Getestet: Mit dem Klimaticket in der Westbahn-“Premium Economy” durch Österreich

Stadler Kiss III (Foto: Westbahn).
Stadler Kiss III (Foto: Westbahn).

Getestet: Mit dem Klimaticket in der Westbahn-“Premium Economy” durch Österreich

Stadler Kiss III (Foto: Westbahn).
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Die private Eisenbahngesellschaft Westbahn hat mit Fahrplanwechsel, der am 12. Dezember 2021 vollzogen wurde, mit der Comfort-Class ein Pendant zur Premium-Economy-Class der Fluggesellschaften auf die Schiene gebracht. Die “Zweite-Klasse-Plus” kann mit dem österreichischen Klimaticket ohne Aufpreis genutzt werden.

Bislang ist in Österreich noch keine Eisenbahngesellschaft auf die Idee gekommen eine “Premium-Economy” auf die Schiene zu bringen. Mit der Inbetriebnahme der neuen Stadler-Kiss-III-Triebwägen wagt die Westbahn diesen Vorstoß. Der Mitbewerber ÖBB hat in den Railjets zwar auch drei Beförderungsklassen, allerdings keine, die explizit zwischen Erster und Zweiter angesiedelt ist. 

Doch wer ist eigentlich bereit auf der Strecke Wien-Salzburg einen Aufpreis für ein bisschen mehr Komfort zu bezahlen und das auch noch bei einer Eisenbahngesellschaft, deren “Holzklasse” auf dem Niveau der Ersten Klasse anderer Carrier ist? Stammkunden, denen man ein bisschen mehr bieten möchte und wenn diese das Klimaticket haben, gibt es das Upgrade sogar kostenlos. Auch die Reservierung des Wunschsitzplatzes ist unentgeltlich über die Westbahn-Homepage möglich. Vielfahrern und allen, die es noch werden könnten, mehr Komfort bieten und damit Kundenbindung erreichen ist also die offensichtliche Strategie der Westbahn.

“Premium-Eco” mit dem Klimaticket ohne Aufpreis

Kann das aufgehen? Offenbar schon, denn eine von Aviation.Direct durchgeführte Probefahrt, von der Westbahn erst nachträglich erfahren hat und somit keine Möglichkeit hatte sich für diesen Bericht vorzubereiten, zeigte, dass die Comfort-Class äußerst gut ausgelastet ist. Alle Sitzplätze waren nicht nur reserviert, sondern auch von Fahrgästen genutzt. Wie bei Bahnfahrten üblich gab es bei den Zwischenstopps Einstiege und Ausstiege, jedoch war die “Premium-Eco” stets voll. Die überwiegende Mehrheit der Passagiere hatte das so genannte Klimaticket Ö. Der Rest gönnte sich ein Upgrade.

Die Comfort Class der Westbahn ist in Vierergruppen an Tischen angeordnet. Gerade für Familien ist das gegenüber normalen Großraumwägen ein Pluspunkt, denn so haben Eltern ihre Kinder nicht nur stets im Blick, sondern Jause oder Brettspiele sind überhaupt kein Problem. Wem Uno, Kniffel oder Mühle zu langweilig sind, der kann das kostenfreie Wireless-LAN nutzen. In diesem Zusammenhang ist auch zu erwähnen, dass es sich an den Tischen auch gut am Laptop arbeiten lässt, denn subjektiv empfunden steht mehr Freiraum zur Verfügung. Noch subjektiver empfunden: Der tragbare Computer steht gefühlt stabiler. Die Stromversorgung ist durch die Steckdosen auch kein Problem.

Westbahn-Comfort-Class (Foto: Westbahn).

Gepäckbereiche sorgen für raschen Passagierfluss

Beim Einsteigen konnte ein interessantes Phänomen beobachtet werden, denn die Fahrgäste haben ihre Koffer in die sich gleich nach dem Eingang in die Comfort Class befindlichen Gepäckabstellflächen gelegt und lediglich Handgepäck in etwa Damen-Handtaschengröße mit zum Platz genommen. Das sorgt dafür, dass Boarding und Deboarding schnell vorangehen und die Gänge bzw. Plätze nicht mit Koffern blockiert sind. Gegen ein Pfand (1-Euro-Münze) kann das Gepäckstück zusätzlich angekettet werden, um Dieben keine Chance zu geben.

Was in den Zügen der Westbahn generell auffällig ist: Mistkübel, wie in Österreich Vorrichtungen, die der Entledigung von Abfällen genannt werden, sucht man in den Zügen vergeblich. Es gibt sie schlichtweg nicht, denn die Zugbegleiter gehen regelmäßig durch und sammeln leere Flaschen, alte Zeitungen und so weiter ein und übergeben die Müllsäcke an den Bahnhöfen ihren Kollegen zur endgültigen Entsorgung. Aus hygienischen Gründen sind auf den Toiletten, die bei der Westbahn traditionell geschlechtergetrennt sind, kleine Mistkübel vorhanden. Diese sind jedoch nicht für klassische Reiseabfälle gedacht.

Vor einigen Jahren sorgte die Westbahn mit Raucherkammerln für Aufsehen. Wer diese erwartet anzutreffen muss enttäuscht werden. Es ist zwar richtig, dass es diese in der ersten Generation der Kiss-Züge gab und man dort auch wirklich rauchen durfte, jedoch ist das schon lange im wahrsten Sinne des Wortes “ausgedrückt”. Die österreichische Gesetzgebung änderte sich, so dass auch die Raucherkammerl der Westbahn, die ohnehin nie Beförderungsabteile waren, zu Nichtraucherzonen wurden. In Zeiten von Corona und FFP2-Maskenpflicht sind Raucherbereiche in öffentlichen Verkehrsmitteln ohnehin undenkbar und werden bei der Westbahn auch immer Geschichte bleiben.

