Airbus A321neo (Foto: Steffen Lorenz).
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Wizz Air: Britische Tochtergesellschaft beantragt Flugrechte für die Vereinigten Staaten

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Die europäische Luftfahrtlandschaft steht vor einer potenziellen Zäsur im Transatlantikverkehr. Wizz Air UK, die britische Tochtergesellschaft des ungarischen Billigflugriesen, hat am 23. Januar 2026 beim US-Verkehrsministerium (Department of Transportation, DOT) die Genehmigung für Linien- und Charterflüge zwischen dem Vereinigten Königreich und den Vereinigten Staaten beantragt. Dieser Vorstoß, der rechtlich auf dem Open-Skies-Abkommen von 2020 zwischen den USA und Großbritannien basiert, markiert eine radikale Abkehr von der bisherigen Unternehmensstrategie.

Noch vor wenigen Jahren hatte das Management eine Expansion in den nordamerikanischen Markt kategorisch ausgeschlossen. Doch technische Fortschritte in der Flottenstruktur, insbesondere die Indienststellung des Airbus A321XLR, sowie eine strategische Neuausrichtung nach dem Rückzug aus Teilen des Nahen Ostens haben die Rahmenbedingungen grundlegend verändert. Die Anmeldung sieht vor, sowohl Passagier- als auch Frachtkapazitäten anzubieten. Während Pilotengewerkschaften in der Vergangenheit ähnliche Vorstöße aufgrund von Bedenken hinsichtlich der Arbeitsstandards blockierten, stützt sich der aktuelle Antrag auch auf die US-Staatsbürgerschaft des Aufsichtsratsvorsitzenden William Franke, um regulatorische Hürden zu minimieren.

Technische Voraussetzungen und Flottenmodernisierung

Ein entscheidender Faktor für die Ambitionen von Wizz Air ist die Weiterentwicklung der Airbus A320neo-Familie. Mit Stand Januar 2026 verfügt Wizz Air UK über eine Flotte von 21 Airbus A321neo, von denen bereits drei der hocheffizienten XLR-Version (Extra Long Range) angehören. Dieses Flugzeugmuster verfügt über eine Reichweite von etwa 8.700 Kilometern (4.700 Seemeilen), was ausreicht, um von britischen Basen wie London-Luton oder London-Gatwick aus bedeutende Metropolen an der US-Ostküste und im Mittleren Westen ohne Zwischenstopp zu erreichen.

Die Planung sieht vor, in naher Zukunft acht weitere Maschinen dieses Typs zu übernehmen. Der Airbus A321XLR ermöglicht es Fluggesellschaften, Langstreckenverbindungen mit den Betriebskosten eines Schmalrumpfflugzeugs zu bedienen, was für das Geschäftsmodell eines Ultra-Low-Cost-Carriers (ULCC) essenziell ist. Im Gegensatz zu klassischen Langstreckenflugzeugen wie dem Airbus A350 oder der Boeing 787 sind die Fixkosten pro Flugstunde bei der A321XLR deutlich geringer, sofern die Auslastung der Kabine maximiert wird. Einen ersten praktischen Testlauf absolvierte das Unternehmen bereits im November 2025, als eine Maschine dieses Typs eine ungarische Regierungsdelegation unter Führung von Ministerpräsident Viktor Orbán von Budapest nach Washington D.C. beförderte. Dieser Sonderflug demonstrierte die technische Zuverlässigkeit des Fluggeräts auf der Langstrecke.

Paradigmenwechsel in der Konzernstrategie

Lange Zeit galt das Credo von Konzernchef József Váradi, dass Wizz Air sich auf Märkte konzentriert, in denen das Punkt-zu-Punkt-Modell auf Kurz- und Mittelstrecken optimal skaliert werden kann. In einem vielbeachteten Interview im Jahr 2023 schloss er den nordamerikanischen Markt noch explizit aus. Der nun erfolgte Kurswechsel ist das Resultat einer Marktanalyse, die neue Wachstumspotenziale jenseits der gesättigten europäischen Märkte identifiziert hat. Die Anpassung der Kapazitäten im Nahen Osten und die Suche nach renditestarken Alternativen haben den Blick über den Atlantik geschärft.

