Stichprobe: So mies läuft es bei den Airlines in Wien

Flughafen Wien (Foto: Jan Gruber).
Flughafen Wien (Foto: Jan Gruber).

Stichprobe: So mies läuft es bei den Airlines in Wien

Flughafen Wien (Foto: Jan Gruber).
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Im kommerziellen Linienverkehr läuft es derzeit nicht schlecht, sondern sprichwörtlich hundsmiserabel: Die stichprobenartig erhobene Auslastung der Flüge am Flughafen Wien vom Wochenende zeigt deutlich, dass selbst Kampfreisangebote im einstelligen Eurobereich die Nachfrage nicht ankurbeln können.

Nicht nur Austrian Airlines, sondern auch Billig-Konkurrenten wie Wizzair, Ryanair/Lauda, Easyjet und bleiben sprichwörtlich auf ihren Flugscheinen sitzen. Eingehend stellt sich natürlich sofort die berechtigte Frage: Wie lange können und wollen sich die am Flughafen Wien tätigen Anbieter den miserablen Absatz und damit desaströse Einnahmen noch leisten?

Ryanair und ihre Tochter Lauda hatten am Wochenende im durchschnittlich 30 bis 40 Passagiere pro Flug an Bord. Der von Lauda verwendete Maschinentyp Airbus A320 verfügt über 180 Sitze, so dass sich ein Ladefaktor 16,67-22,22 Prozent ergibt. Anders ausgedrückt: Gerundete 80 Prozent der Sitze in den Lauda-Maschinen waren leer. Bei jenen Flügen, die mit Boeing 737 von Ryanair, Buzz oder Malta Air bedient wurden, sieht der Ladefaktor noch schlechter aus, da das Muster mit 189 Plätzen bestuhlt ist. So ergibt sich auf der Boeing 738-800 eine durchschnittliche Auslastung von 15,87-21,16 Prozent. Am Sonntag stellte der Kurs FR7361 (Bergamo-Wien) mit etwa 60 Passagieren (zirka 31,75 Prozent Auslastung) eine positive Ausnahme dar. Der Wien-Flugplan wurde erst vor wenigen Tagen drastisch gekürzt.

Bei den Lufthansa-Töchtern Eurowings und Swiss waren sogar noch weniger Passagiere an Bord. Im Schnitt waren es pro Flug etwa 20 Passagiere. Exemplarisch wird die prozentuale Auslastung für einen mit 144 Sitzen bestuhlten A319 dargestellt: 13,89 Prozent. Anders Ausgedrückt: Über 86 Prozent der Sitzplätze waren leer. Eurowings hat derzeit sämtliche Wien-Flüge, ausgenommen Düsseldorf und Hamburg, temporär eingestellt

Turkish Airlines konnte am Wochenende die beste Auslastung erzielen, denn auf den Flügen befanden sich im Durchschnitt 150 Passagiere. Eingesetzt wurde der Maschinentyp Boeing 737, so dass man fast, aber nur fast, glauben könnte, dass es keine Krise gibt. Das Wochenende war bei Turkish leider auch nur ein “positiver Ausrutscher”, denn ansonsten kämpft man in Wien auch mit schwacher Nachfrage und daraus resultierend schlechter Auslastung.

Bei Austrian Airlines war die Auslastung sehr unterschiedlich, jedoch befanden sich nur auf sehr wenigen Flügen mehr als 50 Passagiere an Bord. Eine Ausnahme stellte beispielsweise der Shanghai-Flug mit etwa 120 Reisenden dar. Unter Berücksichtigung des Umstands, dass die Boeing 767-300ER bei dieser Fluggesellschaft über 211 Sitzplätze verfügt, lag die Auslastung bei etwa 56,87 Prozent. Das war allerdings auch schon die positive Ausnahme, denn der mit Embraer 195 durchgeführte Kurs OS156 hatte am Sonntag nur etwa 20 Passagiere an Bord. Dieser Maschinentyp verfügt bei der AUA über 112 Sitze, so dass die Auslastung bei etwa 17 Prozent lag. Anders ausgedrückt: 83 Prozent der Sitze blieben leer.

Das war jedoch kein “Einzelfall”, denn OS172, OS174, OS213, OS576, OS376 hatten auch so wenige Fluggäste an Bord, um einige weitere Beispiele zu nennen. Auf den Kursen, die mit Airbus A319 (130 Sitzplätze) durchgeführt wurden, lag die durchschnittliche Auslastung bei rund 15,38 Prozent, also etwa 84 Prozent der Sitze blieben leer. Die Flüge, die mit Turbopropflugzeugen des Typs DHC Dash 8-400 (72 Sitze) bedient wurden, lag der Ladefaktor bei etwa 27,78 Prozent – rund 73 Prozent der Plätze blieben also frei. Der Kurs OS306, durchgeführt mit A320 (160 Sitze) hatte etwa 40 Passagiere an Bord, Ladefaktor: 25 Prozent – 75 Prozent leere Sessel.