Westbahn-Comfort-Class (Foto: Westbahn).

Auch Klimaticket-Inhaber können “Cashback” für Getränke sammeln

Grundsätzlich hat die Westbahn ein Bonusprogramm, deren Punktegutschrift sich daran orientiert wie viel man für den Fahrschein bezahlt hat. Bei Klimaticket-Inhabern ist das nicht so einfach, denn diese brauchen keine zusätzliche Fahrkarte und bekommen on-top kostenfreies Upgrade in die Zweite-Klasse-Plus samt Sitzplatzresevierung. Durch die Finger schaut diese Kundengruppe aber nicht.

Laut Westbahn orientiert sich die Gutschrift der Punkte bei Klimatickets nach den zurückgelegten Kilometern. Das ist auch der Grund dafür, dass man nur dann Bonuspunkte sammeln kann, wenn man das Klimaticket im Kundenkonto hinterlegt hat und an Bord den so genannten Relax-Check-in über das Smartphone nutzt. Andernfalls wissen die Computer der Westbahn gar nicht wo man ein- und ausgestiegen ist. Wer lieber “anonym” reisen möchte, kann auch einfach in die Standard-Class einsteigen und den Zugbegleitern das physische Klimaticket zeigen.

Für die Strecke Wien-Salzburg bekommt man als Inhaber des Klimatickets 26 Westbahn-Punkte am Folgetag gutgeschrieben. Der finanzielle Gegenwert entspricht 2,60 Euro, da ein Punkt zehn Cent wert ist. Anders ausgedrückt: Klimaticket-Passagiere erhalten in der Comfort-Class, für die sie ein kostenfreies Upgrade samt Sitzplatzreservierung bekommen, auf der Strecke Wien-Salzburg ein “Cashback” in der Höhe von 2,60 Euro. 

Das Punkteguthaben kann für den Erwerb von Fahrkarten, aber auch für Upgrades in die First-Class genutzt werden. Im Laufe vom Jänner 2022 soll eine zusätzliche Möglichkeit kommen und zwar können dann an Bord Getränke an den Verkaufsautomaten mit Bonuspunkten bezahlt werden. Dazu wird man einen QR-Code aus dem Kundenkonto am Gerät scannen und anschließend wird das Getränk mit Punkten bezahlt. Gerade für Pendler scheint das durchaus interessant zu sein, denn bei regelmäßigen Fahrten sammeln sich schnell viele Punkte an. Für den Relax-Check-In braucht man übrigens keine eigene App, sondern man muss lediglich über den Smartphone-Browser einen QR-Code, der sich in der Comfort-Class auf den Tischen befindet, scannen. Falls dies mal nicht funktioniert, kann die Sitzplatznummer auch manuell eingetippt werden.

Stadler Kiss 3 der Westbahn (Foto: Schedl/WESTbahn).

Fazit: Westbahn hat eine Innovation auf die Schiene gebracht

Es ist gerade bei Eisenbahnfahrten durchaus kompliziert zu beurteilen, ob ein Sitz gemütlich ist oder nicht, denn dies ist sehr subjektiv. Die Westbahn startete vor etwa zehn Jahren mit dem Anspruch ein bisschen mehr Komfort für weniger Geld bieten zu können. Der Umstand, dass man Klimaticket-Inhabern ohne Aufpreis Sitze in der “Premium Economy” bietet, ist ein cleverer Schachzug im Bereich der Kundenbindung. 

In der Tat ist es ruhiger, gemütlicher und geräumiger als in der “normalen Zweiten Klasse” anderer Bahngesellschaften. Sowohl als Familie als auch als Geschäftsreisender wird man die Comfort Class der Westbahn rasch zu schätzen wissen und sich beispielsweise nach einem Umstieg in Salzburg in die “normale zweite Klasse” rasch wie von einem Maserati in einen Traktor umgesetzt fühlen. Deswegen wird es besonders spannend mit welchen Angeboten die Westbahn nach Aufnahme der München-Züge um Klimaticket-Kunden werben wird. Mit der Comfort Class ist dem privaten Anbieter jedenfalls eine kleine Innovation gelungen und Nachahmung durch andere Eisenbahngesellschaften ist im Sinne der Fahrgäste wirklich wünschenswert.

Klimaticket (Foto: Robert Spohr).

Abschließend wird im Sinne der Transparenz darauf aufmerksam gemacht, dass die Westbahn für diesen Tripreport keinen Fahrschein zur Verfügung gestellt hat und auch keinen Einfluss auf den Inhalt genommen hat. Seitens Aviation.Direct wurde auch nicht um eine kostenfreie Fahrkarte angefragt. Das Unternehmen hat erst nachträglich von der Probefahrt auf der Strecke Wien-Salzburg offiziell erfahren. Für die Fahrt wurde das Klimaticket Ö genutzt, das in Österreich jeder kaufen und nutzen kann. Diese neue Netzkarte ist integraler Bestandteil des Produkttests.

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Jan Gruber ist Leitender Redakteur von Aviation.Direct. Zuvor war er seit 2012 in selbiger Funktion bei AviationNetOnline (vormals Austrian Aviation Net) tätig. Er ist auf Lowcost-Carrier, Regionalluftfahrt in der D-A-CH-Region und tiefgehende Recherchen spezialisiert.

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