JCO: Ein Heliport, der für Schweine gebaut wurde

Comino Heliport (Foto: Jan Gruber).
Comino Heliport (Foto: Jan Gruber).

JCO: Ein Heliport, der für Schweine gebaut wurde

Comino Heliport (Foto: Jan Gruber).
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Die meisten Heliports werden primär von VIPs, Rettungsdiensten oder aber von behördlichen Organisationen wie Polizei oder Militär genutzt. Schweine zählen normalerweise nicht zu den Nutzern, doch es gibt in Europa einen Heliport, der explizit für das Ein- und Ausfliegen von Schweinen gebaut wurde. Noch dazu hat dieser einen offiziellen IATA-Code.

Eine kleine Insel im Mittelmeer, auf der sich ein einziges Hotel befindet, das momentan umgebaut wird und künftig als Luxushotel auftreten soll, und ein Heliport würden auf den ersten Blick gut zusammenpassen. Betuchte Kundschaft könnte so schnell und stilvoll einfliegen. Doch weit gefehlt, denn ohne gescheitem Geländewagen ist der Comino Heliport nur mittels langem Fußmarsch zu erreichen.

Während der Heliport auf der Nachbarinsel Gozo durchaus bekannt ist, jedoch nur noch für Rettungsflüge genutzt wird, ist jener mit dem IATA-Code JCO auch Einheimischen kaum ein Begriff. Das durchaus zurecht, denn der Hubschrauber-Landeplatz befindet sich sprichwörtlich mitten im Nirgendwo und hat noch dazu überhaupt keine Infrastruktur. Selbst die Windhose ist schon lange dahin und wurde nicht mehr erneuert.

Lost Place aus dem Bilderbuch direkt neben dem Landeplatz

Die Nachbarschaft des Comino Heliports ist auch nicht gerade einladend. In unmittelbarer Fußnähe befindet sich eine verlassene Schweinefarm, die alle Kriterien eines Lost Places erfüllt. Anders ausgedrückt: Der Landeplatz befindet sich ein paar Meter oberhalb von Ruinen und passt angesichts seines Zustands auch perfekt in die Umgebung.

Schnell stellt sich die Frage wozu man an einer abgelegenen Stelle einer Insel, auf der offiziell nur noch zwei Menschen wohnen, einen Heliport gebaut hat. Noch dazu kommt, dass die beiden Bewohner rein gar nichts vom Landeplatz haben, denn dieser befindet sich sehr weit von diesen entfernt und ist nur durch eine Wanderung oder mit einem guten Geländewagen erreichbar. Letzteres muss man gar ein wenig einschränken, denn die ehemalige Schweinefarm müsste dazu durchfahren werden und angesichts von Trümmern und Gerümpel ist die nicht befestigte Straße eher unbefahrbar. Offensichtlich wird das auch zwischen dem einstigen landwirtschaftlichen Betrieb und dem Heliport, denn die Natur hat sich den einstigen Fahrweg längst zurückgeholt.

Stillgelegt wurde der Comino Heliport aber nie, so dass dieser weiterhin als aktiver Landeplatz für Hubschrauber mit dem Code JCO geführt wird. Irgendwann hat man sogar mal die Markierungen auf der maroden Betonplatte nachgezogen. Unerklärlich, aber wahr: Irgendjemand hat doch glatt auf dem Comino Heliport alte Autoreifen “entsorgt”. Ganz schön schräg, wenn man bedenkt wie umständlich dieser eigentlich erreichbar ist.

Ansonsten besteht der Landeplatz nur noch aus einer Betonplatte, einem leeren Regenwassertank – wozu dieser auch immer dienen soll, denn selbst der Deckel fehlt, einer Einfriedung in der Höhe eines normalen Gartenzauns und den Überresten eines ehemaligen Windanzeigers. Strom oder gar Beleuchtung gibt es keine mehr, denn die Leitung ist offensichtlich schon lange ohne Kabel. Teilweise stehen die Masten aber noch. Der Zaun ist übrigens auch mehr oder weniger sinnlos, denn das Tor ist offen und mittlerweile so sehr von der Witterung in Mitleidenschaft gezogen, dass es ohnehin nicht mehr geschlossen werden kann. Der Comino Heliport ist frei zugänglich und irgendeine Beschilderung, die das untersagen würde, gibt es nicht. Die Überreste kleiner Gebäude kann man noch am Boden erkennen.

