Kommentar: Die Krux mit der Kurzarbeit

Foto: Unsplash/Adeolu Eletu.
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Kommentar: Die Krux mit der Kurzarbeit

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Die Kurzarbeit wird immer wieder von Politik, Unternehmern, aber auch Gewerkschaften als Wundermittel zur Überwindung der Coronakrise dargestellt. Bislang konnten viele Arbeitsplätze so gerettet werden, doch gerade in der Luftfahrt zeigen sich vermehrt Schwachstellen, die von Arbeitgeberseite bei der Ausverhandlung von Kollektivverträgen nicht bedacht wurden.

In Österreich ist nur der Grundlohn von der Kurzarbeit erfasst. Das bedeutet, dass für die Berechnung keine variablen Gehaltsbestandteile herangezogen werden. Auch bei Austrian Airlines wirkt sich das besonders bei Flugbegleitern äußerst nachteilig auf dem Bankkonto aus, so dass einige Nebenjobs ausüben müssen. Da die Gastronomie schon länger geschlossen ist und keinerlei Aussicht auf eine baldige Öffnung besteht, ist die Situation besonders schwer. Bereits im Herbst machten die Gewerkschaft Vida und einige Medien auf diese komplizierte Situation aufmerksam. Vida-Fachgruppenobmann Daniel Liebhart verwies auf die Warnungen der vergangenen Jahre, denn im Falle einer Krise, die mittels Kurzarbeit überbrückt werden muss, sind die variablen Lohnbestandteile nicht erfasst. Das bedeutet, dass das reale Einkommen nicht etwa 80 Prozent beträgt, sondern deutlich darunter liegt, denn für das Arbeitsmarktservice sind aus gesetzlichen Gründen die variablen Teile nicht existent.

Auf Dauer ist das für Menschen in Kurzarbeit ein ernsthaftes Problem, denn die Löhne befanden sich bereits vor der Corona-Pandemie in einer Abwärtsspirale. Dies ist insbesondere dem harten Wettbewerb geschuldet. Während Austrian Airlines und deren Beschäftigte von der Kurzarbeit profitieren können, sieht es bei den Mitbewerbern Lauda Europe und Wizz Air noch härter für die Mitarbeiter aus. Diese haben ein Lohnsystem, das sich durch niedrige Grundlöhne kombiniert mit stunden- und/oder sektorabhänigen Bezahlungen auszeichnet. Der Löwenanteil des Verdienstes wird daher über die geleisteten Flugstunden generiert. Da aber wenig geflogen wird, fließt in vielen Monaten nur das Basis-Gehalt. Einige Wizz-Air-Flugbegleiter der Basis Wien erhalten daher mit etwa 755 Euro pro Monat keine sonderlich üppige Bezahlung, wie Aviation Direct berichtete. Diese Summe reicht auch in osteuropäischen Ländern nur schwer, um über die Runden zu kommen.

Immer mehr Betriebe sollen angeblich die Kurzarbeit missbrauchen

Es gibt aber auch einen Kontrast: Manche Firmen haben für ihre Beschäftigten Kurzarbeit angemeldet und beziehen für diese die staatliche Beihilfe. Tatsächlich wird Vollzeit gearbeitet und die Dreistheit geht soweit, dass den Behörden “runtergerechnete” Stundenzettel vorgelegt werden. In Deutschland soll es weit über 4.000 Hinweise über den Missbrauch von Kurzarbeit geben. Diese wurden laut Osnabrücker Zeitung bei diversen Arbeitsämtern namentlich eingebracht. Die Dunkelziffer dürfte jedoch wesentlich höher liegen, da in dieser Zahl die anonymen Hinweise gar nicht eingerechnet sind.

In Österreich drohen zwar Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) und andere Regierungsmitglieder, dass es beim Missbrauch von Kurzarbeit keine Gnade geben wird, doch aus Kreisen des Arbeitsmarktservice ist ein differenziertes Bild zu hören. Aufgrund der vielen Firmen, die sich in Kurzarbeit befinden und obendrein der Rekord-Arbeitslosigkeit fehlt den meisten Regionalstellen schlichtweg das Personal, um penibel genau prüfen zu können. Vor-Ort-Termine werden aufgrund der Pandemie nur in absoluten Ausnahmefällen gemacht und von ganz oben, sprich seitens der Regierung, soll auch eine gewisse Kulanz in Richtung “nicht mit Kanonen auf Spatzen schießen” bestehen.

Anders ist jedenfalls nicht zu erklären, dass auch in Österreich unzähligen Beschwerden von Arbeitnehmern, die eigenen Angaben nach Vollzeit eingesetzt werden, sich jedoch formal in Kurzarbeit befinden, nicht oder nur extrem langsam nachgegangen wird. Den Beamten des Arbeitsmarktservice, das auch vor der Corona-Pandemie als unterbesetzt galt, ist wohl kaum ein Vorwurf zu machen, denn der politische Wille fehlt offensichtlich.

Letztlich ist es auch eine moralische Frage, ob es fair ist Kurzarbeit zu kassieren, die betroffenen Mitarbeiter für weniger Geld Vollzeit einzusetzen und das obwohl das Geschäft ungeachtet der Pandemie brummt. Gegenüber jenen Betrieben, die von der Krise knallhart betroffen sind, ist es sicherlich nicht fair. Aber: Jene Mitarbeiter, die wegen der Kurzarbeit um Zulagen, variable Bestandteile und weitere Teile des Lohns, die bedingt durch die Beihilfemaßnahme nicht bezahlt werden müssen, haben es schwer über die Runden zu kommen. Das Bild ist daher durchaus bedrückend, denn viele – beispielsweise AUA-Flugbegleiter – wollen mehr arbeiten, können es aber wegen der weiterhin schwachen Nachfrage nicht und in anderen Branchen wird mutmaßlich trotz prallvoller Auftragsbücher und laut Betroffenen “mehr Arbeit denn je” Kurzarbeit durchgeführt.

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Jan Gruber ist Leitender Redakteur von Aviation.Direct. Zuvor war er seit 2012 in selbiger Funktion bei AviationNetOnline (vormals Austrian Aviation Net) tätig. Er ist auf Lowcost-Carrier, Regionalluftfahrt in der D-A-CH-Region und tiefgehende Recherchen spezialisiert.

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