Kommentar: Willkommen im Sommerchaos!

Flughafen Köln/Bonn (Foto: Jan Gruber).
Flughafen Köln/Bonn (Foto: Jan Gruber).

Kommentar: Willkommen im Sommerchaos!

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Für viele Urlauber endeten die Ferien bereits an den Flughäfen Köln/Bonn und Düsseldorf, denn entgegen aller Beteuerungen der Airports kam es zu enorm langen Wartezeiten bei den Sicherheitskontrollen. Dazu kommt, dass aufgrund von Streiks einige Verbindungen von Ryanair gestrichen werden mussten. Aus völlig anderen Gründen hat Eurowings viele Fluggäste sitzen lassen.

Die Gewerkschaft Verdi kommentiert die Zustände, die zu Ferienbeginn an den beiden größten Flughäfen Nordrhein-Westfalens herrschen als „Desaster mit Ansage“. Man habe schon vor über einem Jahr deutlich gewarnt, dass die Personaldecke in vielen Bereichen zu gering ist. Reagiert haben die Arbeitgeber aber viel zu spät und zum Teil überhaupt nicht. Leidtragende sind nun Fluggäste, die eigentlich nur in den Urlaub fliegen wollten.

Es ist ja nicht so, dass es keine Vorzeichen dafür gab, dass sich große Probleme anbahnen, denn bereits während der Oster- und Pfingstferien ist es an vielen Flughäfen in ganz Europa gelinde gesagt unrund gelaufen. Die Nachfrage zog wieder ordentlich an und es offenbarte sich, dass die Personalpolitik, für die sich viele Entscheidungsträger entschieden haben, total verkorkst ist. Man trennte sich kurz nach dem Beginn der Corona-Pandemie von vielen Mitarbeitern und nahm an, dass diese später ohnehin zurückkommen würden. Ein Irrglaube, denn gerade in Bereichen, die nicht gerade als Spitzenverdiener-Jobs bekannt sind, haben sich viele in anderen Branchen neu orientiert.

Deutsche Kurzarbeit für Geringverdiener existenzbedrohend

Die viel gelobte Kurzarbeit hat in Deutschland ebenfalls nicht dazu beigetragen, dass Beschäftigte in Bereichen, in denen man viele helfende Hände braucht, aber die Löhne nicht berauschend sind, gehalten werden konnten. Im Gegensatz zu Österreich wurden die Betroffenen mit nur etwa 60 Prozent ihres Lohns abgespeist und „freiwillige Aufstockungen“ gewährten viele Arbeitgeber nicht. Beispielsweise konnten viele Sicherheitsmitarbeiter von diesem geringen Einkommen schlichtweg nicht leben und haben sich anderweitig orientiert, um über die Runden zu kommen. Warum sollte man dann in die Luftfahrt zurückkehren?

Den Arbeitgebern kann man viele Vorwürfe machen und in fast allen Fällen sind diese auch berechtigt, denn viele haben sich in der Pandemie ihren Beschäftigten gegenüber nicht loyal verhalten. Allerdings standen gerade kleinere Dienstleister, die als Sub vom Sub vom Sub tätig sind, oftmals kurz vor der Insolvenz, weil das Einkommen faktisch weggebrochen ist. Die Verantwortung ist bei der Politik zu suchen, denn für dubiose Masken-Deals, bei denen undurchsichtige Zirkel kräftig mitverdient haben, hatte man Geld übrig und auch für völlig sinnbefreite Corona-Apps warf man Geld aus dem Fenster. Die Luftfahrt- und Touristikbranche wurde aber nur mangelhaft unterstützt. Zwar gab es die eine oder andere öffentlichkeitswirksame Aktion bzw. hat man besonders großen Anbietern Milliarden von Euro in den Rachen gesteckt, aber nirgendwo festgeschrieben, dass das Geld auch dafür verwendet werden muss, um die Arbeitsplätze zu erhalten.

Letztlich rächt sich nun, dass man eben auf die Beschäftigten nur wenig bis gar keine Rücksicht genommen hat und jetzt hat man es schwer neue Mitarbeiter gegen niedrige Löhne zu finden. Es ist ja nicht so, dass die Luftfahrtbranche noch den Ruf als zuverlässiger Arbeitgeber hat. Mittlerweile ist das Gegenteil der Fall, denn ganz unabhängig vom Image der jeweiligen Unternehmen, trägt die Politik dazu aktiv bei. Wie? Welche Perspektive gibt es denn? Macht man mal wieder einen Lockdown oder führt irre Einreisebeschränkungen ein und die Nachfrage bricht wieder ein? Und was ist dann mit den Mitarbeitern? Derartige Gedanken beschäftigten Menschen, die auf Jobsuche sind oder bereit zur Veränderung sind und zumeist zieht man eben Stabilität vor. Diese ist zum Beispiel im Supermarkt oder als Security vor dem Eingang einer Behörde eher gegeben als bei der Siko am Flughafen.