Heliport exklusiv für Schweine

Wozu hat man eigentlich diesen Heliport, der mitten in der Pampa wie ein Lost Place wirkt, gebaut? Wie eingangs erwähnt: Er wurde nicht für Menschen, sondern für Schweine errichtet. Diese wurde Ende der 1970er auf Comino errichtet und beherbergte zu Spitzenzeiten bis zu 6.000 Schweine. 

Hintergrund war, dass eine Krankheitswelle fast den gesamten maltesischen Schweinebestand ums Leben brachte. Daher baute man auf der schon damals nur wenig besiedelten Insel Comino eine große Schweinefarm. Die Tiere wurden aus anderen Ländern direkt auf den Heliport eingeflogen oder aber beispielsweise aus Schweden via Luqa. Aus Sorge um die Einschleppung möglicher Krankheiten wurden diese am einzigen Flughafen des Landes aus Flugzeugen in Helikopter umgeladen und nach Comino gebracht. Diese Praxis behielt man noch bis in die 1990er und Anfang der 2000er bei. Umgekehrt wurden so auch Schweine exportiert. Gelegentlich wurden so auch Futtermittel zur Farm gebracht.

Diente die Anlange anfangs auch noch der “Produktion” von Fleisch, züchtete man später nur noch Tiere und gab sie dann an Landwirte auf Gozo und Comino ab. Eigentümer war stets der Staat Malta, wobei das Areal an einen privaten Betreiber verpachtet war. In 2009 wurde dann beschlossen, dass die Zusammenarbeit nicht mehr verlängert wird und bereits damals war der Bestand auf “nur” noch 1.200 Schweine reduziert worden. Im Jahr 2011 kam dann das endgültige Aus, denn eine Nachfolgeanlage wurde auf der Hauptinsel in Betrieb genommen.

Keiner weiß genau wann die letzte Landung war

Immer wieder gibt es Forderungen, dass die einstige Schweinefarm in irgendeiner Form touristisch genutzt werden sollte, aber geschehen ist bislang nichts. Diese verfällt zunehmend und ist mittlerweile ein Lost Place aus dem Bilderbuch. Wenn man explizit danach sucht, wird man sogar noch Unterlagen des ehemaligen Betreibers finden. Offiziell ist das Betreten aus Sicherheitsgründen verboten. Teilweise ist das “Durchgehen” kompliziert, da sich die Natur in Form von Pflanzen und Bäumen ausgebreitet hat.

Der Comino Heliport wird also schon seit über einem Jahrzehnt nicht mehr “landwirtschaftlich” genutzt. Auch schon während der letzten Betriebsjahre war der Flugbetrieb eher eine Rarität. Offiziell ist der JCO noch am Netz, aber wann zuletzt ein Helikopter gelandet ist, weiß niemand so genau, da es ein unkontrollierter Landeplatz ist.

Die Insel Comino ist bei Touristen eher für die in der Hauptsaison stark überlaufene Blaue Lagune bekannt. Zahlreiche Anbieter bringten Urlauber auf die kleine Insel und man kann durchaus von regelrechter Massenabfertigung sprechen. Bewegt man sich einige Schritte von diesem Ort weg, so gibt es im Bereich Lost Places viel zu entdecken. Auch mit der Tierwelt kann man Bekanntschaft machen und mit etwas Glück sogar Chamäleons in freier Wildbahn treffen.

In den 1970er Jahren wollte man Comino touristisch ausbauen und errichtete ein Hotel samt Bungalows. Derzeit befinden diese sich in Renovierung und sollen künftig als Luxusunterkünfte positioniert werden. Das Projekt ist massiv umstritten, denn der Bauherr will die Ferienhäuschen nicht mehr an Touristen vermieten, sondern verkaufen. Darüber wird gestritten, denn eigentlich dürfen per Gesetz auf Comino keine neuen Wohnsitze errichtet werden. Gegner sagen, dass dieses quasi durch die Hintertür umgegangen werden soll. Der Heliport wird deswegen nicht mehr Verkehr bekommen, denn von der Santa Maria bzw. San Niklaw Bay aus ist der Weg zum Landeplatz äußerst mühsam.

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Jan Gruber ist Leitender Redakteur von Aviation.Direct. Zuvor war er seit 2012 in selbiger Funktion bei AviationNetOnline (vormals Austrian Aviation Net) tätig. Er ist auf Lowcost-Carrier, Regionalluftfahrt in der D-A-CH-Region und tiefgehende Recherchen spezialisiert.

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