luftfahrt-Hubs zu einem operativen Ausnahmezustand geführt.

Seit dem 2. Jänner 2026 wurden über 3.300 Flüge gestrichen, was Schiphol zeitweise zum weltweit am stärksten beeinträchtigten Flughafen machte. Während die Räumdienste im Dauereinsatz waren, um die Pisten befahrbar zu halten, führten Engpässe bei der Flugzeugenteisung und eine drastisch reduzierte Kapazität der Rollwege zu chaotischen Zuständen auf dem Vorfeld. Hunderte Passagiere mussten die Nächte auf Feldbetten im Terminal verbringen, da auch das nationale Schienennetz in den Niederlanden weitgehend lahmgelegt wurde. Besonders die Heimatfluggesellschaft KLM sah sich gezwungen, hunderte Verbindungen proaktiv abzusagen, um einen vollständigen Kollaps des Systems zu verhindern.

Eingeschränkte Kapazitäten und das Phänomen der Geister-Rollten

Die winterlichen Bedingungen haben die operative Leistungsfähigkeit von Schiphol an ihre Grenzen gebracht. In normalen Betriebszeiten kann der Flughafen bis zu 120 Flugbewegungen pro Stunde abwickeln; während der schwersten Schneefälle sank diese Kapazität zeitweise auf lediglich 35 Bewegungen. Diese massive Drosselung führte zu einer Überlastung der Rollwege, die durch Schneeanhäufungen zusätzlich verengt waren. In der Folge kam es zu einem Phänomen, das in der Luftfahrtbranche als Taxieren ins Nirgendwo bezeichnet wird.

Ein prominentes Beispiel für diese logistische Zerreißprobe war der Flug KL1003 von Amsterdam nach London Heathrow am 5. Januar. Ein fabrikneuer Airbus A321neo verließ das Gate mit einer nur geringen Verzögerung, verbrachte jedoch anschließend über zwei Stunden auf den verstopften Rollwegen. Die Maschine kreiste am Boden mehrfach um das Flughafenareal, ohne jemals eine Startfreigabe zu erhalten. Da sich die Wetterbedingungen weiter verschlechterten und die zulässigen Arbeitszeiten der Besatzung abzulaufen drohten, musste das Flugzeug schließlich zum Gate zurückkehren und der Flug wurde annulliert. Solche Vorfälle waren kein Einzelfall: Passagiere von British Airways berichteten sogar von achtstündigen Wartezeiten in einer Embraer E190 auf dem Vorfeld, bevor sie die Maschine wieder verlassen konnten.

Kritischer Engpass bei der Enteisungsflüssigkeit

Ein wesentlicher Faktor für die Eskalation der Lage war eine drohende Knappheit an Enteisungsmitteln. Da die winterliche Witterung in dieser Intensität für die küstennahe Region ungewöhnlich ist, wurden die Vorräte an Enteisungsflüssigkeit schneller aufgebraucht, als sie durch Lieferungen aus Deutschland wieder aufgefüllt werden konnten. Die Enteisung der Tragflächen ist zwingend erforderlich, um die aerodynamische Sicherheit zu garantieren. Bei anhaltendem Schneefall ist jedoch die sogenannte Holdover Time – das Zeitfenster, in dem der Schutzfilm wirksam bleibt – extrem kurz.

KLM-Verantwortliche bestätigten, dass die Versorgungslage zeitweise kritisch war. Um die verbleibenden Bestände für Langstreckenflüge und kritische Verbindungen zu priorisieren, wurden Kurz- und Mittelstreckenflüge innerhalb Europas massenhaft gestrichen. Allein am 7. Januar fielen über 700 Flüge aus, was etwa 60 Prozent des gesamten geplanten Verkehrsaufkommens entsprach. Die Airline setzte zwischenzeitlich größere Flugzeugtypen ein, um auf den wenigen verbleibenden Verbindungen so viele gestrandete Passagiere wie möglich zu befördern, während gleichzeitig der Verkauf neuer Tickets vorübergehend eingestellt wurde.

Beeinträchtigung internationaler Fluggesellschaften und Fernverbindungen

Obwohl KLM als dominierende Fluggesellschaft mit über 57 Prozent der Abflüge am stärksten betroffen war, spürten auch internationale Carrier die Auswirkungen der Infrastrukturprobleme. Ein Airbus A380 der Emirates aus Dubai musste nach der Landung drei Stunden auf einem Rollweg warten, da alle für diesen Flugzeugtyp geeigneten Parkpositionen durch andere, verspätete Maschinen belegt waren. Solche Verzögerungen bei der Ankunft führen zu einem Dominoeffekt, da die Flugzeuge nicht rechtzeitig für den Rückflug vorbereitet werden können.

Die Flughafenleitung von Schiphol und der europäische Luftverkehrskoordinator Eurocontrol warnten vor weitreichenden Auswirkungen auf das gesamte europäische Streckennetz. Da Amsterdam ein zentraler Umsteigepunkt ist, blieben tausende Reisende in der Transferzone stecken. Das Bodenpersonal versorgte die Gestrandeten mit Decken, Kissen und Verpflegung, während die Hotline-Kapazitäten der Airlines aufgrund der enormen Anzahl an Umbuchungsanfragen völlig überlastet waren. Auch die Anbindung an den Pariser Flughafen Charles de Gaulle, einen Partner-Hub der Air France-KLM, war durch ähnliche Wetterprobleme in Frankreich eingeschränkt, was die Ausweichmöglichkeiten weiter reduzierte.

Ausblick und beginnende Normalisierung

Ab Donnerstag, dem 8. Januar, zeichnete sich eine leichte Entspannung der Wetterlage ab. Steigende Temperaturen verwandelten den Schnee in Regen, was die Räumarbeiten erleichterte und die Enteisungsprozesse beschleunigte. Dennoch blieb die Lage volatil. Für den 9. Januar wurde das Herannahen des Sturmtiefs Goretti angekündigt, das erneut starken Wind und Niederschläge mit sich bringen könnte. KLM kündigte vorsorglich weitere 80 Flugstreichungen an, um die Stabilität des Flugplans nicht erneut zu gefährden.

Der Flughafen Schiphol rät Reisenden weiterhin zu extremer Wachsamkeit. Auch wenn die Anzahl der Annullierungen sinkt, bleiben Verspätungen aufgrund der notwendigen Neupositionierung von Flugzeugen und Besatzungen im gesamten System bestehen. Der Vorfall unterstreicht die Anfälligkeit großer Verkehrsdrehkreuze gegenüber extremen winterlichen Bedingungen, insbesondere wenn diese über einen längeren Zeitraum anhalten und die vorhandene Infrastruktur für Enteisung und Winterdienst an ihre Kapazitätsgrenzen bringen.

Werbung

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..

Werbung