Ganz unabhängig davon: Die jüngsten Streichungen, die in Köln/Bonn und Düsseldorf für verärgerte Passagiere gesorgt haben, stehen nur in geringem Umfang im Zusammenhang mit dem Siko-Chaos. Bei Ryanair ist die Ursache simpel: Streiks, weil Gewerkschaften in einigen Ländern für ihre Mitarbeiter bessere Löhne fordern. Natürlich ist es massiv ärgerlich für Betroffene, wenn diese ausgerechnet zu Beginn der Ferienzeit stattfinden. Den Arbeitnehmervertretern aber die Schuld dafür zu geben, dass sich die Managements einiger Airlines ernsthafter Verhandlungen verweigern oder stur Verbesserungen ablehnen, ist aber völlig falsch. Jeder Streik ist zu verhindern, wenn man miteinander spricht und genau das meinen manche Airline-Chefs nicht tun zu müssen.

Dass Passagiere kommen wusste man vorher

Die Eurowings-Streichungen sind ein Sonderfall, denn bei der Lufthansa-Tochter wurde nicht gestreikt. Der Carrier hat eigenen Angaben nach in den letzten Tagen besonders viele Krankenstände erhalten und somit ist die ohnehin nicht sonderlich dicke Personaldecke massiv zu dünn. Es fehlen also besonders Flugbegleiter und somit kann man nicht fliegen. Dass die Beschäftigten der Germanwings, die man jetzt dringend brauchen könnte, vor die Tür gesetzt wurden, haben die Entscheidungsträger vielleicht schon wieder vergessen. Eurowings hat das Chaos komplett hausgemacht, denn man hat im Bereich des Vertriebs regelrecht Vollgas gegeben und war erfreulicherweise erfolgreich. Es ist allen Airlines, inklusive Eurowings zu vergönnen, dass man nach schwierigen Pandemiejahren beste Buchungszahlen hat.

Das „Aber“: Man hätte vorher wissen müssen wie viel man eigentlich mit dem bestehenden Personal fliegen kann. Das Motto „wird schon werden“ bzw. „bis dahin haben wir genug Leute“ funktionierte vor der Pandemie „so irgendwie“, aber damals waren Jobs in der Luftfahrt noch populär. Ja, für viele junge Frauen und Männer war Flugbegleiter ein echter Traumjob. Und heute? Viele Stellen sind ausgeschrieben und hie und da trudelt mal eine Bewerbung ein. Manchmal springen die Kandidaten dann auch wieder ab, wenn es um das Thema Bezahlung geht. Kurzfristig viele Luftfahrtmitarbeiter anzuheuern ist aber auch anderen Gründen nicht möglich: Es sind Ausbildungen und Schulungen notwendig, die je nach Berufsgruppe unterschiedlich lange dauern.

Leider dürften die langen Warteschlangen und die vielen abgesagten Flüge, die es zum Beispiel in Köln/Bonn und Düsseldorf gab und gibt, nur ein Vorgeschmack darauf sein, was im Sommer 2022 vielen Passagieren noch bevorsteht. Das Ausweichen auf die Bahn ist übrigens auch keine so tolle Idee, denn in der Bundesrepublik überfüllt das Neun-Euro-Ticket die Garnituren und in Österreich trägt das Klimaticket in eine ähnliche Richtung dazu bei. Klar, die Nutzung der Öffis ist positiv, aber die Kapazitäten hätte man vorher aufstocken müssen, denn eine sonderliche Überraschung kann es doch nicht sein, dass günstige Fahrkarten auch in Anspruch genommen werden. Weicht man aufs Auto aus, wird es beim Tanken besonders teuer und Autofahrerclubs warnen bereits vor vielen, vielen Staus auf Europas Autobahnen.

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Jan Gruber ist Leitender Redakteur von Aviation.Direct. Zuvor war er seit 2012 in selbiger Funktion bei AviationNetOnline (vormals Austrian Aviation Net) tätig. Er ist auf Lowcost-Carrier, Regionalluftfahrt in der D-A-CH-Region und tiefgehende Recherchen spezialisiert.

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