Georgien, eingebettet zwischen dem Schwarzen Meer und den majestätischen Gipfeln des Kaukasus, offenbart sich im Winter als ein Land tief verwurzelter Traditionen und herzlicher Gastlichkeit.
Abseits der sommerlichen Wanderpfade und Weinregionen präsentiert sich die kaukasische Republik in den kalten Monaten mit einer lebendigen Festkultur und einer wärmenden Küche, die Besucher in ihren Bann zieht. Die Winterzeit ist geprägt von religiösen Feierlichkeiten nach dem Julianischen Kalender und der georgischen Supra, dem traditionellen Festmahl, das Gemeinschaft und Geselligkeit zelebriert. Eine Reise in dieser Saison bietet die Möglichkeit, das kulturelle Erbe des Landes in einer besonders authentischen und atmosphärischen Weise zu erleben.
Die winterlichen Festtage der Orthodoxie
Die festliche Saison in Georgien orientiert sich am Kalender der georgisch-orthodoxen Kirche, was zu einer zeitlichen Verschiebung der Hauptfeierlichkeiten im Vergleich zur Westkirche führt. Das Weihnachtsfest wird nicht am 25. Dezember, sondern am 7. Januar begangen. Dieser Tag, der als gesetzlicher Feiertag gilt, ist ein tief religiöses Ereignis, das die Gemeinschaft in den Mittelpunkt stellt.
Ein zentraler und farbenprächtiger Brauch ist die Alilo-Prozession. Diese festliche Wanderung, deren Ursprung bis ins 5. Jahrhundert zurückreichen soll, zieht durch die Straßen der Hauptstadt Tbilisi und anderer georgischer Städte. Die Gläubigen, oft in festlichen Gewändern und begleitet von Priestern, singen traditionelle Weihnachtslieder und sammeln Spenden und Geschenke für Bedürftige. Die Alilo-Prozession symbolisiert die Verkündigung der Geburt Christi und den Geist der Nächstenliebe und ist ein eindrucksvolles Zeichen der tiefen Verankerung des orthodoxen Glaubens in der georgischen Gesellschaft. Anders als in vielen westlichen Kulturen ist Weihnachten in Georgien primär ein kirchliches Fest, bei dem der Austausch großer Geschenke unter Erwachsenen eher zurücktritt.
Kurz darauf, am 14. Januar, wird das Alte Neujahr gefeiert. Dies rührt daher, dass orthodoxe Länder wie Georgien den julianischen Kalender für ihre religiösen Feste beibehalten haben, wodurch der Silvesterabend des alten Kalenders auf den 13. Januar fällt. Obwohl das Alte Neujahr keinen offiziellen Feiertagsstatus besitzt, wird es in vielen Haushalten mit großer Sorgfalt begangen. Eine der wichtigsten Traditionen an diesem Tag ist die Rolle des Mekvle, des ersten Gastes des neuen Jahres, dessen Besuch Wohlstand und Glück für die Familie symbolisieren soll.
Die festlichen Vorbereitungen sind zudem von einzigartigen Bräuchen begleitet, wie dem Tschitschilaki, einem traditionellen, aus getrockneten Haselnusszweigen gefertigten „Neujahrsbaum“ in Form eines Strauches. Dieser wird mit Süßigkeiten und Beeren dekoriert, um Glück und Fruchtbarkeit zu bringen. Am 19. Januar, dem Fest der Erscheinung des Herrn (Epiphanias), wird der Tschitschilaki traditionell verbrannt, was symbolisch alle negativen Geschehnisse des Vorjahres reinigen soll.
Die Seele Georgiens: Kulinarik und Gastfreundschaft
Im Zentrum der georgischen Wintertradition steht die Supra, das opulente Festmahl, das weit mehr ist als eine einfache Mahlzeit. Die Supra ist ein gesellschaftliches Ritual, das durch den Tamada, den Tischmeister, geleitet wird, der die Toast-Zeremonie führt und für die Stimmung am Tisch verantwortlich ist. Besonders in der kalten Jahreszeit füllt die georgische Küche die Tafel mit reichhaltigen und wärmenden Gerichten.
