Im Test: Die neue Bees Airline aus der Ukraine

Boeing 737-800 (Foto: Jan Gruber).
Boeing 737-800 (Foto: Jan Gruber).

Im Test: Die neue Bees Airline aus der Ukraine

Boeing 737-800 (Foto: Jan Gruber).
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Seit 12. März 2021 ist Bees Airline offiziell eine Fluggesellschaft, denn an diesem Tag hat man AOC und Betriebsgenehmigung seitens der Luftfahrtbehörde der Ukraine erteilt bekommen. Seither baut der neue Player sein Streckennetz sukzessive aus.

Das Geschäftsmodell von Bees Airline basiert auf einer Mischung aus Charter- und Linienflügen. So ist man für zahlreiche Reiseveranstalter ab ukrainischen Airports unterwegs und verbindet diese beispielsweise mit Rhodos. Auf der Linie setzt man auf einen Mix aus touristischen Destinationen und Nischen-Routen, die es zuvor ab Kiew-Schuljany, Kherson, Lviv, Mykolaiv und Odessa nicht gab.

Dabei zeigt Bees Airline dem Mitbewerber Wizz Air auch klar die Grenzen auf, denn man bietet Routen, die nicht in die Europäische Union führen, an. Selbstverständlich hat die Neugründung auch EU-Ziele im Angebot und kündigte erst kürzlich Helsinki ab Kiew-Schuljany an, doch zum Beispiel Batumi, Smarkand, Tiflis und Eriwan darf der Mitbewerber mangels ukrainischem AOC gar nicht bedienen.

In vergangenen Zeiten unterhielt Wizz Air in Kiew-Schujany eine lokale Tochtergesellschaft, mit der auch Non-EU-Destinationen angeboten wurden. Gegen Beginn der Ukraine-Krise wurde diese ausgelöst. Immer wieder gibt es Überlegungen diese zu reaktiveren, aber da war Bees Airline, zumindest am innerstädtischen Airport Kiew-Schujany, schneller.

Derzeit kein Bordverkauf, dafür kostenlose Wasserflaschen

Die Frage, ob Bees Airline eine Billigfluggesellschaft oder ein klassischer Liniencarrier ist, lässt sich derzeit nur schwer beantworten. Das durchschnittliche Preisniveau liegt über jenen der Ultra-Lowcost-Konkurrenz, jedoch bittet man ähnlich wie Wizz Air, Ryanair oder Austrian Airlines für fast jedes Extra zur Kasse. Immerhin: Man erlaubt beim Handgepäck das IATA-Standardmaß ohne Aufpreis. An Bord der Linienflüge will man in Zukunft Paid-Catering anbieten. Es besteht zumindest in der Theorie auch die Möglichkeit vorab warme Speisen zu buchen, jedoch wurde dies auf dem Testflug nicht angeboten.

Boeing 737-800 (Foto: Jan Gruber).

Ob es eine Einschränkung aufgrund der Corona-Pandemie ist oder aber ob man den Bordverkauf noch nicht ausgerollt hat, konnte der Carrier nicht schlüssig beantworten. Jedenfalls bekommt derzeit jeder Fluggast eine Flasche Wasser (0,5 Liter) kostenfrei. Wer großen Durst hat, kann von den Flugbegleitern auch eine zweite ausgehändigt bekommen, jedoch gibt es derzeit kein Kaufangebot und auch keine weitergehenden Verpflegungsleistungen.

Beim Kabinenpersonal kommt es beim Outfit stark auf das Geschlecht an, denn die männlichen Flugbegleiter treten in grauen Anzügen mit Krawatte auf. Sonderlich kreativ wirkt das Design der Anzüge nicht, eher wie Standardware von der Stange. Ganz anders ist es bei den Damen, die eine sehr elegante Kombination aus grau und gelb tragen. Die Kleidung der weiblichen Flugbegleiter wirkt professionell und gleichzeitig sieht man, dass sich der Designer und/oder Schneider überlegt hat wie man entfernt an eine Biene erinnern kann und gleichzeitig die Trägerin vertrauenswürdig erscheinen lassen kann. Dieser Spagat ist Bees Airline gut gelungen.

