Im Test: Das ist ITA Airways – aka “neue Alitalia”

Alitalia soweit das Auge reicht (Foto: Jan Gruber).
Alitalia soweit das Auge reicht (Foto: Jan Gruber).

Im Test: Das ist ITA Airways – aka “neue Alitalia”

Alitalia soweit das Auge reicht (Foto: Jan Gruber).
Werbung

Seit Freitag ist die “neue Alitalia”, die kurzerhand beschlossen hat doch als “ITA Airways” aufzutreten in der Luft. Am Samstag führte der Carrier den offiziellen Erstflug auf der Strecke Rom FCO-Luqa durch. Dieser Anlass wurde für einen “Testflug” genutzt.

Die Homepage von Ita wirkt nicht nur auf den ersten Blick sehr provisorisch, sondern auch das Buchen von Flugtickets gestaltete sich bis zuletzt durchaus kompliziert. Mit manchen Browsern war die Buchungsmaske gar nicht anwählbar oder der Vorgang endete in einem Sammelsurium von Fehlermeldungen.

Ticketbuchung und Web-Check-in können herausfordernd sein

Hat man es endlich geschafft einen Flugschein zu kaufen, so blühte beim Web-Check-in schon die nächste negative Überraschung. Dieser funktioniert in manchen Browsern nicht und auch sprachlich war es eine Mischung aus Italienisch und Englisch. Verlangt wird, dass man unter dem Deckmantel “Corona” diverse Daten für eine Art “Selbsterklärung” angibt. Das Formular war dermaßen verbuggt, so dass es erst auf den fünften Anlauf eine Bordkarte ausgespuckt hat.

Im Gegensatz zum Branchenstandard handelt es sich um ein simples PDF. Die angepriesene mobile Bordkarte wurde nicht zugestellt. Zwar ist diese im E-Mail erwähnt, jedoch schlichtweg nicht vorhanden. Während dem Web-Check-in wurde der Flug übrigens als “operated by Alitalia” ausgewiesen. Auf der Einsteigekarte mit ITA-Logo findet sich deren Markenzeichen. In allen sonstigen Unterlagen ist stets die Rede von “operated by ITA”.

Die Rechte am Brand Alitalia sicherte man sich für rund 90 Millionen Euro. Diese nutzt man auch temporär, um sich bei der Umlackierung von Flugzeugen und für die Beschaffung neuer Uniformen mehr Zeit zu verschaffen. Anschließend will man in blauer Livery als ITA Airways auftreten. Momentan ist es eine Mischung aus allem. Offiziellen Angaben nach hat man die Marke Alitalia nur gekauft damit sie kein Mitbewerber nutzen kann.

Im billigsten Economy-Tarif gibt es keine freie Platzwahl. Der Sitz wird zugeteilt und kann nur gegen eine Gebühr geändert werden. Beim Testflug machte diese zehn Euro aus. Bemerkenswerterweise kostet jeder Platz gleich viel, d.h. auch in der ersten Reihe und in der Exit-Row wurde dieser Preis verlangt. Der Kauf war aber nicht möglich, denn bis zur Eingabe der Kreditkartendaten kam es gar nicht, denn das Online-Check-in-System verabschiedete sich in eine Verkettung von Fehlermeldungen.

Ex-Alitalia Lounges weiterhin geschlossen

Eigene Lounges unterhält man derzeit nicht. Jene von Alitalia sind schon lange geschlossen. Man verweist Business-Passagiere auf die Partner-Lounges. In Rom-FCO sind momentan nur zwei im Bereich E geöffnet. Normalerweise wird dieser für Non-Schengen-Flüge genutzt, aber seit einigen Monaten für Schengen. Jene im Bereich A sind übrigens weiterhin nicht in Betrieb und die Beschilderung wurde abgeklebt. Funfact: Die Premium-Plaza Lounge ermöglicht das Bestellen warmer Speisen per Smartphone. Dazu ist der QR-Code am Tisch zu scannen und dann öffnet sich ein Bestellmenü, das durchaus umfangreich ist. Die vergleichsweise großen Portionen werden dann vom Personal serviert.

Generell muss sich in Rom noch viel einspielen, denn Personal in Uniform oder Warnweste mit Alitalia ist überall anzutreffen, aber so ganz hat man es noch nicht verinnerlicht, dass man jetzt als ITA fliegt. Wie denn auch, wenn überall – selbst auf den Flugzeugen – noch das Alitalia-Logo zu sehen ist? Schon fast lustig: Auf den Screens ist der Schriftzug ITA zu sehen, aber aus den Lautsprechern ist Alitalia zu hören. Für Passagiere, die wenig fliegen und sich mit der Materie nicht auskennen, kann das ziemlich verwirrend sein.

