Eine Whistleblower-Klage sorgt derzeit für Aufsehen in der Luftfahrtbranche, und United Airlines steht im Mittelpunkt. Ingrid Raganova, eine 52-jährige Flugbegleiterin der US-amerikanischen Fluggesellschaft, hat im Bundesstaat New Jersey Klage gegen ihren Arbeitgeber eingereicht.
Sie behauptet, dass sie aufgrund ihrer Berichte über Sicherheitsverstöße über einen Zeitraum von mehr als zwei Jahren systematisch belästigt und degradiert wurde. Diese Vorwürfe werfen ein Schlaglicht auf die Herausforderungen, mit denen sogenannte Whistleblower in großen Unternehmen konfrontiert sind, und zeigen die Schwierigkeiten auf, die bestehen, wenn interne Richtlinien mit externen Auflagen kollidieren.
Sicherheitsverstöße und Schikanen: Die Vorwürfe im Detail
Ingrid Raganova, die seit mehr als 27 Jahren als Flugbegleiterin bei United Airlines tätig ist, gab an, dass sie während ihrer Arbeit wiederholt Sicherheitsmängel und Verstöße gegen die Vorschriften der Federal Aviation Administration (FAA) beobachtete. Zu den von ihr gemeldeten Verstößen gehörten unter anderem die Verwendung von Mobiltelefonen und Tablets durch Kollegen während des Starts und Landens – eine eindeutige Verletzung der FAA-Regeln, die strikte Vorschriften zum Gebrauch elektronischer Geräte während kritischer Phasen des Fluges festlegt.
In einem Fall meldete Raganova, dass ein Kollege während des Starts eine Textnachricht verschickte – ein Verstoß, der besonders besorgniserregend ist, da die volle Aufmerksamkeit der Besatzung in diesen Momenten erforderlich ist. In einem anderen Vorfall beobachtete sie einen Flugbegleiter, der während eines internationalen Fluges Kopfhörer trug und ein iPad nutzte, was gegen die Richtlinien der Fluggesellschaft verstößt. Diese Berichte, so Raganova, führten jedoch nicht zu internen Untersuchungen, sondern setzten sie selbst dem Zorn ihrer Kollegen und Vorgesetzten aus.
Vergeltungsmaßnahmen und Degradierung
Statt ihre Berichte ernst zu nehmen, sei die Fluggesellschaft gegen sie vorgegangen, behauptet Raganova. Sie wurde von ihrer Position als internationale Zahlmeisterin degradiert, eine Rolle, die mit höheren Verantwortlichkeiten und einem besseren Gehalt verbunden war. Diese Degradierung bedeutete nicht nur eine Gehaltseinbuße, sondern gefährdete auch ihre berufliche Stellung. Die Maßnahme dauerte 18 Monate und hatte laut Raganova gravierende Auswirkungen auf ihre Karriere.
Zusätzlich zu den beruflichen Konsequenzen, mit denen sie konfrontiert wurde, spricht Raganova von einer zunehmend feindseligen Arbeitsumgebung. Sie berichtet von Kollegen, die sich ihr gegenüber feindselig verhielten, obwohl sie einige von ihnen zuvor nie gesehen hatte. Dies deutet darauf hin, dass die internen Spannungen durch ihre Whistleblower-Tätigkeit weiter angeheizt wurden.
Ein besonders schwerwiegender Vorwurf in Raganovas Klage betrifft ein Massenposting, das am 1. Juni 2023 über soziale Medien verbreitet wurde und in dem sie als „Snitch“ (Spitzel) bezeichnet wurde. Dieses Posting, das an mehr als 25.000 United Airlines-Mitarbeiter verteilt wurde, enthielt ein Bild von Raganova und den Hinweis, dass sie „Flugbegleiter gerne meldet und belästigt“. Dies stellt eine erhebliche Verletzung ihrer Privatsphäre und ihres Ansehens dar und verstärkte das feindselige Arbeitsumfeld, dem sie ausgesetzt war.
Rechtlicher Rahmen: Schutz für Whistleblower
Raganova beruft sich in ihrer Klage auf das Whistleblower-Gesetz von New Jersey, das als Conscientious Employee Protection Act (CEPA) bekannt ist. Dieses Gesetz schützt Arbeitnehmer, die Sicherheits- oder Rechtsverstöße melden, vor Vergeltungsmaßnahmen. Fälle wie dieser verdeutlichen die Notwendigkeit eines effektiven rechtlichen Schutzes für Whistleblower, die oft zwischen ihrer beruflichen Integrität und den möglichen persönlichen Konsequenzen abwägen müssen.
Die Luftfahrtindustrie, die aufgrund ihrer strengen Sicherheitsvorschriften besonders sensibel auf solche Vorwürfe reagieren muss, steht hier vor einer schwierigen Herausforderung. Der Fall zeigt, dass interne Meldewege oft nicht ausreichen, um solche Probleme zu lösen, und dass Whistleblower oft mit schweren persönlichen und beruflichen Konsequenzen konfrontiert werden.
Der Fall von Ingrid Raganova beleuchtet nicht nur die potenziellen Sicherheitsrisiken in der Luftfahrtindustrie, sondern auch die Herausforderungen, denen sich Whistleblower gegenübersehen. Während United Airlines sich zu den Vorwürfen bisher nicht öffentlich geäußert hat, könnte dieser Fall weitreichende Folgen für die Art und Weise haben, wie Unternehmen mit internen Berichten über Sicherheitsmängel umgehen. Für Raganova steht jedoch bereits fest, dass sie für ihre Bemühungen, die Sicherheit an Bord zu erhöhen, einen hohen persönlichen Preis gezahlt hat.
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