Boeing 787-10 (Foto: RuinDig/Yuki Uchida).
Redakteur
Letztes Update
Give a coffee
Informationen sollten frei für alle sein, doch guter Journalismus kostet viel Geld.
Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, können Sie Aviation.Direct freiwillig auf eine Tasse Kaffee einladen.
Damit unterstützen Sie die journalistische Arbeit unseres unabhängigen Fachportals für Luftfahrt, Reisen und Touristik mit Schwerpunkt D-A-CH-Region und zwar freiwillig ohne Paywall-Zwang.
Wenn Ihnen der Artikel nicht gefallen hat, so freuen wir uns auf Ihre konstruktive Kritik und/oder Ihre Hinweise wahlweise direkt an den Redakteur oder an das Team unter unter diesem Link oder alternativ über die Kommentare.
Ihr
Aviation.Direct-Team

Zertifizierung: Korean Airs neue Business Class in der Boeing 787-10 nur eingeschränkt nutzbar

Werbung

Die südkoreanische Fluggesellschaft Korean Air sieht sich kurz nach der Einführung ihrer neuen Business-Class-Sitzgeneration in der Boeing 787-10 Dreamliner mit unerwarteten betrieblichen Herausforderungen konfrontiert. Das Herzstück des neuen Premium-Angebots, die sogenannte „Prestige Suite 2.0“ mit ihren charakteristischen Schiebetüren zur Gewährleistung der Privatsphäre, kann von den Passagieren nicht bestimmungsgemäß genutzt werden. Grund dafür sind anhaltende Verzögerungen bei der Sicherheitszertifizierung durch die amerikanische Luftfahrtbehörde FAA. Die Türen der halbprivaten Suiten bleiben während des gesamten Flugbetriebs verriegelt und geöffnet, was zu Unmut bei Fluggästen und zu einer Schwächung der Wettbewerbsfähigkeit des neuen Produkts führt.

Korean Air hatte die „Prestige Suite 2.0“ im Juli des Vorjahres mit der Indienststellung der ersten Boeing 787-10 als zentrales Element ihrer Strategie zur Aufwertung des Langstreckenservice präsentiert. Obwohl die Sitze installiert sind und die Türen baulich vorhanden sind, können diese aufgrund fehlender endgültiger Sicherheitsfreigaben nicht geschlossen werden. Die Airline sieht sich in einer Zwangslage: Sie hat nach eigener Aussage keine andere Wahl, als auf die erforderliche behördliche Zulassung zu warten, eine Situation, die die betrieblichen Risiken im Zuge der Flottenerneuerung erhöht.

Die FAA-Regularien und die „90-Sekunden-Regel“

Das Kernproblem liegt in den strengen Sicherheitsanforderungen der FAA, insbesondere der Einhaltung der sogenannten „90-Sekunden-Regel“ für die Notfallevakuierung. Flugzeugsitztüren fallen unter Bauteile, die bei einer Notlandung oder einem Brand die freie Bewegung der Passagiere behindern könnten. Daher muss nachgewiesen werden, dass im Falle eines Notfalls alle Passagiere innerhalb von maximal 90 Sekunden das Flugzeug verlassen können.

Offenbar hat der Flugzeughersteller Boeing in seinen ursprünglichen Einreichungen zur Musterzulassung der 787-10 nicht ausreichend belegen können, dass die Türstruktur der „Prestige Suite 2.0“ diese strengen Anforderungen erfüllt. Vertreter des zuständigen südkoreanischen Ministeriums für Land, Infrastruktur und Verkehr bestätigten, dass die FAA Bedenken hinsichtlich der potenziellen Behinderung der Notbewegung durch die Türen hegt. Das bedeutet, dass die Verzögerung nicht auf ein technisches Problem bei Korean Air selbst zurückzuführen ist, sondern auf strukturelle und Designmängel, die der Hersteller im Zusammenspiel von Sitz und Flugzeugzelle beheben muss. Die Zertifizierung muss direkt vom Hersteller bei der FAA eingeholt werden.