Copy-and-Paste-Safety-Cards und abgerockte Kabine

Durchgeführt wurde der Erstflug mit der EI-DTO. Diese Maschine wurde von Alitalia übernommen, was auch ganz offensichtlich ist. Das Design und die Logos des Vorgängers sind omnipräsent. Auch die Besatzung trug Alitalia-Dienstkleidung. Die Safetycards wurden bereits ausgetauscht, jedoch war man nicht sonderlich gründlich, denn zum Teil fanden sich in den Sitztaschen sowohl welche mit Alitalia-Logo als auch mit “ITA s.p.a.”. 

Wenig überraschend hat man die Sicherheitskarten regelrecht kopiert, denn das Ausstellungsdatum und sogar die Materialnummer sind ident. Der einzige Unterschied ist das Logo. In der Slideshow sind jene von Alitalia und jene von ITA nebeneinander gelegt. Auch sonst weist an Bord rein gar nichts auf den neuen Betreiber hin. Das Personal vermische in den Durchsagen regelmäßig ITA und Alitalia. Kein Wunder, denn selbst auf den Servietten ist das altbekannte Alitalia-Logo zu sehen.

Die Kabine befand sich in einem erbärmlichen Zustand, der eher an windige Charter-Airlines aus Urlaubsländern erinnerte als an Italiens Staatscarrier, der mit Premium-Anspruch fliegen will. Die Sitze waren nicht nur ausgesessen, sondern das Kunstleder hatte in manchen Reihen deutlich sichtbare Risse. Da Alitalia seinerzeits zu geizig für Screens in den Sitzen war, sind nur Abdeckungen vorhanden. Zum Teil sind diese kurz vor dem Herausfallen. Selbiges gilt auch für Abdeckungen der Overhead-Panels. Als exemplarisches Muster wurde eine solche Unschönheit in die Slideshow gepackt.

Die Sauberkeit der Maschine war “grenzwertig”. Von “verdreckt” sollte man im Bereich der Sitze nicht sprechen, aber mit sonderlicher Mühe wurde die Maschine definitiv nicht gereinigt. In den Sitztaschen Hinterlassenschaften von vorherigen Passagieren, Fensterscheiben, die von außen stark zerkratzt und von innen verschmiert sind sowie Kekskrümel auf den Sitzen und am Boden. Eine U.S.-amerikanische Passagierin hatte von “Joker” gezogen und ihr Sitz war voller Krümel und Abfall. Sie bestand darauf, dass die Crew diesen putzt, jedoch nahm man lediglich den Müll mit und händigte der Dame eine Rolle Klopapier aus. Sie könne es selber putzen oder soll sich woanders hinsetzen. Die Überheblichkeit der Crew zog sich über den gesamten Flug hinweg durch.

Keine Desinfektionstücher, verschmutzte Toilette

In Zeiten von Corona fast denkunmöglich, aber wahr: Das wahre Grauen zeigte sich in einer der beiden Heck-Toiletten. Die Belüftung war sehr verstaubt, die Kloschüssel verschmutzt und der Bereich des Waschbeckens glich einem Schlachtfeld des Ekels. Wenigstes waren die anderen stillen Örtchen sauber. Beschwerden der Passagiere wurden mit italienischer Gelassenheit nach dem Motto “geht mich nix an” abgewimmelt.

Beim Boarding wurden auch keine Desinfektionstücher ausgegeben. Auf Nachfrage von Passagieren erklärte ein Steward, dass man solche gar nicht habe. Diese Maschine hätte die Tücher auch ganz ohne Corona bitter notwendig gehabt. Die Kabine ist sinnbildlich für Alitalia: Abgerockt und niemand kümmerte sich ernsthaft darum. Und nun landete die EI-DTO in diesem einem Staatscarrier nicht würdigem Zustand bei ITA und man hat offensichtlich nicht mal einen Staubsauger in die Hand genommen.

ITA Airways serviert an Bord der Kurzstreckenflüge auch in der Economy-Class kostenfreies Catering. Dieses ist nicht sonderlich umfangreich und besteht aus einer kleinen Flasche Wasser und einer Packung Kekse. Alternativ kann man auch Tee oder Kaffee haben, aber die Mehrheit der Fluggäste entschied sich angesichts der grenzwertigen Sauberkeit der Kabine für die abgepackte Wasserflasche.