Crew setzt Corona-Maßnahmen um

Während dem Bordservice tragen Flugbegleiter beider Geschlechter aufgrund der Corona-Pandemie Gummihandschuhe, die offensichtlich regelmäßig gewechselt werden. Um die Uniformen zu schützen, werden zusätzlich Schürzen übergezogen. Beim Austeilen von Wasserflaschen dürfte dies eher entbehrlich. Desinfektionstücher wurden beim Testflug sowohl beim Einsteigen ausgegeben als auch ging das Kabinenpersonal nochmals mit einem Korb durch und bot diese proaktiv an.

Die Besatzung auf dem Testflug von Eriwan nach Odessa konnte sich bestens auf Ukrainisch, Englisch und Russisch mit den Passagieren verständigen. Die Durchsagen waren auch in der englischen Sprache jederzeit klar und deutlich zu verstehen, was auch bei westlichen Fluggesellschaften nicht immer selbstverständlich ist.

Baugleiche Sitze wie bei Lauda Europe verbaut

Die Kabine der Boeing 737-800-Flotte erinnert nicht mehr an die vorherigen Operators. Vor dem Einsatz bei Bees Airlines haben diese neue Sitze aus dem Hause Zodiac bekommen. Diese sind baugleich mit jenen, die Lauda Europe in der A320-Flotte einsetzt. Lediglich die Farbe ist anders, denn der ukrainische Carrier nutzt dunkelblau, das ein wenig aussieht wie bei Ryanair. Der irische Lowcoster hat in den jüngsten Maschinen ebenfalls Sitze von Zodiac, die aber keine Sitztaschen haben und obendrein unnötige Kunststoffabdeckungen haben. Letztere sind weder bei Lauda, noch bei Bees vorhanden, Sitztaschen aber schon. Die Sitze sind völlig in Ordnung.

B737-Kabine von Bees Airline (Foto: Jan Gruber).

Grundsätzlich ist auch die Möglichkeit vorhanden, dass die Kabine mit Hilfe von Vorhängen in Business Class und Economy aufgeteilt werden kann. Auf der Linie bietet man nur eine Klasse an. Das Vorhandensein der Vorhänge ist leicht erklärt: Auf einigen Charterstrecken haben die Tour Operator eine Zweiklassen-Konfiguration gebucht. Auch das Catering ist gänzlich anders, wenn im Auftrag eines Reiseveranstalters geflogen wird.

Derzeit vier Boeing 737-800 im Einsatz

Die Flotte der Bees Airlines besteht derzeit aus vier Boeing 737-800. Diese haben ein Durchschnittsalter von 11,8 Jahren und sind auf dem Flughafen Kiew-Schuljany stationiert. Die so genannten dezentralen Strecken ab anderen Airports der Ukraine werden momentan ausschließlich im W-Pattern angeflogen. Bei Charterflügen kommt es teilweise auch zu Nightstops, wobei ein Blick in den Flugplan zeigt, dass der Carrier bestrebt ist nach Möglichkeit rund um die Uhr zu fliegen.

Und hier kommt schon die nächste Besonderheit: Dem Chartergeschäft räumt man jetzt im Sommer eine höhere Priorität ein als der eigenen Linie. Deswegen wird der Löwenanteil der eigenwirtschaftlich bedienten Routen nachts geflogen. Auf die Auslastung scheint das keinen Einfluss zu haben, denn Bees Airlines erfreut sich einer sehr guten Buchungslage. Der Testflug war komplett ausgebucht.

Boeing 737-800 (Foto: Jan Gruber).