Die Folgen für das Kundenerlebnis und die Marke

Die Unfähigkeit der Passagiere, die von ihnen bezahlte und beworbene Privatsphäre zu nutzen, führt bereits zu Beschwerden. Einige Kunden haben ihre Enttäuschung darüber geäußert, dass die Flugbegleiter keine separate, proaktive Erklärung für die Funktionsbeschränkung der Türen lieferten, obwohl sie einen Aufpreis für die verbesserte Business Class bezahlt hatten. Die Sitztüren, die ein Gefühl von unabhängigem, halbprivatem Raum schaffen sollen, bleiben damit nur ein formales Designmerkmal ohne die beabsichtigte funktionale Wirkung.

Die Auswirkungen auf Korean Air könnten über einfache Kundenbeschwerden hinausgehen. Professor Hwang Yong-sik von der Sejong-Universität warnte, dass eine schnelle Lösung des FAA-Zertifizierungsproblems unerlässlich sei, um schwerwiegende Konsequenzen für das Markenimage der Airline zu vermeiden. Die „Prestige Suite 2.0“ wurde als entscheidendes Unterscheidungsmerkmal und als Element der Premium-Strategie hervorgehoben. Wenn dieses Schlüsselelement dauerhaft eingeschränkt bleibt, könnte dies die Wettbewerbsfähigkeit des Produktes im globalen Langstreckenverkehr schwächen, insbesondere im Vergleich zu Konkurrenten, die voll funktionsfähige Private-Suite-Produkte anbieten.

Das Problem der integrierten Flugzeugplattform

Ein komplizierender Faktor in diesem Fall ist die Bauart der Boeing 787-10. Korean Air nutzt eine ähnliche Business-Class-Suite in ihren Boeing 777-300ER-Flugzeugen, wo die Türen einwandfrei funktionieren. Dies liegt daran, dass die 777-300ER flexibler nachträglich modifiziert werden konnte, beispielsweise durch die Umgestaltung ehemaliger First-Class-Bereiche.

Im Gegensatz dazu ist die 787-10 eine hochintegrierte Plattform, bei der Rumpfdesign, Verkabelung und Kabinenkonfiguration von Anfang an als Einheit konzipiert wurden. Dies bedeutet, dass strukturelle Änderungen zur Behebung des Problems – wie eine Modifikation des Türdesigns oder der Fluchtwege – eine Neuzertifizierung des gesamten Flugzeugtyps erfordern würden. Solche tiefgreifenden Änderungen sind in der Praxis zeitaufwendig, extrem kostspielig und nahezu unmöglich ohne eine umfassende Überarbeitung des Designs durch Boeing.

Die Abhängigkeit von Boeing in dieser Angelegenheit ist ein systemisches Risiko. Die Lösung des Problems liegt nicht in der Hand von Korean Air, die lediglich die Empfehlungen des Herstellers befolgt und auf die erforderliche FAA-Zulassung wartet. Boeing ist derzeit mit anderen Herausforderungen in seinen Zulassungsprozessen konfrontiert, und Faktoren wie der Prüfplan der FAA und mögliche temporäre Betriebseinstellungen der US-Bundesregierung (Shutdowns) können den Zeitplan zusätzlich unvorhersehbar verzögern.

Ausblick und strategische Überlegungen für Korean Air

Mit der schrittweisen geplanten Einführung von bis zu 25 787-10-Flugzeugen droht das Problem auf einen größeren Teil der Langstreckenflotte von Korean Air überzugreifen, sollte keine zeitnahe Lösung gefunden werden. Die Airline könnte gezwungen sein, strategische Entscheidungen zu treffen. Branchenexperten regen an, dass Korean Air den Lieferplan für weitere 787-10 möglicherweise überdenken oder die Auslieferungen verschieben sollte, bis Boeing die erforderlichen Designverbesserungen abgeschlossen hat und die volle Funktionalität des Business-Class-Produkts gewährleistet ist.

Die Situation verdeutlicht die Komplexität und die hohen Betriebsrisiken im Bereich der modernen Großraumflugzeuge. Trotz aller vertraglichen Zusicherungen sind Airlines letztendlich von der regulatorischen Freigabe durch Behörden wie die FAA abhängig. Die aktuelle Lage zwingt Korean Air, eine Balance zwischen der Bereitstellung eines Premium-Angebots und der Einhaltung strenger Sicherheitsvorschriften zu finden, während die Verantwortung für die Behebung des Designproblems klar beim Flugzeughersteller Boeing liegt.

Werbung

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..

Werbung