Besser ausgelastet war beispielsweise Flug OS632 (Warschau-Wien) mit etwa 60 Passagieren im Embraer 195. Mit einer Auslastung von 53,57 Prozent war das Flugzeug ungefähr halbvoll. In der DHC Dash 8-400 von Bologna nach Wien befanden sich am Sonntag in etwa 40 Passagiere, was bei diesem Maschinentyp einen Ladefaktor von etwa 55,56 Prozent bedeutet. Auch diese Werte sind – angesichts des Umstands, dass alle Fluggesellschaften ihre Tickets derzeit sehr günstig verkaufen – zu schwach, um wirtschaftlich fliegen zu können. Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist der Yield höher als in der Ryanair-737, jedoch wird es nicht reichen. Am Sonntag hatten die AUA-Kurse OS902 (Innsbruck-Wien) und OS810 (Thessaloniki-Wien) sogar weniger als 20 Passagiere an Bord, so dass sich deutlich zeigt, dass es momentan keine Rolle spielt, ob die Tickets im einstelligen Eurobereich verramscht werden oder zwischen 50 und 100 Euro angeboten werden, die Nachfrage scheint nicht vorhanden zu sein.

Bei Easyjet läuft es jedoch auch nicht besser. Die durchschnittliche Auslastung auf den ab Wien angebotenen Strecken ist mit jener der Mitbewerber vollkommen vergleichbar und fast identisch. Den absoluten Tiefpunkt markierte am Wochenende der Kurs EZS1193 von Basel nach Wien, auf dem sich weniger als 20 Passagiere befanden. Easyjet Switzerland verkündete vor wenigen Tagen, dass die Basis Basel um zwei Maschinen verkleinert wird und auch Personal abgebaut werden muss. Auch Easyjet kürzt streckennetzweit und kann weitere Kapazitätsrücknahmen nicht ausschließen.

Die Auslastung bei Wizzair unterscheidet sich nicht von jenen der MItbewerber. Im Durchschnitt hat man etwa 30 bis 40 Passagiere, manchmal deutlich weniger, manchmal ein bisschen mehr, an Bord. Dieser Carrier setzt derzeit ab Wien überwiegend Maschinen des Typs Airbus A320, die mit 180 Sitzen bestuhlt sind, ein. Die Auslastung ist fast deckungsgleich mit jenen der Lauda-A320. Der Umstand, dass Ryanair/Lauda und Wizzair im ganz großen Stil Flugscheine im einstelligen Eurobereich, zum Teil sogar ab fünf Euro, verkaufen, jedoch an Bord dennoch so viele Sitze leer bleiben, zeigt eindeutig, dass über den Preis keine höhere Nachfrage generiert werden kann. Die ungarische Billigfluggesellschaft kürzt das Angebot in Wien drastisch und zog sich aus Salzburg sogar temporär zurück. Um auch hier eine positive Ausnahme zu nennen: Kurs W6 2860 von Stockholm-Skavsta nach Wien hatte am Sonntag etwa 60 Reisende an Bord. Die Auslastung lag somit bei etwa 31,75 Prozent.

Anzumerken ist auch, dass mit ganz wenigen Ausnahmen alle derzeit in Wien tätigen Fluggesellschaften am Wochenende enorm viele Flüge gestrichen haben. Zu den Gründen macht man nur sehr ungerne Angaben, doch angesichts der zum teil hundsmiserablen Auslastungen jener Kurse, die durchgeführt wurden, ist die Spekulation, dass die Buchungen dermaßen schlecht waren, dass die Durchführung wirtschaftlich untragbar gewesen wäre, gar nicht abwegig. Die Liste der allein von Austrian Airlines abgesagten Flüge ist dermaßen lang, dass es den Rahmen dieses Artikels sprengen würde. Mit wenigen Ausnahmen haben die Airlines, die Flüge am Wochenende abgesagt haben, nicht kurzfristig gestrichen, sondern bereits ein paar Tage zuvor, weshalb diese in vielen Fällen auf der öffentlichen Anzeigetafel nicht sichtbar waren.

Woran liegt die schwache Auslastung?

Diese Frage ist simpel zu beantworten: An der hundsmiserablen Nachfrage nach Flugtickets. Momentan gibt es subjektiv empfunden kein Produkt, das sich so schlecht verkauft wie Flugscheine. Das liegt in erster Linie daran, dass der Flickenteppich an Einreise- und Quarantänebestimmungen dermaßen undurchblickbar ist, dass viele lieber zu Hause bleiben, denn die Sorge in Absonderung zu müssen und/oder teure PCR-Tests selbst bezahlen müssen oder gar womöglich bei Ansteckung mit Coronavirus den Job zu verlieren, ist sehr groß. Gleichzeitig mangelt es an Vertrauen gegenüber den Fluggesellschaften, denn die Sache mit den verschleppten Rückzahlungen dürfte insbesondere Privatkunden noch länger im Magen liegen. Dazu kommt noch, dass sich die europäischen Länder gerade wieder gegenseitig mit Reisewarnungen überschütten, was nochmals zu einem Dämpfer im Bereich der Nachfrage führt.