Fast alle Extraleistungen nur am Check-in-Schalter erhältlich

Das Produkt, das der neue Carrier auf der Linie anbietet, ist grundsolide und professionell. Kritikpunkte liegen aber eher im „Drumherum“. Es gibt zwar verschiedene Tarife, die Gepäck beinhalten oder aber nicht, jedoch kann man derzeit nur Sitzplätze vorab reservieren. Wer also einen zusätzlichen Koffer braucht oder nachträglich draufkommt, dass man doch nicht ohne Gepäckstück unterwegs sein wird, kann die Gebühr ausschließlich am Check-In-Schalter bezahlen. Für Passagiere, die sich eher unsicher sind, ist das nicht gerade optimal.

Einen Web-Check-in sucht man bei Bees Airlines vergeblich, denn man hat noch keinen. Dies begründet man auch mit der Corona-Pandemie und dem Umstand, dass die Dokumente in viele Länder vom Bodenpersonal geprüft werden müssen. Somit müssen alle Passagiere sowieso zum Schalter und das macht das das Fehlen des Internet-Check-ins halb so wild. Die Kosten für Extra-Gepäck bzw. –Handgepäckstücke halten sich in eng gesteckten Grenzen zwischen sieben Euro und 15 Euro.

Beim Thema Bezahlung ist auf der Homepage von Bees Airline in gewisser Weise Vorsicht geboten, denn die angebotene Möglichkeit in Euro oder Dollar statt Griwna zu bezahlen, hat seinen Preis. Mit Hilfe grottenschlechter Wechselkurse wird ein Körberlgeld generiert, das bis zu zehn Euro ausmachen kann. Daher der generelle Tipp: Eine Kredit- oder Debit-Karte nutzen, die kein Auslandseinsatzentgelt hat und immer in der Landeswährung bezahlen.

Fazit

Wer Hummer und Champagner erwartet ist bei Bees Airline komplett falsch. Wer aber zu einem erschwinglichen, wenn auch nicht spottbilligen Preis, von A nach B fliegen möchte, ist bei diesem Carrier richtig. Das Tarifsystem und die Preise für Extraleistungen wie Zusatzkoffer sind simpel und leicht verständlich. Auch zeichnet man sich durch gefühlt als fair empfundene Gebühren aus, die im Gegensatz zu anderen Fluggesellschaften fix sind und damit nicht von irgendeinem Kaufzeitpunkt abhängig sind.

Bees Airline kann für Personen, die sich selbst Umsteigeflüge auf eigenes Risiko (z.B. bei Verspätungen) zusammenstellen, eine interessante Option sein. Das Streckennetz ab der Ukraine bietet interessante Ziele in Richtung ehemaliger Sowjet-Staaten an, die ab Deutschland oder Österreich nur mühsam oder teuer erreichbar sind. Die Kombination mit einem Billigflieger, der ans Zubringer genutzt wird, ist eine überlegenswerte Option, um das Reisebudget zu schonen. Dies hängt aber immer vom Einzelfall und dem tatsächlichen Angebot am Buchungstag ab.

Über die „Qualität“ des Fluges lässt sich nicht viel schreiben, denn die Crew brachte alle Passagiere pünktlich und sicher von Eriwan nach Odessa und wirkte trotz der nächtlichen Uhrzeit stets freundlich, bemüht und motiviert. Vielleicht würde Bees Airline gut damit fahren, wenn man auch den männlichen Flugbegleitern eine ähnlich elegante Uniform gönnen würde wie deren weiblichen Kolleginnen.

Hinweis: Die Fluggesellschaft Bees Airline hat auf diesen Produkttest keinen Einfluss genommen. Die Kosten der Dienstreise wurde von Aviation Direct Operations, San Pawl, getragen. Es weder Vergünstigungen noch Freitickets angenommen.

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Jan Gruber ist Leitender Redakteur von Aviation.Direct. Zuvor war er seit 2012 in selbiger Funktion bei AviationNetOnline (vormals Austrian Aviation Net) tätig. Er ist auf Lowcost-Carrier, Regionalluftfahrt in der D-A-CH-Region und tiefgehende Recherchen spezialisiert.

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