Die Auslastung des Erstflugs von Rom nach Luqa war sinnbildlich für die eingangs geschilderten Hürden beim Ticketkauf. An Bord befanden sich nur etwa 20 Passagiere, was beim Maschinentyp Airbus A320 nicht gerade berauschend ist. Schräges Detail: Business-Passagiere hatte man überhaupt keine, jedoch zog die Crew dennoch die Klassentrenner zu.

ITA macht so weiter wie Alitalia aufgehört hat

Erwähnenswert erscheint auch, dass sich der Flughafen Rom-FCO sichtlich schwer damit tut die Beschilderung so anzupassen, dass Reisende auch den gewünschten Ort im Terminal finden. Derzeit werden Bereiche, die eigentlich für Non-Schengen-Flüge genutzt werden, temporär für Schengen-Flüge genutzt. Das heißt aber noch lange nicht, dass beispielsweise dort wo “WC” beschildert ist, auch tatsächlich eines ist oder die angeschriebene Lounge existiert. Auch viele andere Örtlichkeiten enden vor verschlossenen Türen oder im Nirgendwo. Hier sollte der FCO dringend nachbessern, denn es ist verwirrend.

ITA Airways erweist sich wenig überraschend als Eins zu Eins Abklatsch von Alitalia. Die EI-DTO hatte nicht einmal einen “operated by ITA”-Sticker. Die kopierten Safety-Karten sind sinnbildlich für den momentanen Status des neuen Staatscarriers. Dieser macht genauso weiter wie Alitalia aufgehört hat. Für Passagiere ist es wenig hilfreich, dass man optisch mit Alitalia konfrontiert ist und ab und an kurz mal das Wort ITA zu hören bekommt. Der Zustand der Kabine war einem Staatscarrier mit Premium-Anspruch unwürdig und gerade in Zeiten von Corona sollte diese zumindest sauber sein. Selbst das war nicht der Fall.

Video vom Start des Fluges

Video von der Landung des Fluges

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Redakteur dieses Artikels:

Jan Gruber ist Leitender Redakteur von Aviation.Direct. Zuvor war er seit 2012 in selbiger Funktion bei AviationNetOnline (vormals Austrian Aviation Net) tätig. Er ist auf Lowcost-Carrier, Regionalluftfahrt in der D-A-CH-Region und tiefgehende Recherchen spezialisiert.

Paywalls mag niemand
– auch Aviation.Direct nicht!

Informationen sollten frei für alle sein, doch guter Journalismus kostet viel Geld.

Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, können Sie Aviation.Direct freiwillig auf eine Tasse Kaffee Kaffee einladen.

Damit unterstützen Sie die journalistische Arbeit unseres unabhängigen Fachportals für Luftfahrt, Reisen und Touristik mit Schwerpunkt D-A-CH-Region und zwar freiwillig ohne Paywall-Zwang.

Wenn Ihnen der Artikel nicht gefallen hat, so freuen wir uns auf Ihre konstruktive Kritik und/oder Ihre Verbesserungsvorschläge wahlweise direkt an den Redakteur oder an das Team unter unter diesem Link oder alternativ über die Kommentare.

Ihr
Aviation.Direct-Team
Paywalls
mag niemand!

Über den Redakteur

Jan Gruber ist Leitender Redakteur von Aviation.Direct. Zuvor war er seit 2012 in selbiger Funktion bei AviationNetOnline (vormals Austrian Aviation Net) tätig. Er ist auf Lowcost-Carrier, Regionalluftfahrt in der D-A-CH-Region und tiefgehende Recherchen spezialisiert.

Paywalls mag niemand
– auch Aviation.Direct nicht!

Informationen sollten frei für alle sein, doch guter Journalismus kostet viel Geld.

Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, können Sie Aviation.Direct freiwillig auf eine Tasse Kaffee Kaffee einladen.

Damit unterstützen Sie die journalistische Arbeit unseres unabhängigen Fachportals für Luftfahrt, Reisen und Touristik mit Schwerpunkt D-A-CH-Region und zwar freiwillig ohne Paywall-Zwang.

Wenn Ihnen der Artikel nicht gefallen hat, so freuen wir uns auf Ihre konstruktive Kritik und/oder Ihre Verbesserungsvorschläge wahlweise direkt an den Redakteur oder an das Team unter unter diesem Link oder alternativ über die Kommentare.

Ihr
Aviation.Direct-Team
Paywalls
mag niemand!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Werbung