Es bleibt aber noch eine weitere Sorge, die teilweise ebenfalls von den Airlines hausgemacht ist: Mitte März stellten viele Carrier nach und nach ihre Flugbetriebe ein und informierten darüber ihre Kunden nur sehr kurzfristig oder im Extremfall sogar gar nicht. Bei Umbuchungen auf frühere Verbindungen, um eben dem Aufruf der Regierung nachkommen zu können, stellten sich manche Anbieter bockig und baten zur Kasse. In Schutz nehmen muss man die Branche aber auch: Manche Staaten haben einfach über Nacht sämtliche Flüge verboten und somit konnten die Airlines ihre Kunden gar nicht nach Hause holen. Dieser Umstand spielte eine erhebliche Rolle, dass die Rückholaktionen der Regierungen von Österreich und Deutschland überhaupt notwendig wurden.

Wie kann die Branche wieder durchstarten?

Klar ist, dass der Luftfahrt und Touristik ein eiskalter Winter bevorsteht, den höchstwahrscheinlich nicht alle Anbieter überleben werden. Die Branche kann nur dann weitgehend aus eigener Kraft überleben, wenn praktikable Reiseregeln als Ersatz für die Quarantäne geschaffen werden. Die neue “EU-Karte” ist ein bisschen nutzlos, denn auf dieser ist fast ganz Europa rot eingefärbt, ein paar wenige Staaten sind orange und die wenigen grünen Flecken muss man fast mit der Lupe suchen.

Airlines und Flughäfen, aber auch Hoteliers, hoffen darauf, dass künftig vor jedem Flug oder aber spätestens bei der Einreise Corona-Schnelltests durchgeführt werden. Wer negativ ist, darf reisen, wer positiv ist, muss zu Hause bleiben oder ggfs. in Quarantäne bzw. zumindest einen klassischen PCR-Test zur Verifizierung absolvieren. Obwohl es noch überhaupt keine politischen Entscheidungen gibt, bereitet die Branche alles vor, um sofort am Start sein zu können, so auch am Flughafen Wien. Die Hoffnungen sind sehr groß, doch dazu braucht es zumindest innerhalb der EU eine Einigung auf ein solches Verfahren und die Aussichten sind nicht wirklich gut.

Derzeit sind alle Staaten mit ihren eigenen Rekord-Infektionszahlen beschäftigt und das allerletzte, an das jetzt gedacht wird, sind Auslandsreisende. Somit befindet sich das Vorhaben in einer Art Warteschleife, für die Branche ist es aber wichtig, dass dies so schnell wie möglich umgesetzt wird, so dass Reisen so einfach und sicher wie möglich sein werden.

Allerdings: Niemand, aber wirklich absolut niemand, weiß wie sich der Markt dann verhalten wird. Führen Schnelltests in Kombination mit möglicherweise vereinfachten Einreisebestimmungen zu mehr Nachfrage? Das weiß niemand. Gleichzeitig zeigen auch Appelle der Regierungspolitiker verschiedener Länder, dass man nach Möglichkeit bitte die Wohnung nicht verlassen soll, kombiniert mit dem Damoklesschwert “zweiter Lockdown”, dass die Ankurbelung der Nachfrage im Luftverkehr keine Rolle spielt. Es bleibt daher abzuwarten wie sich alles weiterentwickelt und daher schließt dieser Artikel mit der Eingangsfrage: Wie lange wollen oder können sich die Fluggesellschaften diese schwach ausgelasteten Flüge, die zumeist schwerst defizitär sind, noch leisten?

1 Comment

  • Altmetallflieger , 20. Oktober 2020 @ 10:13

    Bei den Sitzplatz Kapazitäten bei der AUA stimmen die Zahlen nicht Dash/8 hat 76 Sitze,E195 hat 120 Sitze,A319 hat 138 Sitze,A320 hat 168/174 oder 180 Sitze eingebaut,je nach Premium Anteil werden Nebensitze geblockt,ist also variabel.

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  • Altmetallflieger , 20. Oktober 2020 @ 10:13

    Bei den Sitzplatz Kapazitäten bei der AUA stimmen die Zahlen nicht Dash/8 hat 76 Sitze,E195 hat 120 Sitze,A319 hat 138 Sitze,A320 hat 168/174 oder 180 Sitze eingebaut,je nach Premium Anteil werden Nebensitze geblockt,ist also variabel.

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