Die Rolle von William Franke, dem Vorsitzenden von WA Holdings, ist dabei nicht zu unterschätzen. Als US-Bürger und erfahrener Investor im Bereich der Billigflieger (unter anderem durch Indigo Partners) bringt er die notwendige Expertise und die politischen Kontakte mit, um den Antrag durch die komplexen bürokratischen Instanzen des US-Verkehrsministeriums zu steuern. Ein früherer Antrag aus dem Jahr 2022, der rein auf Frachtoperationen abzielte, war am Widerstand US-amerikanischer Pilotengewerkschaften gescheitert. Diese befürchteten einen Verfall der Lohnstandards durch das aggressive Kostenmodell der Wizz Air Gruppe. Der neue Antrag ist breiter gefasst und zielt auf den lukrativen Passagiermarkt ab.

Wettbewerbsdynamik auf dem Nordatlantik

Der Eintritt eines reinen Ultra-Low-Cost-Carriers könnte die Wettbewerbssituation zwischen den USA und Großbritannien fundamental verändern. Zwar gibt es zwischen London und New York eine enorme Fülle an Flugverbindungen, doch werden diese primär von Full-Service-Airlines wie British Airways, Virgin Atlantic, American Airlines oder United bedient. Auch JetBlue bietet Verbindungen an, positioniert sich jedoch eher im Premium-Segment. Ein echtes Billigmodell, das auf Zusatzleistungen und maximale Bestuhlung setzt, fehlt seit dem Ausscheiden von Anbietern wie Norwegian (in ihrer ursprünglichen Langstreckenform) weitgehend.

Wizz Air würde voraussichtlich Sekundärflughäfen oder weniger stark frequentierte Zeitfenster nutzen, um die Kosten niedrig zu halten. Sollte die britische Tochter erfolgreich starten, ist es wahrscheinlich, dass zu einem späteren Zeitpunkt auch die EU-Hauptgesellschaft Genehmigungen für Flüge aus Kontinentaleuropa beantragt. Dies würde besonders für Flughäfen in Mittel- und Osteuropa wie Budapest, Warschau oder Bukarest neue Perspektiven eröffnen. Aktuell sind diese Regionen im Transatlantikverkehr unterrepräsentiert, und Passagiere müssen meist über die großen Hubs in Westeuropa umsteigen.

Regulatorische Hürden und gewerkschaftlicher Widerstand

Trotz der technischen Machbarkeit bleibt der regulatorische Weg steinig. Das US-Verkehrsministerium prüft bei ausländischen Fluggesellschaften nicht nur die finanzielle Solidität und die Sicherheitsstandards, sondern auch die Einhaltung von Arbeitsrechten. US-Gewerkschaften wie die Air Line Pilots Association (ALPA) haben bereits in der Vergangenheit signalisiert, dass sie Billigflieger aus Europa kritisch beobachten, um ein „Race to the bottom“ bei den Arbeitsbedingungen zu verhindern. Wizz Air muss nachweisen, dass das Geschäftsmodell im Einklang mit den Bestimmungen des Open-Skies-Abkommens steht.

Der Ausgang dieses Verfahrens wird als richtungsweisend für die gesamte Branche angesehen. Gelingt Wizz Air der Durchbruch, könnten andere Günstiganbieter folgen, was den Preisdruck auf der Langstrecke massiv erhöhen würde. Für die Passagiere könnte dies bedeuten, dass Transatlantikflüge zu Preisen verfügbar werden, die bisher nur auf Kontinentalstrecken üblich waren, sofern sie bereit sind, auf den gewohnten Service klassischer Airlines zu verzichten. Die Entscheidung des Department of Transportation wird im Laufe des Jahres 2026 erwartet und könnte den Sommerflugplan 2027 bereits maßgeblich beeinflussen.

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