Neben den landesweit beliebten Khachapuri (Käsebrot) und den gefüllten Teigtaschen Khinkali kommen spezielle Wintergerichte auf den Tisch. Traditionelle Eintöpfe wie Chashushuli – Rindfleisch in einer tiefgründigen Tomatensauce – oder Chakhokhbili, ein reichhaltiger Hähncheneintopf, der oft mit Zimt und Nelken gewürzt wird, bieten nahrhaften Genuss. Ein weiteres bekanntes Gericht ist Satsivi, bei dem Geflügel in einer dicken Walnusssoße serviert wird, die typischerweise über die Weihnachtsfeiertage zubereitet wird. Für besonders kalte Tage gibt es herzhafte Suppen wie Kharcho, eine pikante Rindfleischsuppe mit Reis, Pflaumenmus und Walnüssen, oder die belebende Khashi, eine Suppe aus Innereien und Knoblauch, die als traditionelles Mittel gegen Kater gilt.
Als Süßspeisen, die Wohlstand symbolisieren, sind Gozinaki, eine Krokant-Spezialität aus Honig und Walnüssen, und Churchkhela, die langen, kerzenartigen Süßigkeiten aus Nüssen, die von eingedicktem Traubensaft ummantelt sind, unverzichtbar. Der Genuss dieser Speisen wird stets von georgischem Wein, dessen Tradition über 8000 Jahre zurückreicht, begleitet. Hinzu kommt oft Chacha, ein starker Tresterbrand, der ebenfalls zur Feierlichkeit beiträgt. Die gemeinsamen Gesänge und der Austausch von Geschichten am Kamin in den ländlichen Regionen vervollständigen das Erlebnis der georgischen Gastfreundschaft, die von Offenheit und einer tiefen Verbundenheit mit dem Gast geprägt ist.

Der Kaukasus als Wintersport- und Reiseziel
Obwohl die kulturellen Feierlichkeiten der Hauptanziehungspunkt im Winter sind, bietet die geographische Lage Georgiens am Kaukasus auch Möglichkeiten für den Wintersport und das Naturerlebnis. Der Große und Kleine Kaukasus verwandelt sich in den Wintermonaten in eine beeindruckende Kulisse mit verschneiten Gipfeln.
Das Land verfügt über mehrere ausgebaute Skigebiete, die zunehmend internationale Aufmerksamkeit gewinnen. Gudauri, oft als das Herz des Skisports in Georgien bezeichnet, liegt auf hohem Niveau und bietet eine moderne Infrastruktur. Bakuriani ist das älteste Skigebiet des Landes und gilt als familienfreundliches Winterparadies. Darüber hinaus bieten Regionen wie Svanetien mit dem Skigebiet Tetnuldi und die Region Goderdzi im Kleinen Kaukasus weitere Optionen für Wintersportler, insbesondere für Freerider. Die beste Reisezeit für Wintersport wird dabei von Mitte Januar bis Ende Februar gesehen, da in dieser Zeit die höchste Schneesicherheit und Schneequalität erwartet wird.
Die Hauptstadt Tbilisi selbst, obwohl sie in den Wintermonaten ein relativ mildes Klima aufweist, bietet mit ihren historischen Schwefelbädern eine traditionelle Form der Entspannung und Erholung. Diese Bäder sind seit Jahrhunderten bekannt und werden als Heilquellen genutzt. Auch Kurorte wie Bordschomi sind für ihre Mineralquellen berühmt. Winterreisen nach Georgien sind somit eine Kombination aus kulturellem Eintauchen, kulinarischem Genuss und einem aktiven Naturerlebnis in der beeindruckenden Bergwelt. Sie bieten die Gelegenheit, die jahrtausendealte Geschichte, die sich in den Klöstern und historischen Städten widerspiegelt, mit der lebendigen Gegenwart und der sprichwörtlichen Herzlichkeit der Menschen zu verbinden.
